Neues Verfahren Forscher spüren seltene Tropenhölzer in Grillkohle auf

Wem beim Grillen die Umwelt nicht Wurst ist, sollte die richtige Kohle wählen. Für deren Herstellung werden zum Teil wertvolle Baumarten abgeholzt. Mit einem neuen Verfahren können deutsche Forscher das nun aufdecken.

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Rostbratwurst, Nackensteak, Feta-Tomaten-Päckchen oder Garnelenspieß - klingt gut? Das sehen viele so. Gerade jetzt im Sommer rauchen landauf, landab die Grills. Damit das klappt, braucht es jede Menge Brennstoff, und der kommt zu rund 90 Prozent aus dem Ausland: Laut Statistischem Bundesamt wurden im vergangenen Jahr 227.000 Tonnen Holzkohle nach Deutschland eingeführt. Wichtigstes Lieferland ist seit Jahren Polen, auf den Plätzen zwei und drei der Statistik stehen Paraguay und Nigeria.

Doch wie können Grillfans sicher sein, dass sie unterm Rost keine wertvollen Tropenhölzer verfeuern? Schließlich geht selbst die Regierung in Nigeria davon aus, dass mehr als die Hälfte des Holzes im Land illegal geschlagen wird. Umweltschützer operieren mit noch deutlich höheren Zahlen - und verweisen darauf, dass gerade das illegale Holz zum überwiegenden Teil zur Kohleherstellung genutzt wird.

Deutschlands Top-5-Importländer für Holzkohle

Land Importmenge in Tonnen Wert in Mio EUR
Polen 74.065,8 36,8
Paraguay 34.048,7 13,9
Nigeria 31.816,4 7,9
Ukraine 17.511,8 7,8
Frankreich 13.715,5 6,1

Quelle: Statistisches Bundesamt, Daten für 2015

Wissenschaftler um Gerald Koch vom Thünen-Kompetenzzentrum Holzherkünfte in Hamburg können mit einem neuen Verfahren nun an einzelnen Kohlestücken erkennen, zu welcher Holzgattung sie gehören - und damit auch ein Stück weit nachverfolgen, woher sie stammen. Bislang sei es "nur in Einzelfällen und mit großem Aufwand" möglich gewesen, bei Holzkohlefragmenten auf das zugrunde liegende Holz zu schließen, sagt Forscher Koch, so etwa bei archäologischen Funden. Nun könnten Mikroskopie- und Bildanalysetechnik so kombiniert werden, dass Untersuchungen "auch routinemäßig in größerem Maßstab" möglich sind.

Bei Thünen kennt man sich aus mit Holz: In den Schränken des Instituts lagern 50.000 Vergleichspräparate von 12.500 verschiedenen Arten, die wiederum zu 2500 Pflanzengattungen gehören. Bei der Herkunftsanalyse unter dem Mikroskop arbeiten die Experten einen Katalog von bis zu hundert charakteristischen Strukturmerkmalen ab. Das Problem: Für die Untersuchungen werden normalerweise extrem dünne Schnitte der Holzproben mit einem Durchlichtmikroskop betrachtet. Doch die extrem porösen Holzkohlestücken lassen sich nicht so fein schneiden. "Dann hätte man nur noch Brösel", sagt Koch.

Tropenhölzer haben keine Jahresringe

Das neue Verfahren löst die Schwierigkeit: Zum Einsatz kommt ein Auflichtmikroskop. Die Probe wird dabei von oben mit polarisiertem Licht beleuchtet. Fokussiert und fotografiert wird jeweils nur ein kleiner Teil der unregelmäßigen Holzkohle-Oberfläche. Im Computer werden die Einzelbilder dann zusammengesetzt. So entstehen Aufnahmen, die denen eines Durchlichtmikroskops vergleichbar sind (siehe Fotostrecke).

In den Holzproben schauen die Forscher danach, wie drei verschiedene Gewebetypen aufgebaut und verteilt sind: Gefäße, Speicherzellen und Fasern. In den 2D-Bildern des Auflichtmikroskops finden sich etwa 40 Strukturmerkmale wieder - also deutlich weniger als beim herkömmlichen Verfahren, wo die Forscher die Verteilung der Zellen auch in der dritten Dimension untersuchen können. Die Aufnahmen seien aber immer noch gut genug, um auf die jeweilige Gattung des untersuchten Holzes schließen zu können, verspricht Koch.

Und daraus lässt sich ablesen, wo der Baum einst stand, der dann zu Holzkohle verarbeitet wurde: Im kühleren Mitteleuropa oder in den warmen Tropen Afrikas oder Südamerikas zum Beispiel. Bei Tropenhölzern gibt es keine Jahresringe, weil diese wegen der hohen Temperaturen ganzjährig wachsen. Auch sind die Speicherzellen anders ausgebildet, weil der Stoffwechsel der Pflanze permanent läuft.

EU-Verordnung mit vielen Ausnahmen

Verbraucherschützer aus Österreich haben das neue Thünen-Verfahren als Erste eingesetzt - und einige Unregelmäßigkeiten festgestellt: Der Kosumentenschutz der Arbeiterkammer Oberösterreich hatte Holzkohle von 16 Anbietern - Baumärkte, Discounter und Supermärkte - von den Forschern untersuchen lassen. Dabei fanden sich in drei Proben Tropenhölzer aus Afrika oder Südostasien.

Eine Probe bestand sogar vollständig aus Tropenholz. Dabei hatte der Hersteller behauptet, die Holzkohle stamme aus Frankreich. Bei drei weiteren Paketen entsprachen die gefundenen Hölzer nicht den Deklarationen auf der Packung.

Zwar fällt Holzkohle - ähnlich wie etwa Kinderspielzeug oder Musikinstrumente - nicht unter die EU-Holzhandelsverordnung ("EUTR"). Die legt eigentlich fest, dass in die EU importierte Hölzer und Holzprodukte aus legalem Einschlag stammen müssen. Doch wenn die Hersteller auf ihren Paketen Versprechen zur Herkunft der Kohle machen, etwa dass sie aus heimischen Buchen stammt, dann müssen diese nach Handelsrecht auch stimmen.

In Deutschland hat es bislang noch keinen größeren Holzkohletest mit dem neuen Verfahren gegeben. Vom Bund für Umwelt und Naturschutz heißt es auf Nachfrage etwa, so etwas habe man derzeit auch nicht vor. Beim Thünen-Institut geht man trotzdem von "einem zusätzlichen Schwung Prüfanfragen" aus. Die, so sagt Gerald Koch, könnten auch vom Handel selbst kommen. Bereits jetzt würden 70 Prozent der in seinem Bereich verfassten Holzgutachten von Unternehmen in Auftrag gegeben - um sich gegen mögliche unliebsame Schlagzeilen abzusichern.

Was können Grillfans nun tun, um bei der Kohle ein gutes Gewissen haben zu können? Beim BUND lobt man das FSC-Logo, das die Einhaltung von Mindeststandards bei der Holzherkunft garantiere. Voraussetzung ist allerdings, dass die Hersteller die entsprechenden Zertifikate auch tatsächlich vorlegen können. Organisationen wie Greenpeace stehen dem FSC-Logo ohnehin etwas kritischer gegenüber und beklagen etwa die Vergabe von Zertifikaten im Kongobecken oder in Russland.

Ganz auf Holz verzichten ließe sich beim Grillen freilich auch: So stellt ein Unternehmen Grillkohle aus Abfallprodukten der Olivenölproduktion in Griechenland her. Auch Kohle aus Kokosschalen ist zu haben.

insgesamt 26 Beiträge
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felisconcolor 21.07.2016
1. Die
Puristen werden aufschreien aber ich bin nach anfänglicher Skepsis zu Gas übergelaufen. Kein Gequalme mehr, die Grilltemperatur lässt sich hervorragend überwachen, das Grillergebniss ist von kontiuierlich hervorragender Qualität. Und bei Flaschengas sollte es ja zu keinen moralischen Diskrepanzen führen. Oder?
ede_wolf 21.07.2016
2. Kokoko Eggs
Es gibt nicht wahnsinnig viel richtig gute Grillkohle. 5 oder 6 verschiedene Marken. Ich bin persönlich begeistert von den im Artikel angesprochenen Briketts aus Kokosschalen. Hervorragende Kohle, glüht sehr heiss und lange (doch doch da gibt es Unterschiede) und ist auch noch umweltfreundlich.
giespel 21.07.2016
3. Tropenholz?
Tropenholz? Ich stelle neuerdings häufiger fest, dass Kieselsteine oder Asphalt mit in der Tüte sind, und das auch bei "hochwertiger" Grillholzkohle. Aber ob Tropenhölzer verwendet werden, wie soll das denn ein normaler Mensch feststellen. Marken werden leider nicht aufgeführt.
Msc 21.07.2016
4.
Steak ohne Teak geht halt auch nicht.
vlado13 21.07.2016
5.
Oder mit Gas grillen. Das sind dann Bäume, die schon sehr lange tot sind.
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