Gorilla-Erbgut: Forscher entziffern letztes Menschenaffen-Genom

Der Mensch und seine nächsten Verwandten sind genetisch durchleuchtet: Forscher haben die DNA des Gorillas entziffert. Es war das letzte Menschenaffen-Erbgut, das noch nicht vollständig bekannt war - und  es offenbart verblüffende Ähnlichkeiten zu dem des Menschen.

Westlicher Flachlandgorilla: Genom entziffert Zur Großansicht
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Westlicher Flachlandgorilla: Genom entziffert

Den Code des Nacktmulls haben Forscher bereits entziffert. Auch das Przewalski-Wildpferd musste seine genetischen Geheimnisse preisgeben. Zuvor wurden die Genome des Pandabären, des Apfels, der Orange und der Zitrone, des Kartoffelfäule-Erregers und selbst das von Erzbischof Tutu entziffert.

Jetzt gehört auch der Gorilla zum Club: Forscher haben das Erbgut des vom Aussterben bedrohten Affen komplett sequenziert. Damit sind nun die Genome aller Menschenaffen - Gorilla, Schimpanse, Orang-Utan und Homo sapiens - bekannt. "Unsere Daten sind das letzte genetische Teil, das wir für das Puzzle gebraucht haben", sagte Richard Durbin, einer der Autoren der Studie vom britischen Sanger Institute nahe Cambridge, einer Einrichtung des gemeinnützigen Wellcome Trust.

Entziffert wurde vor allem das Genom von Kamilah, ein zu den Westlichen Flachlandgorillas gehörendes Weibchen. "Das Gorilla-Genom ist wichtig, denn es wirft ein Licht auf die Zeit, als sich unsere Vorfahren von unseren nächsten Verwandten in der Evolution absetzten", sagte Durbins Kollege Aylwyn Scally.

Der Schimpanse hat sich den Daten zufolge vor rund sechs, der Gorilla dagegen schon vor rund zehn Millionen Jahren evolutionär vom Menschen getrennt. Die Trennung von Westlichem und Östlichem Flachlandgorilla folgte vor 1,75 Millionen Jahren, wie die Forscher im Fachblatt "Nature" schreiben. "Nach Jahren der Debatte stimmen unsere genetischen Interpretationen nun mit den Fossilfunden überein", sagte Durbin.

Schimpanse bleibt der nächste Verwandte des Menschen

Die Genom-Analyse bestätigte zudem, dass der Schimpanse und nicht der Gorilla der nächste Verwandte des Menschen ist. Das Erbgut enthüllte aber auch Unerwartetes: 15 Prozent des menschlichen Genoms sind dem des Gorillas ähnlicher als dem des näher verwandten Schimpansen. Umgekehrt teilen Schimpansen 15 Prozent ihrer Gene nur mit dem Gorilla - obwohl sie mit ihm weniger nahe verwandt sind als mit dem Menschen.

"Wir haben herausgefunden, dass Gorillas viele genetische Veränderungen mit dem Menschen gemein haben, darunter die Entwicklung des Gehörs", sagte Mitautor Chris Tyler-Smith vom Sanger Institute. Bisher hatte man angenommen, dass die rasche Entwicklung des menschlichen Gehörs im Zusammenhang mit der Sprachentwicklung steht. Beim Gorilla hat sich das Gehör dem Genomvergleich zufolge jedoch ähnlich schnell entwickelt.

Alle drei - Mensch, Schimpanse und Gorilla - teilen zudem rund 500 Gene, die sich besonders schnell im Laufe der Evolution verändert haben. "Diese Gene sind mit Funktionen wie der Sinneswahrnehmung, dem Gehör und der Gehirnentwicklung verknüpft", berichten die Forscher. Das bestätige die wichtige Rolle, die Anpassungen in diesen Bereichen für die Entwicklung der Menschenaffen und Menschen gespielt hätten.

mbe/dpa/dapd

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1. Meine Hoffnung steigt
die_piratenbraut 07.03.2012
Zitat von sysopEs war das letzte Menschenaffen-Erbgut, das noch nicht vollständig bekannt war - und es offenbart verblüffende Ähnlichkeiten zu dem des Menschen.
Ich hoffe inständig, dass diese Ergebnisse die Rechte der Menschenaffen weiter stärken werden. Der Mensch ist genetisch nur eine Nuance entfernt und es ist vermessen, daraus den Schluß zu ziehen, dass wir jede Kreatur wie eine Sache behandeln dürfen. Ordentliche Schutzräume für die Menschenaffen werden immer wichtiger und eine Tötung von ihnen sollte ähnlich bewertet werden, wie der Mord an Menschen. Was wir als Tiere bezeichnen bekommt viel mehr von der Umwelt mit und denkt viel mehr bewußt über sich nach, als landläufig vermutet wird. Die Aroganz des Menschen ist riesig. Dabei wäre es so einfach zu erkennen, dass kaum eine unserer Fähigkeiten einmalig in der Fauna ist. Es beschränkt sich auf die Feinmotorik, auf die Hand, auf das "begreifen" von Dingen, was uns hauptsächlich unterscheidet. Das, und nur das hat unsere Gehirnentwicklung vorangetrieben. Aber viele Spezies, wie Elefanten oder Wale, haben erheblich größere Gehirnbereiche zum bewußten Denken.
2. Da werden die amerikanischen Konservativen aber traurig sein,
vantast 07.03.2012
daß auch sie, die Krone der Schöpfung, so viel mit den Tieren gemein haben. Sollte der Schöpfer hier geschlampt haben? Andererseits ist es nun verständlicher, warum die Menschheit so besinnungslos am eigenen Ast sägt. Im Faust steht: "Er nennt's Vernunft, und gebraucht sie nur, um tierischer als jedes Tier zu sein".
3.
miruwa 07.03.2012
Zitat von vantastdaß auch sie, die Krone der Schöpfung, so viel mit den Tieren gemein haben. Sollte der Schöpfer hier geschlampt haben? Andererseits ist es nun verständlicher, warum die Menschheit so besinnungslos am eigenen Ast sägt. Im Faust steht: "Er nennt's Vernunft, und gebraucht sie nur, um tierischer als jedes Tier zu sein".
Da müssen sie sich keine Gedanken machen. Die Erzkonservativen locken sie mit Forschung nicht ans Tageslicht. Was nicht geschrieben steht, kann schonmal garnicht sein. Das ist so gruselig wie ähnlich sich da die Extremisten sind...
4. Richtig so.
S_Allmaras 07.03.2012
Sie sprechen mir aus der Seele; denn der Mensch ist nur ein besseres Tier: alles was Tiere können, können auch die Menschen, nur eben besser. Man stelle sich vor, es gäbe Menschenaffen, die ihren Artgenossen an Intelligenz weit überlegen sind. Denn genauso gibt es Menschen, die dem Rest der Menschheit an Intelligenz weit überlegen sind. Sprich: Gibt es einzelne Primaten mit einem IQ von 85 oder höher? Anders formuliert: Gibt es Genies unter den Primaten, die es an Intellekt mit dem Durchschnittsmenschen aufnehmen könnten? Wenn ja, sollte der Primat dem Menschen rechtlich gleichgestellt werden.
5.
joachim_m. 08.03.2012
Zitat von sysopDer Mensch und seine nächsten Verwandten sind genetisch durchleuchtet: Forscher haben die DNA des Gorillas entziffert. Es war das letzte Menschenaffen-Erbgut, das noch nicht vollständig bekannt war - und es offenbart verblüffende Ähnlichkeiten zu dem des Menschen. Gorilla-Erbgut: Forscher entziffern letztes Menschenaffen-Genom - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,819950,00.html)
Bei dem Teil mit der Gehörentwicklung ist in der Darstellung etwas schief. Nimmt man die Darstellung so wie sie ist, müsste bei Gorillas und Menschen eine absolut parallele Genveränderung stattgefunden haben; dies ist schlicht unmöglich. Ich wäre dem Spiegel daher dankbar, wenn er in Zukunft die Originalquellen, auf denen die Artikel beruhen, benennt, so dass man solche Fragen abklären kann.
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Das Erbgut
Genom
Das Genom bezeichnet das gesamte Erbgut eines Organismus. Außer bei einigen Viren besteht es immer aus DNA (Desoxyribonukleinsäure). Das Genom beinhaltet den Bauplan für die Produktion sämtlicher Proteine (Eiweißmoleküle), die ein Organismus zum Leben benötigt. Ein Gen ist ein Sequenzabschnitt auf dem Genom und beinhaltet die Erbinformation für ein Protein. Die einzelnen Bausteine der DNA sind vier verschiedene sogenannte Nukleinsäuren: A, C, T und G.
Messenger-RNA (mRNA)
Die mRNA ist eine Art Genabschrift oder Blaupause der DNA. Nur die mRNA kann von den Proteinfabriken der Zellen, den sogenannten Ribosomen gelesen werden. Sie gibt ihnen vor, in welcher Reihenfolge Aminosäuren - die Bausteine von Proteinen - für das jeweilige Protein zu verknüpfen sind.
Codon
Ein Codon ist eine Folge von drei Bausteinen (Nukleotiden oder Basen) der DNA und analog auch der mRNA. Ein Codon steht für eine bestimmte Aminosäure oder als Stoppsignal, welches das Ende einer Bauanweisung für ein Protein kennzeichnet.
Genetischer Code
Der genetische Code ist die Zuordnung der Basen-Dreiergruppen und der Aminosäuren. Da vier verschiedene Basen zur Auswahl stehen, umfasst der genetische Code insgesamt 64 Codons. Für die meisten Aminosäuren gibt es daher mehr als ein Codon. So stehen beispielsweise die Codons CAG und CAA für die gleiche Aminosäure, die Glutaminsäure.
Transfer-RNA (tRNA)
Die tRNAs übernehmen eine Adapterfunktion beim Bau der Proteine: Jede tRNA hat auf der einen Seite jeweils ein sogenanntes Anticodon, das passend zum Codon auf der mRNA ist. Auf der anderen Seite ist sie mit der zugehörigen Aminosäure beladen. Auf diese Weise wird der genetische Code auf der mRNA abgelesen und in die entsprechende Aminosäurekette zum Protein verwandelt. Dieser Prozess geschieht in den Ribosomen.