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Greenpeace über Pestizide: Viel Drama um fast nichts

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Apfelernte (Archivbild): Greenpeace kritisiert Pestizid-Einsatz Zur Großansicht
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Apfelernte (Archivbild): Greenpeace kritisiert Pestizid-Einsatz

DDT im Boden, diverse Pestizide im Wasser - Greenpeace hat europaweit in Apfelplantagen giftige Substanzen nachgewiesen. Doch die Umweltschützer stellen die Ergebnisse dramatischer dar, als sie sind.

"Der bittere Beigeschmack der europäischen Apfelproduktion", unter diesem Titel berichtet die Naturschutzorganisation Greenpeace über den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. Im April 2015 hat die Organisation 36 Wasser- und 49 Bodenproben von konventionell bewirtschafteten Ackerflächen in zwölf europäischen Ländern analysieren lassen.

Das Ergebnis der Umweltschützer: In 64 der 85 Proben seien Rückstände von Pestiziden zu finden gewesen, über die Hälfte sei mehrfach belastet. Den Negativrekord bei der Auswertung hielt eine Probe, in der 13 verschiedene Pestizide gleichzeitig zu finden waren. Insgesamt fanden die Tester 53 verschiedene Pflanzenschutzmittel, 46 davon sind in der EU zugelassen.

Auch jeweils fünf Wasser- und Bodenproben aus Deutschland wurden untersucht. Sie alle stammen aus dem Alten Land an der Elbe bei Hamburg. Sieben von ihnen seien belastet gewesen. Unter den festgestellten Chemikalien waren laut Greenpeace das längst verbotene DDT, das für Regenwürmer giftige Fungizid Carbendazim und das Insektizid Imidacloprid, das Bienen schaden könne.

"Die industrielle Apfelproduktion setzt nach wie vor gefährliche Pestizide ein, die Umwelt und Verbraucher schädigen können", schlussfolgert der Landwirtschaftsexperte von Greenpeace, Dirk Zimmermann.

Ernte in Niedersachsen: Von Äpfeln geht kein Risiko aus, bestätigte Greenpeace Zur Großansicht
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Ernte in Niedersachsen: Von Äpfeln geht kein Risiko aus, bestätigte Greenpeace

Das alles klingt dramatisch. Doch eine unmittelbare Gefahr für Menschen besteht nicht, wie auch die Umweltschutzorganisation einräumen muss. Denn Äpfel aus der EU sind im Vergleich zu anderem Obst und Gemüse nur sehr gering mit Pestiziden belastet. Die Konzentrationen liegen deutlich unter den für Lebensmittel zulässigen Grenzwerten.

Keine Gefährdung für Regenwürmer

Bei genauer Betrachtung zeigt die Greenpeace-Studie sogar, dass Landwirte Pflanzenschutzmittel überwiegend gesetzeskonform anwenden. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat sich die Ergebnisse aus dem Alten Land für SPIEGEL ONLINE angeschaut. Die gemessenen Konzentrationen der zugelassenen Wirkstoffe im Boden lägen - in den meisten Fällen sehr deutlich - unter den für Regenwürmer schädlichen Konzentrationen, schreibt das Bundesamt. "Nachteilige Auswirkungen auf Bodenorganismen sind nicht zu erwarten."

Ähnliches gilt für drei inzwischen verbotene Stoffe, die im Alten Land nachgewiesen werden konnten. So war die DDT-Konzentration in den Bodenproben beispielsweise deutlich geringer als der Grenzwert für Kinderspielplätze. Zum Vergleich: Dort sind laut BVL 40 Milligramm pro Kilogramm Boden erlaubt, im Alten Land waren es maximal 0,184 Milligramm.

Altlasten, Altlasten, Altlasten

Sprühaktion im Alten Land: "Gefährliche Pestizide gehören nicht auf den Acker" Zur Großansicht
Christian Kaiser/ Greenpeace

Sprühaktion im Alten Land: "Gefährliche Pestizide gehören nicht auf den Acker"

Es ist davon auszugehen, dass es sich bei den verbotenen Stoffen um Altlasten oder Abbauprodukte zugelassener Pestizide handelt. DDT reichert sich über Jahrzehnte in Böden und in Geweben von Menschen und Tieren an. "Dass DDT heute noch im Boden zu finden ist, zeigt, warum es nicht mehr eingesetzt werden darf", erklärt Jörn Wogram, Leiter des Fachgebiets Pflanzenschutzmittel am Umweltbundesamt (Uba).

Bei einem weiteren verbotenen Stoff deutet die Greenpeace-Studie sogar auf eine Verbesserung hin. Noch zwischen 2011 und 2012 wurde der Wirkstoff Carbendazim laut einer bundesweiten Untersuchung teils illegal eingesetzt. Das scheint zumindest im Alten Land derzeit nicht der Fall zu sein.

Zwar gehöre Carbendazim zu den giftigsten gefundenen Stoffen, schreibt das BVL, in diesem Fall könnten die gemessenen Konzentrationen aber als unkritisch für Bodenorganismen gesehen werden. Wahrscheinlich sei das von Greenpeace nachgewiesene Carbendazim beim Abbau eines weiteren, zugelassenen Pestizids entstanden, schreibt auch Greenpeace.

Die meisten Pestizide in Italien entdeckt

Auch das dritte im Alten Land entdeckte verbotene Mittel, Fluquinconazole, stammt mit großer Sicherheit aus früheren Anwendungen. Der Stoff war bis 2011 zugelassen und durfte noch bis 2013 verbraucht werden. "Die gemessene Konzentration wird als unkritisch für Bodenorganismen gesehen", so das BVL.

Europaweit ergibt sich ein ähnliches Bild: Hier kam das Pilzbekämpfungsmittel Boscalid (38 Prozent aller Proben) am häufigsten vor. Die gemessene Maximalkonzentration liegt laut BVL in der gleichen Größenordnung wie jener Wert, der für Regenwürmer als unbedenklich gilt. Auf Platz zwei landete DDT, das ja bereits verboten ist und laut Greenpeace auch nicht mehr verwendet wird. Deutschland schneidet im europaweiten Vergleich gut ab. Am häufigsten seien Pestizide in Bodenproben aus Italien, Belgien und Frankreich sowie in Wasserproben aus Polen, der Slowakei und Italien gefunden worden, berichtet Greenpeace.

Greenpeace für Mischanbau

Das BVL weißt ausdrücklich darauf hin, dass sich aus den Greenpeace-Werten keine Gefährdung für Verbraucher ergibt, da dazu die Belastung der Äpfel selbst mit Pestiziden gemessen werden müsste. Greenpeace reicht das nicht. "Gefährliche Pestizide gehören auch nicht auf den Acker." Die Umweltschutzorganisation plädiert für natürliche Methoden der Schädlingskontrolle.

Öko-Landwirte kombinierten den Apfelanbau mit unterschiedlichen Ackerfrüchten in unmittelbarer Nähe und anderen Pflanzen in den Plantagen. Sie achteten auf sogenannte Nützlinge, gesunde Böden und standortangepasste robuste Sorten. Zimmermann fordert daher Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) auf, gefährliche Chemie in der Produktion von Lebensmitteln ganz zu verbieten.

Offenbar wollte die Organisation ihrer Forderung mit erschreckenden Zahlen Nachdruck verleihen, so richtig geglückt ist das nicht.

Mit Material von dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 142 Beiträge
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1.
Olaf 17.06.2015
Kritik an einer Greenpeace Studie? In den deutschen Medien werden die doch sonst als Unfehlbar gesehen.
2. Wenn ich das richtig verstehe
Don_Draper 17.06.2015
waren das doch überwiegend Altlasten. Und zur "nartürlichen Schädlinsgbekämpfung": Alles schön und gut, wenn es denn aussreicht und es finaziell zu machen ist. Wenn aber dann der Apfel 5 x so viel kostet, weil es so aufwendig ist, ode rweil doch dei halbe Ernte von Schädlingen erledigt wurde, dann ist es eben doch eine Altnernative Mittel zur Schädlingsbekämpfung einzusetzen, die nicht nur öka sind, aber trotzdem keinen Schaden anrichten.
3. Ergebnisse dramatischer dargestellt, als sie sind?
alafesh 17.06.2015
Das heißt also, sie sind dramatisch. Ich esse nur die als "Schalenfehler" gekennzeichneten Äppel meines Biobauern. Wobei "Schalenfehler" meist kaum erkennbar sind oder einfach nur Pickel oder leichte Schorfstellen, die aber m.W. ein Kennzeichen dafür sind, daß der Apfel sich schon mal gegen einen Angreifer erfolgreich zur Wehr gesetzt hat und darum mehr gesundheitsfördernde Eigenchaften besitzt als die schönen Exemplare. Kosten nicht mehr als bei Aldi. Egal, ob die Grenzwerte der Pestizide eingehalten werden, über kurz oder lang landen sie ja doch in unserer Nahrungskette. Je schneller wir die Monokulturen abschaffen, über deren Nachteile wir nicht mehr diskutieren müssen, desto eher können wir auf Gift verzichten. Die Verbraucher können das regeln. Aber es wird immer noch so viel Häme über die biologische Landwirtschaft ausgegossen. Wir leben immer noch, als würde unser Trinkwasser nie alle.
4. Wenn man...
fatherted98 17.06.2015
Zitat von alafeshDas heißt also, sie sind dramatisch. Ich esse nur die als "Schalenfehler" gekennzeichneten Äppel meines Biobauern. Wobei "Schalenfehler" meist kaum erkennbar sind oder einfach nur Pickel oder leichte Schorfstellen, die aber m.W. ein Kennzeichen dafür sind, daß der Apfel sich schon mal gegen einen Angreifer erfolgreich zur Wehr gesetzt hat und darum mehr gesundheitsfördernde Eigenchaften besitzt als die schönen Exemplare. Kosten nicht mehr als bei Aldi. Egal, ob die Grenzwerte der Pestizide eingehalten werden, über kurz oder lang landen sie ja doch in unserer Nahrungskette. Je schneller wir die Monokulturen abschaffen, über deren Nachteile wir nicht mehr diskutieren müssen, desto eher können wir auf Gift verzichten. Die Verbraucher können das regeln. Aber es wird immer noch so viel Häme über die biologische Landwirtschaft ausgegossen. Wir leben immer noch, als würde unser Trinkwasser nie alle.
...das so liest...gehe ich davon aus das Sie dereinst mal total gesund sterben werden....
5. Das übliche Vorgehen
Na Sigoreng 17.06.2015
Man nehme ein X-beliebiges Nahrungsmittel und untersuche es auf Pestizide, Fungizide oder im Herstellungsprozess vermutlich entstehende Substanzen, wie beispielsweise 3MCPD. Das ganze wird in einem durchschnittlichen Lebensmittellabor untersucht. Bei der Leistungsfähigkeit der heutigen Gaschromatographen wird man so einiges finden. Das ist vollkommen natürlich, weil wir eben nicht in einer sterilen Umgebung leben und Böden sind nun mal eben naturgemäß auch nicht steril. Das Aufgefundene - man gibt natürlich eine Menge in µg an, die dem Durchschnittskonsumenten nichts sagt, aber gefährlich klingt, rechne es hoch auf eine ordentliche Menge in g - wird dann als Tagesdosis auf Ratten übertragen und es wird dann in dramatischen Worten dargestellt, dass die Viecher davon voraussichtlich Krebs kriegen werden. Der Konsument erschrickt - Reuters multipliziert es, und wir haben einen original Lebensmittelskandal. Firmen bezahlen viel Geld - oder gehen Pleite - egal, die Lebensmittelwirtschaft ist böse, das verkauft sich immer gut und der normale Konsument hat das ohnehin verinnerlicht.
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