Fische am Great Barrier Reef Doppelte Täuschung hält besser

Braune Zwergbarsche am Great Barrier Reef können ihre Farbe innerhalb kurzer Zeit verändern. Das hat gleich mehrere Vorteile, allerdings nur für die Fische selbst. Andere Arten kostet der Farbzauber das Leben.

Christopher E. Mirbach

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Auch im Paradies wird gelogen: In türkisblauem Wasser, zwischen farbenfrohen Korallen schwimmt am Great Barrier Reef ein besonderer Räuber. Der Braune Zwergbarsch wird gerade mal acht Zentimeter groß, vertilgt aber bis zu 30 andere Fische am Tag. Nun zeigt sich: Der große Jagderfolg basiert auf einer geschickten Täuschung.

"Wir wollten herausfinden, warum die Fische am Great Barrier Reef so bunt sind", erklärt Fabio Cortesi von der Universität Basel. Der Braune Zwergbarsch ist dafür besonders geeignet. Es gibt ihn gleich in mehreren Farben, in Gelb, Braun, Pink, Orange oder Grau. Je nach Umgebung, verändern die Fische ihr Aussehen. Woran sie sich dabei orientieren und was ihnen die Verwandlung bringt, war allerdings unklar.

Am Great Barrier Reef rund um Lizard Island fiel den Forschern auf, dass die gelben Zwergbarsche vor allem in der Nähe lebender Korallen und ebenfalls gelber Riffbarsche zu finden sind. Die braunen Exemplare schwimmen dagegen vor allem in der Nähe abgestorbener Korallenstücke umher, wo auch braune Riffbarsche zu finden sind. Riffbarsch-Junge gehören zur Leibspeise der Zwergbarsche.

Als Cortesi und Kollegen nun Korallentyp und Fischart vertauschten, zeigte sich, dass die Zwergbarsche ihr Aussehen stets an das der Riffbarsche anpassten. Setzten sie etwa braune Riffbarsche in eine Umgebung mit lebenden Korallen und gelben Zwergbarschen, nahmen die Zwergbarsche die Farbe der Riffbarsche an, berichten die Forscher im Fachmagazin "Current Biology".

Wolf im Schafspelz

Um sicherzugehen, dass die Ähnlichkeit bei der Jagd hilft, ließen die Forscher nun Zwergbarsche und Riffbarsche in unterschiedlichen Farbkombinationen für einen Tag in einem Becken frei - zusammen mit Jungtieren. Das Ergebnis: Die Zwergbarsche fingen deutlich mehr Riffbarsch-Junge, wenn diese die gleiche Farbe hatten wie die erwachsenen Fische und damit wie sie selbst.

"Wir konnten zeigen, dass die Zwergbarsche innerhalb kurzer Zeit ihre Farbe ändern können, um andere Fische zu imitieren, deren Jungen sie dann fressen", erklärt Walter Salzburger, ebenfalls von der Universität Basel. Es sei das gleiche Prinzip wie beim Wolf im Schafspelz, "nur dass diese Fische den 'Pelz' wechseln".

Jagdhilfe und Schutz zugleich

Zugleich sind die Zwergbarsche durch die jeweils zur Umgebung passende Tarnung offenbar selbst vor Fressfeinden geschützt, wie ein weiteres Experiment ergab. In ihm schnappten Forellenbarsche deutlich seltener nach den Zwergbarschen, wenn diese vor dem passenden Hintergrund zu sehen waren, also beispielsweise gelbe Zwergbarsche vor lebenden, meist gelben Korallen.

"Normalerweise geht man davon aus, dass eine Fähigkeit eine Funktion hat", erklärt Salzburger. Insofern sei die Tarnung der Zwergbarsche, die Jagdhilfe und Schutz zugleich ist, etwas Besonderes.

Zahlreiche Tiere nutzen Farbtäuschungen, um ihren Erfolg bei der Fortpflanzung zu erhöhen, an Futter zu gelangen oder sich vor Fressfeinden zu schützen. So sehen beispielsweise viele Heuschrecken aus wie Blätter oder Äste. Eine Spinnenart tarnt sich sogar als Vogelkot, um vor Fressfeinden geschützt zu sein.

Die Nachahmer-Taktik birgt allerdings ein Risiko: "Je öfter man täuscht, desto eher fliegt die Tarnung auf", so Salzburger. Hätten die Zwergbarsche immer die gleiche Farbe, würden die Riffbarsch-Jungen schnell verstehen, dass sie sich vor größeren, gelben Fischen in Acht nehmen müssen. Die regelmäßigen Farbwechsel verhindern das.

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