Google-Maps-Erweiterung Sintflut auf dem Bildschirm

Wer bekommt nasse Füße, wenn die Klimaerwärmung die Meere anschwellen lässt? "Flood", eine Erweiterung für Google Maps, macht eindrucksvoll deutlich, welche Gebiete im Meer versinken würden. Auch Experten loben das Programm - als Spielerei für Laien.

Von Stefan Schmitt


Vom Norden her erstreckt sich die blaue Fläche weit über die ostenglischen Felder bis an den Stadtrand von Cambridge. Von den Niederlanden bleiben nur der Südzipfel und die Grenzregionen zu Deutschland übrig. Die Gebiete an der Elbmündung erwischt der Meeresspiegel-Anstieg um sieben Meter genauso wie die Inseln Föhr, Fehmarn und Teile Rügens - Land unter im Browser. "Flood" heißt das, Flut, ein Was-wäre-wenn-Spiel mit dem Meeresspiegel. Über dessen Anstieg wegen des Klimawandels wird immer wieder berichtet, doch die Spekulationen um Zentimeter, Dezimeter und Meter pro Zeiteinheit klingen wenig konkret. Mancher wird sich fragen: Was bedeutet das für mein Zuhause?

"Ich wollte wissen, wie das aussehen würde", sagt "Flood"-Programmierer Alex Tingle zu SPIEGEL ONLINE. "Ich habe mich im Netz auf die Suche gemacht, konnte aber nichts finden." In einem Internet-Diskussionsforum stieß er auf den Vorschlag eines Nutzers, es müsse doch nur jemand Höhenlinien auf eine Weltkarte projizieren, und schon wisse man, wer bei welcher Meereshöhe nasse Füße bekäme.

Solche Daten stehen - als Ausbeute der Shuttle Radar Topography Mission (SRTM), die im Februar 2000 die Erde in der Vertikalen vermessen hat - öffentlich zur Verfügung. Rund 50 Gigabytes Rohmaterial der Fernerkundung liegen auf den Servern des geologischen Dienstes der USA, dem US Geological Survey. Tingle lud sie Kontinent für Kontinent auf seine Festplatte und begann zu programmieren. Das war im Januar.

Katastrophen-Skala endet bei 14 Metern

"Die ganze schwere Arbeit haben ja die Jungs von Google erledigt", sagt er. Tatsächlich setzt seine Flutkarte auf die Anwendung Google Maps auf, mit der sich ein virtueller Weltatlas aus Satellitenbildern und Landkarten im Webbrowser betrachten lässt. Auf den ersten Blick ist auch auf Alex' Webseite die gewohnte Google-Maps-Oberfläche zu sehen - nur dass oben links ein zusätzliches Auswahlmenü erscheint: "Sea level rise" - Anstieg des Meeresspiegels. Bis maximal 14 Meter Anstieg reicht die Skala.

"Wenn die Grönlandgletscher vollständig abschmelzen sollten, würden die Meere um rund sieben Metern ansteigen, habe ich gelesen", sagt Alex Tingle. Das mag ein wenig hoch gegriffen sein, aber erst im März hatten Forscher im Fachblatt "Science" ausgerechnet, dass ein Abschmelzen der Polkappen die Meeresspiegel um mindestens vier, vielleicht gar um sechs Meter steigen lassen könnte.

Da der SRTM-Datensatz die Erhebungen des gesamten Erdballs - vom Toten Meer bis zum Mount Everest - beinhaltet und eine riesige Datenmenge bildet, musste Tingle einschränken, damit sein kleines Java-Programm die Flut-Berechnung bewältigen konnte. Deshalb war bei 14 Metern Schluss.

Experten loben Programm

Was er "an einem langen Wochenende" programmiert hat, kann man sich als Laie wie eine unsichtbare Schablone vorstellen, auch Overlay genannt. Dieses Overlay legt Höhenlinien in den Stufen von 1 bis 14 Meter an und füllt je nach Auswahl den entsprechenden Bereich auf der Karte. MashUpswerden solche Verknüpfungen von Daten unterschiedlicher Quellen genannt. Am Monitor erscheinen die per Mausklick überfluteten Gebiete dann schraffiert.

"Eine tolle Sache", findet Hans Werner Schenke, Vermessungsspezialist am Alfred Wegener Institut (AWI) in Bremerhaven, der sich für SPIEGEL ONLINE die Google Map-Erweiterung von Tingle angeschaut hat. "Für Laien kann man das unbedingt empfehlen."

Tingle, der als Programmierer und IT-Berater arbeitet, freut sich über das Echo auf seine Spielerei. "Greenpeace verwies auf meine Seite und schrieb mir einen Brief, in dem stand, dass sie so etwas schon seit Ewigkeiten vorhatten." Er sei kein Umweltaktivist, er habe einfach nur abstrakte Voraussagen greifbar machen wollen. "Ich selbst lebe in Nordlondon, und das ist ein gutes Stück über dem Meeresspiegel, auch wenn er um 14 Meter ansteigt. Aber ich denke mir schon, dass es auch mein Leben negativ beeinflussen würde, wenn plötzlich die Innenstadt überflutet wäre."

Grober Schätzwert

Wenn es um solche lokalen Betrachtungen geht, ist bei "Flood" allerdings Vorsicht geboten. So sind im SRTM-Datensatz Ebbe und Flut nicht berücksichtigt, stattdessen sieht man nur den durchschnittlichen Normalpegel. In Hamburg oder Bremerhaven beträgt dieser Tidenhub aber etwa dreieinhalb Meter. In England und Nordfrankreich sind es lokal weit über zehn Meter.

Kartierungsexperte Schenke weist auf ein weiteres Problem des SRTM-Datensatzes hin. Aus dem Weltraum wurde die Erde in 30 mal 30 Meter große Kacheln aufgeteilt, für die jeweils eine mittlere Höhe bestimmt wurde. Bis zu sechs Höhenmeter betrage die mittlere Fehlerspanne bei den SRTM-Daten, sagt Schenke, "für Neuseeland gar zehn Meter". Denn das Land liegt schon arg weit im Süden - die SRTM-Vermessung erfasste nur Breiten zwischen dem Äquator und dem 60. Breitengrad. Die blau schraffierte Fläche im Browserfenster ist deshalb eher ein grober Schätzwert, besonders je weiter man in Richtung der Pole klickt.

Genauer sind etwa die Höhenkarten, die im Bundesamt für Kartografie und Geodäsie (BKG) erstellt werden. "Die bestimmen Höhen auf den Dezimeter genau", sagt Schenke. Am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben Wissenschaftler die SRTM-Daten bis zu einer Genauigkeit von drei Metern verbessert. Doch kosten sowohl die BKG- wie auch die DLR-Daten teures Geld und bleiben Bastlern wie Tingle somit vorenthalten.

Dass Flood keine realistische Simulation für das Abschmelzen der Gletscher ist, sondern eben nur ein virtueller Wagenheber für Wasseroberflächen, stellte Tingle beim Blick auf das Kaspische Meer fest: "Das wird auch geflutet, wenn man den Meeresspiegel ansteigen lässt - dabei gibt es weit und breit nur Land, aber weder Gletscher noch eine Verbindung zum Meer."

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