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Graf Seismo: Fliegende Frostbomben machen Forscher ratlos

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Sie stürzen aus heiterem Himmel und können schweren Schaden anrichten: Viele Kilogramm schwere Eisklumpen, die bei gutem Wetter auf der Erde einschlagen, verwirren Geoforscher. Die "Mega-Cryo-Meteore" kommen nicht aus dem All, nicht aus Flugzeugtoiletten - aber woher stammen sie dann?

Mega-Cryo-Meteore: Unberechenbare Eisbomben Fotos
The Royal Society of Chemistry / Francisco A. Orellana

Solch einen mysteriösen Fall hatten die spanischen Polizisten der Guardia Civil noch nicht erlebt. Tathergang und Motiv des Falles blieben im Dunkeln. Auch die Herkunft des Beweisstücks ließ sich nicht erklären. Und anstatt eines Täters mussten die Ordnungshüter einen Eisklumpen mit auf die Wache schleppen.

Es geschah am 13. März 2007 um kurz nach zehn Uhr morgens im Städtchen Mejorada del Campo, 20 Kilometer östlich von Madrid. Am Tatort hatte ein etwa 20 Kilogramm schwerer Frostbrocken ein Loch in das Dach einer Lagerhalle geschlagen. War der gefrorene Trumm etwa vom Himmel gefallen? Bei sonnigem Wetter? Wohl kaum, meinten die Arbeiter des Lagers; nur ein Anschlag käme in Frage - sie riefen die Polizei.

Doch weder Polizei noch Wissenschaftler konnten das Rätsel lösen. Untersuchungen im forensischen Labor bewiesen, dass Menschen nichts mit der der Eisattacke zu tun hatten. Besonders mysteriös macht die Sache, dass aus vielen Ländern ähnliche Fälle gemeldet wurden. Die meisten Eisbomben fielen bei wolkenlosem Wetter - im Wortsinne also aus heiterem Himmel.

In diesem Jahr wurden zwei Treffer bekannt: Ein Eisklotz durchschlug im Mai ein Hausdach in Kanada, ein anderer krachte Ende Juni in ein Auto in der Stadt Leicester in Großbritannien. Der Geologe Jesús Martínez-Frías vom Zentrum für Astrobiologie in Madrid hat seit 2002 weltweit 75 Aufschläge von Riesen-Eisklumpen dokumentiert, auch aus den Jahrzehnten zuvor sind ihm Dutzende bekannt.

"Große eisige Himmelskörper"

Die Frostbrocken können zerstörerisch sein. Sie erreichen oft die Größe einer Mikrowelle, manche gar die eines Schranks; ein Meter dicke Brocken wurden gefunden. In Spanien sorgte 2004 gar ein 400-Kilo-Koloss für Aufsehen, der ein Mädchen im Städtchen Toledo nur knapp verfehlte; das Eis schlug einen beachtlichen Krater.

Das Gruselige sei, sagt Jesús Martínez-Frías, dass anscheinend täglich solche Brocken auf die Erde prasselten. Schließlich würden Aufschläge nur bekannt, wenn sie von Menschen bezeugt würden. Doch an den allermeisten Orten der Welt seien keine Menschen. Wie viele Einschläge wirklich passierten, sei also unklar.

So geheimnisvoll wie die Eisbrocken klingt auch ihre Bezeichnung: Mega-Cryo-Meteore nannte sie Jesús Martínez-Frías - auf Deutsch also: große eisige Himmelskörper. Der umständliche Name solle die Brocken vom Hagel unterscheiden, erläutert der Geologe.

Die meisten Eisklötze seien schließlich vom heiteren Himmel gestürzt - im Gegensatz zu Hagel, der sich in mächtigen Wolken bildet, wo Wassertröpfchen gefrieren. Aufwinde hieven die Hagelkörnchen wiederholt empor. Vereisendes Wasser schlägt sich an ihnen nieder, so dass sie wachsen. Größer als zehn Zentimeter allerdings werden Hagelkörner nicht.

Allmählich gehen den Wissenschaftlern die Ideen aus, mit denen das Phänomen der Mega-Cryo-Meteore erklärt werden könnte - eine Theorie nach der anderen mussten sie fallenlassen.

Aus dem Flugzeug gerutscht?

Die Meteoriten-These etwa wurde durch eine Isotopenanalyse der Eisbrocken längst widerlegt: Je nach Herkunft bestehen Wassermoleküle (chemische Formel: H2O) aus unterschiedlich schweren Wasserstoff- (H) und Sauerstoff-Atomen (O). Die Analyse der Frostbomben offenbarte, dass sie aus der Erdatmosphäre stammen - und nicht aus dem All: Mega-Cryo-Meteore haben die gleiche Isotopen-Signatur wie Regentropfen.

Auch die Flugzeugklo-Theorie erwies sich als unhaltbar. Aus undichten Tanks von Flugzeugklos falle bisweilen Gefrorenes, so die Überlegung. In den Mega-Cryo-Meteoren fanden sich jedoch weder Urinspuren noch jenes bläuliche Desinfektionsmittel, das für Flugzeugklos charakteristisch ist.

Die Toiletten-These erhielt ihren Todesstoß an einem sonnigen Januartag im Jahr 2000, als in Südspanien ein Eisklumpen die Windschutzscheibe eines Autos zertrümmert hatte. Jesús Martínez-Frías fragte umgehend bei der Luft-Aufsichtsbehörde nach. Es hätte keine Überflüge der Region gegeben, wurde ihm versichert.

Andere Wissenschaftler jedoch blieben skeptisch. Möglicherweise seien Flüge kleiner Privat- oder von Militärmaschinen nicht dokumentiert worden, meinte etwa der Atmosphärenforscher Charles Knight von der University of Colorado in Boulder. Könnten die Eisbrocken nicht aus Ritzen der Flugzeuge gefallen sein, beispielsweise am Fahrwerk, fragte Knight.

Historische Dokumente schwächten diese Theorie, erwidert Martínez-Frías: Der Geologe hat inzwischen Berichte aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert über Riesen-Eisklumpen entdeckt, aus einer Zeit also, als es noch keine Flugzeuge gab.

"Sind sie real? Kommen sie von Gott?"

Woher aber sollen die Eiskolosse gekommen sein? Berichte der Nasa schienen zumindest den Treffer auf ein Auto im Januar 2000 aufklären zu können. Satelliten-Daten der Raumfahrtbehörde offenbarten, dass in den Tagen vor dem Einschlag die Ozonschicht über Südspanien ausgedünnt war. Sonnenstrahlung drang deshalb vermehrt in die untere Atmosphäre - obere Luftschichten kühlten aus. Der Temperaturgegensatz erzeugte Extremwinde in der Höhe.

Die Nasa-Daten zeigten zudem, dass die Luft mit Wasserdampf geschwängert war. Die ungewöhnlichen Bedingungen hätten womöglich die Eisbrocken entstehen lassen, meinte Martínez-Frías: Der Sturm habe Eiskristalle in der Feuchtigkeit so lange in der Luft gehalten, bis sie zu gigantischen Größen angewachsen wären.

Andere Forscher indes reagierten skeptisch: "Ich möchte nicht behaupten, dass irgendetwas absolut unmöglich sei", erklärte etwa Hagel-Experte Charles Knight im Wissenschaftsblatt "Science", "aber diese Theorie kommt dem doch schrecklich nahe." Selbst nach langer Verweildauer in feuchter eisiger Luft entwickelten sich höchstens große Schneeflocken, jedoch keine Eisklötze, meint Knight.

Selbst Martínez-Frías zweifelt mittlerweile an seiner Theorie. Seine Erklärung fällt inzwischen äußerst vage aus: "Unsere Studien nach neun Jahren Forschung zeigen eindeutig, dass Mega-Cryo-Meteore atmosphärische Extremereignisse sind", resümiert der Geologe. Genaueres weiß man nicht.

Die Ratlosigkeit der Wissenschaftler über die Frostklötze mündet nun oft in Ironie: "Sind sie real? Kommen sie von Gott? Ist die Klimaerwärmung Schuld?", fragt der Verfasser des Blogs megacryometeors.com. Dabei nehmen Experten die Sache äußerst ernst: Es sei nur eine Frage der Zeit, sagt Martínez-Frías, bis Menschen verletzt oder Flugzeuge getroffen würden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Ist doch ganz einfach:
Adlonnimov, 17.09.2009
Mir sind spontan gleich drei Erklärungen eingefallen: A) Ein Wunder! B) Die menschengemachte Klimaerwärmung (wie auch im Artikel schon erwähnt). C) Gigantische Gewitterwolken, in denen gewaltige Gewalten walten, schleudern einen riesigen Hagelbrocken ins Weltall, wo er kurz eine ballistische Flugbahn beschreibt, um dann woanders aus heiterem Himmel bei heiterem Himmel herabzustürzen.
2. Es sind die Vorboten des Klimawandels..
mwalker, 17.09.2009
was sonst ? In dunkelen Zeiten wurden Hexen und Teufel für solche Naturereignisse verantwortlich gemacht. In unserer voll durchsimulierten Welt ist für so etwas kein Platz ..aber wir haben ja den Klimawandel !!! Im Ernst: solche Kleinigkeiten bereiten unseren Forschern Kopfzerbrechen, aber die Menge CO2 , die noch "klimaneutral" ist können sie berechnen...haha
3. Nicht neu...
e.schw 17.09.2009
Zitat von sysopSie stürzen aus heiterem Himmel und können schweren Schaden anrichten: Viele Kilogramm schwere Eisklumpen, die bei gutem Wetter auf der Erde einschlagen, verwirren Geoforscher. Die "Mega-Cryo-Meteore" kommen nicht aus dem All, nicht aus Flugzeugtoiletten - aber woher stammen sie dann? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,647456,00.html
Solche Beobachtungen gab es schon früher. Charles Fort, der Berichte über solche und ähnliche Ereignisse sammelte (“Das Buch der Verdammten”), zitiert das “Salina Journal”, Kansas, wonach “im August 1882 ein Eisbrocken mit einem Gewicht von mehr als 80 Pfund niedergegangen war.” Er bringt auch das Beispiel eines am 15. Juni 1829 bei Cartoza/ Spanien niedergegangenen viereinhalbpfündigen Eisblocks und von einem 11 Pfund schweren, der im Oktober 1844 in Cette/ Frankreich vom Himmel fiel. In einigen der vielen von Charles Fort zitierten Fälle war der Himmel wolkenlos. Darauf, dass im Weltall viel Wasser vorhanden sein muss, konnte man aufgrund einer Beobachtung bei Freiburg im Sommer 1999 schließen: Für kurze Zeit erschienen zwei Sonnen am Himmel. Die “Badische Zeitung" berichtete darüber. Die Sonne spiegelte sich offenbar in einem erdnahen kosmischen Eisfeld. Übrigens auch keine unbekannte Erscheinung, z.B. war dem Großen Brockhaus dieses Thema ein Eintrag wert.
4. Klare Sache
Mithril333 17.09.2009
Getarnte Alien Raumschiffe mit Vereisungsproblemen werfen diese Dinger ab. Alles andere wäre sowas von unwahrscheinlich ;)
5. unsichtbare Wolken?
Nichdoch, 17.09.2009
Das müssen dann aber unsichtbare Wolken sein. Die Klumpen fallen ja aus "heiterem Himmel". Eigentlich kann nur eine neue Verschwörungstheorie weiterhelfen. :D
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