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Golf von Mexiko: US-Regierung erklärt Ölpest zur nationalen Katastrophe

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Das Umweltdesaster im Golf von Mexiko nimmt bedrohliche Ausmaße an: Fünfmal schneller als bislang bekannt strömt das Öl ins Meer. An den Küsten droht Tausenden Tieren schon bald der Tod. Die US-Regierung will die Katastrophe mit allen Mitteln bekämpfen.

Hamburg - Sie kämpfen einen verzweifelten Kampf gegen die Zeit - und nun droht der Wind, die Mühen der Rettungskräfte im Golf von Mexiko zunichte zu machen: Immer schneller treibt das Öl auf die Küste des US-Bundesstaats Louisiana zu. Heimatschutzministerin Janet Napolitano hat das Unglück inzwischen zur Katastrophe von "nationaler Bedeutung" erklärt.

Obama kündigte einen Kampf mit "allen Mitteln" an. Es werde "jede verfügbare Ressource, die uns zur Verfügung steht", eingesetzt, sagte er am Donnerstag. Auch der Einsatz der Armee sei möglich.

Der Ölteppich könnte bereits am Freitagabend (Ortszeit) das ökologisch hochsensible Mississippi-Delta erreichen. Obama hat gleich drei Mitglieder seines Kabinetts zum Ort des Geschehens geschickt: Neben Janet Napolitano sollen Innenminister Ken Salazar und Lisa Jackson, Leiterin der Umweltbehörden EPA, die Gegenmaßnahmen koordinieren. Der stellvertretende Innenminister David Hayes kündigte zudem eine Überprüfung aller Tiefwasser-Bohrstationen im Golf von Mexiko an.

Der Ölteppich wird derweil schnell größer. Inzwischen ist klar: Aus der zerstörten Bohrinsel "Deepwater Horizon" strömt viel mehr Öl aus als gedacht. Nach Angaben der staatlichen Ozean- und Klimabehörde (NOAA) sind es täglich fast 800.000 Liter, das ist bis zu fünfmal mehr, als die Experten bislang annahmen. Auch der Ölkonzern BP, Betreiber der gesunkenen Bohrinsel, korrigierte seine Zahlen.

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Golf von Mexiko: Feuer im Kampf gegen die Ölpest
Der Wind bereitet den Rettungskräften große Sorgen: Nach Angaben von Louisianas Gouverneur Bobby Jindal löste er einen Teil des 160 Kilometer langen und bis zu 72 Kilometer breiten Ölteppichs und treibt ihn nun auf die Küste des US-Bundesstaats zu. "Wir erwarten, dass das Tierschutzgebiet Pass-A-Loutre noch am Donnerstag von dem Ölteppich erreicht wird", sagte Jindal. Er beantragte Nothilfe bei der Regierung in Washington und sprach mit Heimatschutzministerin Napolitano, um weitere Unterstützung zu mobilisieren. Die Regierung habe nun angeboten, die Expertise und die Ausrüstung des Militärs und Verteidigungsministeriums zur Verfügung zu stellen, um die Ölpest einzudämmen, sagte Mary Landry von der US-Küstenwacht.

Das Mississippi-River-Delta könnte schon am Freitag vom Öl verseucht werden, befürchtet NOAA-Wissenschaftler Charlie Henry. Damit schwinden die Hoffnungen, mit einem gezielten Abbrennen das Naturparadies und die vielen dort beheimateten Tiere von dem Öl zu verschonen.

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Drohende Ölpest: Tierparadies in Gefahr
Die Abfackelversuche sieht Christian Bussau, Biologe und seit vielen Jahren Experte für Ölkatastrophen bei Greenpeace, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kritisch: "Der Ölteppich ist so groß, dass klar sein muss, dass das Abbrennen keine adäquate Bekämpfungsmethode sein kann. Das kann nicht funktionieren." Das Abbrennen habe zudem umweltschädliche Folgen: "Es bilden sich riesige Rußwolken, außerdem bleibt eine teerige Paste mit vielen Schadstoffen im Wasser zurück." Der Teppich sei an vielen Stellen sowieso zu dünn zum Abbrennen, sodass man ihn erst zusammentreiben müsse. "Dann aber könnte man ihn auch gleich abpumpen", so Bussau.

Reinigungsaktion praktisch unmöglich

Wenn große Mengen Rohöl in die Marschlandschaften des Mississippi-River-Deltas gelangten, ist eine Reinigungsaktion nach Meinung von NOAA-Wissenschaftler Charlie Henry praktisch unmöglich. Denn das Gebiet ist unzugänglich und dünn besiedelt: An der Stelle, wo einer der größten Flüsse der USA in den Golf von Mexiko mündet, erstreckt sich ein über 28.000 Quadratkilometer großes Naturparadies aus Mangroven und Sumpflandschaften. Bislang war es ein Glück für die Tierwelt, dass kaum Menschen dorthin vordrangen. Vogelfußdelta wird das Gebiet auch genannt - wegen seiner Fingerform, mit der es in den Golf von Mexiko ragt.

Der Name passt doppelt, denn hier sind viele Wasservögel heimisch, Rötelreiher, Mexikoenten, Seeregenpfeifer und der bis vor kurzem noch bedrohte Braunpelikan stapfen hier durch den Sumpf. Nun ist das Paradies von der Ölpest bedroht.

Als eines der ersten Gebiete könnte es Venice treffen, den äußersten Zipfel des Mississippi-River-Deltas. Dann werden über die Bildschirme wieder erschreckende Bilder von ölverklebten Gefiedern und elendig zugrunde gegangenen Meeresvögeln flimmern. Aber nicht nur Vögel leben dort, auch Mississippi-Alligatoren, Schlangen und viele Frösche sind in den subtropischen und feuchtwarmen Gebieten heimisch. Am Sonntag könnte das Öl laut NOAA-Vorhersage dann die Chandeleur-Islands erreichen, eine vorgelagerte Inselkette, die erst im Jahr 2005 von Hurrikan Katrina schwer heimgesucht wurde. Sie sind eine bedeutende Raststation für Zugvögel.

Nun sind alle diese Gebiete bedroht von einer Naturkatastrophe, die sich derzeit noch auf das Meer erstreckt - mit fatalen Auswirkungen auf dessen Bewohner: "Meeresschildkröten, Delfine und Wale leben im Golf von Mexiko", sagt Stephan Lutter, Experte für Meeresschutz des WWF, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Schildkröten müssen genau durch das derzeit verseuchte Gebiet, um an die Strände Alabamas, Floridas und Mississippis zu gelangen. Dort legen sie ihre Eier ab. Zudem ist der Golf von Mexiko das Laichgebiet des Blauflossen-Thun, einer ohnehin schon bedrohten Fischart.

"Das wird Wochen, wenn nicht gar Monate dauern"

"Wir sehen nur die Oberfläche, aber das eigentliche Drama spielt sich darunter ab", sagt Bussau. "Das aus den Lecks strömende Öl steigt langsam im Meer auf, wird durch die Strömungen weit verteilt und verseucht die ganze Wassersäule unter dem Teppich." Und die ist voller Plankton, mikroskopischen Kleinstlebewesen, die für Fische und Wale die Nahrungsgrundlage bilden. Alle Lebensgemeinschaften am Meeresboden würden daher in Mitleidenschaft gezogen, so Lutter. "Laichgründe werden ruiniert, die Fischbestände betroffen, all das wird schwere Auswirkungen auf das Ökosystem haben."

Auch die Wirtschaft dürfte unter der Ölpest zu leiden haben: Die Bewohner der Delta-Ebene leben von der Fischerei, zudem werden dort Shrimps gefangen und Austern gezüchtet. Ein bedeutender Teil der US-Fischerei-Industrie liegt hier, jährlich werden Meeresfrüchte und Fisch im Wert von rund 1,8 Milliarden Euro aus dem Wasser gezogen. Dabei ist der Golf von Mexiko eine ohnehin schon geschundene Region, sagt Lutter. "Mit dem Mississippi gelangt viel Dünger aus der Landwirtschaft in den Golf." Der lässt Algen blühen, die dem Wasser und damit den Lebewesen Sauerstoff entziehen.

Nach Meinung von Bussau ist eines schon jetzt klar:"Das Ganze wird Wochen, wenn nicht gar Monate dauern."

Mit Material von AFP und apn

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
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1. .
frubi 29.04.2010
Zitat von sysopFünfmal mehr Öl als bislang bekannt leckt aus der kaputten Bohrstation im Golf von Mexiko, das räumt nun auch der BP-Konzern ein. Der Wind treibt den Teppich auf die Küsten zu, schon in wenigen Stunden droht Tausenden Tieren der Tod. Jetzt sollen US-Militärexperten helfen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,692085,00.html
Was wollen die denn machen? Den Ölteppich bombadieren? Mich wundert es immer, dass man es schafft solche Monster von Borinseln zu bauen aber einen Notfallplan für solche Katastrophen hat man nicht in der Tasche. Erinnert mich ein wenig an die nicht vorhandenen Notfallpläne bei einer AKW-Katastrophe in Deutschland. Für die kleinsten öffentlichen Gebäude gibt es Notfallpläne inkl Brandschutzverordnung usw. aber für die richtig großen Brocken hat man oftmals noch nicht mal einen groben Plan.
2. Bin gespannt
jaques_de_molay 29.04.2010
in wie weit BP am Ende dafür haften wird.
3. ...
tautiptoe, 29.04.2010
Soviel zur kürzlichen Entscheidung der USA, weitere Ölvorkommen im Golf von Mexiko zu erschließen... http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,686779,00.html Oh so sehr im Einklang mit dem Naturschutz... Und ausbaden darf es mal wieder die Tierwelt. Kann meinem Vorschreiber nur Recht geben. Wie kann es sein, daß dermaßen umweltgefährdende Industrien scheinbar keine Lösungen für Worst Case-Szenarios vorlegen müssen? Erinnert mich irgendwie an den Film "Die Akte" (Pelican Brief) mit Julia Roberts und Denzel Washington, wo es genau um Ölbohrgenehmigungen im Mississipi Delta und korrupte Politik geht...
4. Einen Klaps auf die Hand...
tweet4fun 29.04.2010
Zitat von jaques_de_molayin wie weit BP am Ende dafür haften wird.
Viel wird da nicht auf BP zukommen. Im Gegenteil! Da die Bohrinsel nicht mehr fördert, wird der Ölpreis etwas steigen und damit die Benzinpreise. Wir haben uns von den Kraken abhängig gemacht und erhalten nun die Quittung. Nicht aber diejenigen, die am Öl verdienen. So wird die Familie Bush zum Beispiel Mehreinnahmen verbuchen können.
5. Befürwortet von Bohrungen
ex_t_kunde 29.04.2010
Als vor kurzem Präsident Obama ankündigte die Oelbohrungen im Golf von Mexico auszuweiten, da haben fast alle Kommentatoren in diesem Forum hier auf SPON laut Beifall geklatscht und seine Entscheidung begrüsst. Die Tierwelt wird es ausbaden müssen, Hauptsache der Benzinpreis bleibt noch ein paar Jahre länger stabil. Traurig.
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