Golf von Mexiko: Ungebremster Ölfluss unter Wasser

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Golf von Mexiko: Gefahr durch Öl Fotos
Tom Atkeson

Es ist ein Kampf gegen die Zeit. Verzweifelt versuchen Öltechniker, ein leckendes Bohrloch tief auf dem Grund des Golfs von Mexiko abzudichten. Wenn der Einsatz mit ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugen scheitert, drohen empfindlichen Küstengebieten schwere Schäden.

Die Arbeit am Macondo-Prospekt war fast erledigt. In 1522 Metern Wassertiefe hatten die Arbeiter der "Deepwater Horizon" das Öllager im sogenannten Mississippi Canyon Block 252 erkundet, tief unter dem Golf von Mexiko. Nun musste noch die Erkundungsbohrung mit einer Metallauskleidung und Beton stabilisiert werden. Dann ein Pfropfen drauf - und fertig. Später würde dann eine Plattform oder ein Förderschiff kommen und das unterseeische Lager in 3500 Metern Tiefe für den Energieriesen BP ausbeuten. Soweit der Plan.

Doch irgendetwas ging gehörig schief. Vergangenen Dienstag explodierte die Plattform, die dem Spezialunternehmen Transocean gehört. Zwei Tage später versank die mehr als fußballfeldgroße Konstruktion komplett. Elf Menschen werden seit dem vermisst. Hoffnung, dass sie überlebt haben, gibt es kaum noch. Seit dem Unglück schlittert die US-Küste auf eine massive Umweltkatastrophe zu. Und zunächst hatte das niemand so recht bemerkt.

Erst seit dem Wochenende ist klar, dass derzeit 160.000 Liter pro Tag aus zwei Lecks am Meeresgrund austreten. In einer dramatischen Untersee-Rettungsaktion soll nun der Ölfluss gestoppt werden. Doch im schlechtesten Fall wird er noch Monate andauern. Umweltschützern macht diese Vorstellung große Angst. "Die Menge kann erheblich werden", warnt der Biologe Carlo van Bernem vom GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Das Öl hat sich von der Unglücksstelle bereits auf 1500 Quadratkilometer ausgebreitet. Wird es an die Küsten getrieben, dann droht es die Mangrovenwälder von Louisiana zu verschmutzen. "Und die gehören zu den sensibelsten Küstenzonen überhaupt", sagt Forscher van Bernem. Auch die US-Bundesstaaten Alabama und Mississippi sind bedroht. Besonders nahe an der Unglücksstelle liegt eine Chandeleurs genannte Inselgruppe, die Teil eines US-Naturreservats ist. Bereits durch den Hurrikan " Katrina" wurde das Gebiet in Mitleidenschaft gezogen, nun droht ihm eine Ölpest.

Die Küstenlandschaft ist Heimat von zahllosen Wasservögeln. Auch Garnelen, Fische, Muscheln und Korallen leben dort zuhauf. Und das Gebiet, sagt van Bernem, wäre extrem schwer von Verschmutzungen zu befreien: "Wenn das Öl einmal dort ist, bekommt man es nie wieder heraus." Es wäre kaum möglich, schweres Räumgerät in die zum Teil schwer zugänglichen Küstenabschnitte zu bringen.

"Vier unterschiedliche Lebensräume sind bedroht"

Doch nicht nur Ökosysteme am Übergang zwischen Wasser und Land sind in Gefahr, warnen Umweltschützer. Schon auf ihrem Weg an die Strände schädigt die schwarze Brühe aus dem Bohrloch Flora und Fauna. "Vier unterschiedliche Lebensräume sind bedroht", sagt Christian Bussau von Greenpeace. Noch vor den Küsten werden der Tiefseeboden, die Wassersäule darüber und die Wasseroberfläche verschmutzt. "Was im Verborgenen passiert, das ist der wirkliche Hammer."

Auf seinem Weg an die Wasseroberfläche bedroht das Öl zum Beispiel Plankton, Fischeier und Schneckenlarven - allesamt wenig telegene Opfer, deren Sterben kaum in den großen Nachrichtensendungen zu sehen sein dürfte. Trotzdem ist der Einfluss immens, zumal verschiedene Strömungen das Öl während des Aufstiegs noch verteilen. Die US-Küstenwache spricht schon jetzt von einem "ernstzunehmenden Ölteppich" - und viele Amerikaner fragen sich, ob das Unglück die Dimension der "Exxon Valdez"-Katastrophe annehmen könnte.

Der unmittelbar vor der Küste von Alaska leckgeschlagene Tanker hatte vor 21 Jahren rund 2000 Küstenkilometer mit Öl verpestet. Einige Strände sind bis heute belastet. Um das Unglück im Golf von Mexiko nicht zu einer Katastrophe dieser Größenordnung werden zu lassen, muss der Ölfluss am Ozeangrund schnell gestoppt werden.

Eine wichtige Rolle spielt dabei der sogenannten Blowout-Preventer. Das ist eine spezielle Sicherheitsinstallation, um das Bohrloch im Notfall verschließen zu können. Eigentlich soll das 450 Tonnen schwere Gerät mit seinen Sicherheitsventilen verhindern, dass Öl- und Gas aus dem Bohrloch unkontrolliert durch die Leitungen nach oben schießen und sich dort entzünden. Offiziell steht die Unglücksursache noch nicht fest und Transocean-Sprecher stellen monatelange Untersuchungen in Aussicht. Doch Manager der Firma haben bereits erklärt, dass es sich wohl um einen der gefürchteten Blowouts gehandelt haben dürfte. Dann hätte die Sicherheitstechnik der "Deepwater Horizon" versagt.

"Wenn das Öl auf hoher See bleibt, könnte das noch zu managen sein"

Nun arbeiten vier ferngesteuerte Roboterfahrzeuge in der Finsternis, anderthalb Kilometer unter der Wasseroberfläche daran, die Sicherheitsventile doch noch zu schließen - und so zumindest das Öko-Desaster noch abzuwenden. "Die Operation dauert 24 bis 36 Stunden", sagt Transocean-Sprecher Guy Cantwell im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es sei eine sehr komplexe technische Operation, so Cantwell. Der Einsatz ist vom Schwierigkeitsgrad her mit Weltraumflügen zu vergleichen.

Die Versuche der Krisenbewältigung illustrieren, wie kompliziert Ölförderung in der Tiefsee nach wie vor ist. Über die genauen Abläufe der Aktion ist wenig bekannt, alle Beteiligten bemühen sich, möglichst wenig Informationen an die Öffentlichkeit zu geben. Klar ist: Drei der vier Unterwassergeräte gehören dem Unternehmen C-Innovation, das unter anderem in Norwegen und den USA sitzt, wie ein Firmensprecher SPIEGEL ONLINE bestätigte. Doch zu den laufenden Operationen will die Firma nichts sagen.

Klar scheint jedoch: Sollten die Bemühungen mit den ferngesteuerten Tauchfahrzeugen scheitern, wird für eine lange Zeit Öl aus den zwei Lecks am Ozeanboden strömen. Dann nämlich müsste Transocean neue Zugänge zum leckenden Bohrloch bohren. Darüber könnte dann ein spezieller Abdichtbrei hineingepumpt werden. Das aber würde Wochen oder gar Monate dauern. Eine Bohrplattform ("Development Driller III") und ein Bohrschiff ("Discoverer Enterprise") sind bereits auf dem Weg.

In der Zwischenzeit versuchen Rettungskräfte, den Ölfilm an der Ozeanoberfläche zu bekämpfen - mit mehr als 30 Schiffen und einem halben Dutzend Flugzeugen und Hubschraubern. Schlechtes Wetter hatte die Arbeiten in den vergangenen Tagen behindert. Gleichzeitig sorgten die Witterungsverhältnisse vorerst dafür, dass die Küsten bisher verschont blieben. Hoffnung also bleibt: "Wenn das Öl auf hoher See bleibt, könnte das noch zu managen sein", sagt Forscher Carlo van Bernem.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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1. ohje...
sternistschnuppe 26.04.2010
Na das ist hoffentlich kein Zeichen dafuer dass niemand in der Lage ist 4000 m unter Wasser nach Oel zu bohren, denn das war eines der letzten grossen Oelfelder die entdeckt wurden und an Land gibt's eigentlich keine weissen Flecken mehr. Das Oel koennte eher ausgehen als uns lieb ist, auch wenn viele es einfach nicht wahrhaben wollen, wenn diese Bohrungen nicht klappen.
2. kurze Zwischenfrage
spiegelmaus 26.04.2010
Kann man die Lecks nicht zusprengen?
3. Beton
Heiner Milch 26.04.2010
Kann man nicht einfach einen großen Haufen Beton über die Löcher kippen?
4. .
Moxxo 26.04.2010
Zitat von spiegelmausKann man die Lecks nicht zusprengen?
Gute Frage. Je nachdem, wie stark das Öl unter Druck steht, wird's sich vermutlich einen anderen Weg bahnen...
5. Das kommt davon...
kleinerhobit 26.04.2010
US-Präsident Obama beabsichtigt ja die Ausbeutung von Ölfeldern vor der US-Küste zu erleichtern. Da kommt dieses Fiasko denkbar ungünstig. Das sollte Anreiz genug sein, die Alternativen zum Erdöl massiv zu fördern. Und die Möglichkeiten dafür sind vorhanden. Man muß nur zupacken!
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