Großbritannien Wie Grauhörnchen ihre roten Verwandten ausrotten

In Großbritannien herrscht ein Hörnchenkrieg. Weil sie die Population roter Eichhörnchen gefährden, sind Grauhörnchen zum Abschuss freigegeben. Wie weit darf der Kampf gegen invasive Arten gehen?

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Von Olesja Zimmermann


Eigentlich sind die Briten selbst schuld: Dortige Adlige brachten die grauen Eichhörnchen Ende des 19. Jahrhunderts aus Nordamerika nach Europa, um sie in den Parks ihrer Herrenhäuser auszusetzen. Die Grauhörnchen verbreiteten sich rasant und verdrängten mit der Zeit ihre roten Verwandten.

Schätzungen zufolge leben in Großbritannien 2,5 Millionen Grauhörnchen (Sciurus carolinensis). Im Vergleich dazu gibt es hier nur noch an die 140.000 von einst 3,5 Millionen roten Eichhörnchen (Sciurus vulgaris).

Grauhörnchen sind den europäischen Eichhörnchen überlegen. Sie sind größer, stärker, anpassungsfähiger und bekommen mehr Nachwuchs. Was sie zusätzlich gefährlich macht, ist das Squirrelpox-Virus, ein Pockenvirus, gegen das sie selbst immun sind, nicht aber ihre roten Verwandten. Infiziert sich ein rotes Eichhörnchen mit dem Virus, stirbt es qualvoll binnen ein bis zwei Wochen.

Graues oder rotes Hörnchen - Platz ist nur für eine Art

"Die Wahl besteht also nur zwischen einem schnellen humanen Tod für die Grauen - oder dem qualvollen Tod für die Roten. Es gibt leider nur entweder oder. Und wir in Schottland haben uns für die Roten entschieden", erklärt Biologin Stephanie Johnston vom Scottish Wildlife Trust, einer der größten Artenschutz-Organisationen in Großbritannien.

Wie Johnston sind viele Schotten besorgt um ihre Lieblingsnager. So auch Wildhüter Richard Thomson. In Schottland ist der Bestand an roten Eichhörnchen zwar am größten, aber auch hier werden sie immer weniger. Thomson hat den Grauhörnchen den Kampf angesagt. Er stellt Fallen auf und erschießt die Tiere. Schuldgefühle hat er deshalb nicht.

Wildhüter Richard Thomson ist für den Abschuss der Grauhörnchen.
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Wildhüter Richard Thomson ist für den Abschuss der Grauhörnchen.

"Das Leben ist grausam, die Natur ist grausam. Wissen Sie, ich hasse diese Tiere nicht, ich töte sie so schnell und sauber wie ich kann", sagt er. Thomson ist überzeugt davon, dass die Grauhörnchen als invasive Art nicht nach Schottland gehören. Er möchte die roten Hörnchen schützen, weil sie schon lange zur britischen Landschaft gehören. Manch einer sieht sie als Teil der britischen Kultur.

Auch Prinz Charles befürwortet eine Initiative zur Eindämmung der Grauhörnchen-Population. Allerdings weniger rabiat: Er plädiert dafür, die Tiere einzufangen und medikamentös unfruchtbar zu machen.

"Es ist ganz natürlich, dass Arten andere Arten ausstechen"

Tierschützer protestieren gegen die massenhafte Tötung der nordamerikanischen Nager und setzen sich für die Grauhörnchen ein. Im Süden Londons lebt die Tierschützerin Natalia Doran. Sie zieht Hörnchen-Waisenkinder auf, die in Häusern oder auf Grundstücken gefunden wurden. Die kleinen Nager bleiben bei ihr, bis sie alt genug sind, um für sich selbst zu sorgen. Dann werden sie ausgewildert.

Auf das Vorgehen der Grauhörnchen-Gegner reagiert Doran mit Unverständnis: "Es ist ganz natürlich, dass Arten andere Arten ausstechen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass rote Hörnchen nicht zu den wirklich bedrohten Arten gehören, es gibt sie zuhauf in anderen Teilen der Welt." Aus Dorans Sicht sollte der Mensch sich nicht mehr Verantwortung aufladen als nötig. Die Natur käme ohne den Menschen zurecht und sorge selbst für ein Gleichgewicht.

Die Londoner Tierschützerin Natalia Doran zieht Grauhörnchen-Kinder mit der Flasche auf.
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Die Londoner Tierschützerin Natalia Doran zieht Grauhörnchen-Kinder mit der Flasche auf.

Die Natur sich selbst zu überlassen, davon hält Wildhüter Thomson wenig: "Das wäre großartig in einer idealen Welt. Aber wir leben nicht in einer idealen Welt. Die Menschheit mischt sich schon sehr lange in die Natur ein. Wir müssen versuchen, das, was wir haben, zu managen und in dieser Kulturlandschaft für ein Gleichgewicht sorgen. Wir dürfen nicht zulassen, dass etwas überhandnimmt."

Prognose für Ausbreitung weit über die Grenzen Italiens

Nicht nur in Großbritannien entwickelt sich das Grauhörnchen zu einer Plage. Auch in Norditalien wird es zunehmend zum Problem. Einst durch den Menschen aus Nordamerika mitgebracht, verbreitete es sich in Südeuropa schnell.

Grauhörnchen seien nicht nur robust, sondern auch wanderfreudig, heißt es beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Computersimulationen des Populationswachstums prognostizieren laut Nabu eine Ausbreitung weit über die Grenzen Italiens hinaus - mit gravierenden Folgen. Grauhörnchen verdrängten nicht nur die Europäischen Eichhörnchen, sondern verursachten auch erhebliche Verbissschäden in der Forst- und Landwirtschaft.

Eine aktuelle Studie zeige zudem, dass Grauhörnchen deutlicher auf Waldvogelbestände einwirken als Eichhörnchen. Noch wurden in Deutschland allerdings keine großen Vorkommen an Grauhörnchen ausgemacht.


"Englands Streit um Eichhörnchen - Verdrängen die Grauen die Roten" wird am Freitag, den 18. Mai, um 19.40 Uhr auf ARTE ausgestrahlt.

insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
unnglaublich 18.05.2018
1. Zum Glück wird das in UK ziemlich easy gesehen.
Zum Abschuß braucht man keinen Jagdschein, Luftgewehre werden serienmäßig mit Schalldämpfer, mit ordentlich Dampf und ohne jegliche Formalitäten verkauft. Sonst wären die Grauen schon längst einzigartig im UK. Somit sorgen sich die Einheimischen um die Einheimischen.
John McC!ane 18.05.2018
2. Ich dachte das Thema...
...ist in GB längst durch? Ich erinnere mich an meinen Englandbesuch Anfang der 80er im Rahmen eines Schüleraustauschs, da habe ich nur graue Eichhörnchen gesehen (Region um Mansfield) und es hieß die roten gäbe es in England praktisch nicht mehr. Von daher bin ich etwas überrascht, so gesehen aber eher positiv. OK - geht ja auch um Schottland, aber trotzdem..
linus40 18.05.2018
3. Eigentlich ganz einfach
In Irland bekommt man das Problem ziemlich einfach in den Griff. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem Vorkommen von Baummardern und dem Rückgang von grauen Eichhörnchen. Dabei spielt weniger das Gefressenwerden eine Rolle sondern vielmehr die Todesangst vor den unbekannten Räubern. Fast wörtlich kann man sagen, dass die Grauen nicht zum Fressen kommen, weil sie sich ständig nach diesen Feinden umschauen müssen. Die Erfahrung hat sie gelehrt, dass sie den Mardern bei der Flucht in die Baumkronen nicht so gut entkommen können wie die viel leichteren Roten. In Teilen Irlands sind die Grauen mittlerweile wieder völlig verschwunden. Ursache für diesen Effekt war, dass die Jagd auf Baummarder verboten wurde und sich dadurch die Population wieder deutlich erholen konnte. Ähnliche Effekte gibt es in Schottland, wo das auch ausprobiert wurde. Speziell in England ist die Jägerlobby aber zu stark, um die Jagd auf Marder einzustellen. Stattdessen werden Millionen Pfund in zweifelhafte Projekte gesteckt, obwohl mittlerweile seit Jahren bekannt sein müsste, dass, wenn überhaupt, nur das Schießen der Viecher hilft, es aber im Vergleich zur Marderschonung bei weitem nicht ausreicht. Neben dem Vertreiben der Roten richten die Grauen auf erhebliche ökologische Schäden an, da sie praktisch keine Laubholzaufforstungen mehr hochkommen lassen. Manchmal kann man nur mit dem Kopf schütteln über falsch verstandene Tierliebe. Hier gilt wirklich, dass nur ein totes Graues ein gutes ist.
schwaebischehausfrau 18.05.2018
4. Eben...
Zitat der Tierschützerin: "Es ist ganz natürlich, dass Arten andere Arten ausstechen". Yep - und genau deshalb ist das Ausstechen der Art "Graue Hörnchen" durch die Art "Mensch" dann ja wohl auch "ganz natürlich". Im Ernst: Mit diesem Argument der englischen Tierschützerin lässt sich auch die Ausrottung der Tierwelt dieses Planeten durch den Menschen rechtfertigen.
Leser161 18.05.2018
5. Argumente anyone
Sorry, da heisst es böse Grauhörnchenkiller gegen liebe Grauhörnchenaufpäppler. Das ist doch gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass eine invasive Art unklare ggf. krass negative Auswirkungen auf das Ökosystem haben in das sie einwandern. Beispiele gibt es genug aus der Vergangenheit. Warum sollte man das riskieren? Eine Eichhörnchenart wird aussterben in Grossbritannien. Und wenn schon Tiere sterben müssen dann diejenigen die potenziell negative Auswirkungen auf andere Tiere haben können. Es päppelt ja auch keiner diese asiatischen Milben auf die unsere Bienen befallen.
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