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Grippemedikamente: Bundesländer befürchten Tamiflu-Lieferengpass

Sechs bestätigte Fälle der Schweinegrippe gibt es derzeit in Deutschland. Sie können, so versichern Mediziner immer wieder, mit den aktuell erhältlichen Medikamenten gut behandelt werden. Allerdings fürchtet man auf Länderebene nach SPIEGEL-Informationen Lieferengpässe.

Berlin - Zumindest für manche hat die Furcht vor einer neuen Influenzapandemie durchaus auch angenehme Seiten: Pharmakonzerne, die Grippemedikamente herstellen, können sich derzeit über massiv steigende Absatzzahlen freuen. Der Großteil der Bestellungen konzentriert sich auf das Medikament "Tamiflu" des Herstellers Roche, in niedrigerem Umfang kann auch das Unternehmen GlaxoSmithKline vom verstärkten Verkauf seines Produkts "Relenza" profitieren.

Grippemittel "Tamiflu": "Roche zerbricht sich derzeit den Kopf, nach außen nicht einen 'stock out' melden zu müssen."
DPA

Grippemittel "Tamiflu": "Roche zerbricht sich derzeit den Kopf, nach außen nicht einen 'stock out' melden zu müssen."

Beispielhaft zeigt sich das an einer Bestellung, die das US-Gesundheitsministerium kürzlich angekündigt hat. Washington wolle weitere 13 Millionen Dosen an Antiviralen Medikamenten für insgesamt 251 Millionen Dollar bestellen, hieß es. Von der Order würden 80 Prozent auf "Tamiflu" und 20 Prozent auf "Relenza" entfallen. Auch in Deutschland macht das Roche-Präparat den Großteil der eingelagerten Grippemedikamente aus, wie Jörg Hacker, der Chef des Robert-Koch-Instituts am Mittwoch auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE noch einmal bestätigt hatte: "Die Einlagerung hat sich im wesentlichen mengenmäßig auf 'Tamiflu' konzentriert, wenn auch nicht ausschließlich."

In Deutschland gibt es derzeit sechs bestätigte Fälle mit dem neuen Influenzaerreger und rund 30 Verdachtsfälle. Ärzte müssen ab Sonntag alle Fälle von Infektionen mit dem Influenza-Erreger A/H1N1 den Behörden melden. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums tritt dann eine Rechtsverordnung in Kraft, mit der die Arztmeldepflicht nach dem Infektionsschutzgesetz auf die neue Grippe ausgedehnt wird.

RKI-Chef Hacker hatte beim täglichen Pressebriefing am Samstagvormittag den zweiten Fall einer Mensch-zu-Mensch-Infektion bekanntgegeben. Zudem gebe es derzeit 30 Verdachtsfälle. Neu bestätigt wurde die Krankheit jetzt bei einem Mann aus Bayern, der im Krankenhaus des niederbayerischen Ortses Mallersdorf im selben Zimmer wie ein infizierter Mexiko-Urlauber lag. Dieser hatte auch eine Krankenschwester angesteckt. Der Mexiko-Urlauber lag laut Hacker wegen einer anderen Erkrankung in der Klinik. Die Grippe wurde deshalb erst später diagnostiziert. Nach Angaben des RKI-Chefs sind alle sechs Patienten entweder austherapiert oder befinden sich auf dem Weg der Besserung. Die eingesetzten Medikamente wie etwa "Tamiflu" wirkten gut, heißt es immer wieder.

Bestellboom und beginnende Lieferschwierigkeiten

Fakt ist: Auch in deutschen Amtsstuben werden derzeit oder in den kommenden Tagen hektisch Bestellzettel für neue Grippemedikamente ausgefüllt werden. Das liegt unter anderem daran, dass längst nicht alle Bundesländer derzeit die angepeilten Lagerbestände für 20 Prozent der Bevölkerung vorrätig haben. Und offenbar erhöht das Bundesgesundheitsministerium den Druck auf solche Länder, die bisher nicht genügend antivirale Medikamente eingelagert haben.

So kündigte etwa Baden-Württembergs Gesundheitsministerin Monika Stolz (CDU) an, man wolle die Vorräte an "Tamiflu" aufstocken. Sie werde dem Kabinett am Montag vorschlagen, genügend Medikamente für die Versorgung von 20 Prozent der Bevölkerung vorzuhalten. Bislang beträgt die Versorgungsquote 14 Prozent. Dies entspricht 1,4 Millionen Therapieeinheiten.

So löblich der Plan von der Aufstockung der Reserven ist, gibt es doch ein Problem: Nach SPIEGEL-Informationen fürchtet man auf Länderebene Lieferengpässe. So heißt es in einer E-Mail des thüringischen Gesundheitsministeriums an die Zuständigen in den Bundesländern: Roche habe "soeben telefonisch und per Fax mitgeteilt, dass sie noch über einen Bestand von 180 000 Packungen Tamiflu verfügen". Gerade mal eine Stunde bleibe Zeit, um von dem Angebot Gebrauch zu machen. Weiter in der Mail: "Roche zerbricht sich derzeit den Kopf, nach außen nicht einen 'stock out' melden zu müssen, und möchte hierzu mit dem Bundesgesundheitsministerium eine Sprachregelung finden."

In der Basler Zentrale von Roche heißt es lediglich, es sei "eine Erhöhung der Produktion eingeleitet" worden. Doch in erster Linie gehe es darum, die Krisenregion Lateinamerika mit Tabletten zu versorgen. Auch GlaxoSmithKline hat versprochen, seine Produktionskapazitäten zu erhöhen. Das Unternehmen erklärte, man peile eine Kapazität von fünf Millionen Therapieeinheiten pro Woche an. Die Aufstockung des Medikamentenausstoßes werde aber 12 bis 14 Wochen dauern.

Nach aktuellen Zahlen des Informationsdienstleisters "Insight Health" boomt der "Tamiflu"-Absatz in Deutschland. Vom 22. bis 28. April seien rund 115.000 Packungen des Grippemittels über den pharmazeutischen Großhandel an Apotheken verteilt worden. Damit wären innerhalb einer Woche so viele Packungen über den Ladentisch gegangen wie sonst in einem ganzen Winter.

Der Bundesverband des Apothekenhandels erklärte, die Apotheken seien "grundsätzlich noch lieferfähig". Aus einzelnen Regionen wie Hamburg und dem Raum Regensburg war gemeldet worden, dass in Apotheken die Vorräte an Mundschutz sowie den verschreibungspflichtigen Grippemitteln "Tamiflu" und "Relenza" knapp würden.

Verbraucherschützer und Gesundheitsexperten warnen vor einer Selbstmedikation mit den Arzneien. RKI-Chef Jörg Hacker warnte: "Mit falscher Dosierung könnten resistente Varianten angereichert werden." Denn das ist ein Problem, über das niemand gern nachdenkt: Noch, so versichern die Forscher, spricht der neue Erreger gut auf die antiviralen Mittel an, die die Behörden - je nach Bundesland in verschieden großen Mengen - vorhalten. Doch was passiert, wenn sich Resistenzen bilden? Auf die Möglichkeit hatten US-Forscher bereits im März nach Analyse der saisonalen Grippeerkrankungen der vergangenen beiden Winter hingewiesen.

Dazu kommen bei einem eigenmächtigen Kauf des Mittels im Internet mögliche Qualitätsprobleme. Zahlreiche Betrüger im Internet nutzen die Grippeangst einiger Menschen aus. Im Netz wimmelt es derzeit von dubiosen Angeboten. "Drohende Epidemien werden von Betrügern genutzt", sagt auch Evelyn Keßler von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Es sei dringend davon abzuraten, über das Internet besorgte Grippemittel ohne ärztlichen Rat einzunehmen. "Da ist das Risiko zu groß", warnt Keßler.

Es sei zwar nicht grundsätzlich gefährlich, über das Internet Arzneien zu bestellen. Bei außereuropäischen Versendern sei aber Vorsicht geboten, empfahl die Verbraucherschützerin. "Außerdem ist es viel wichtiger, sofort zum Arzt zu gehen, wenn man Symptome hat."

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

chs/AP/dpa/AFP

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Forum - Schweinegrippe – Müssen wir Angst vor dem Virus haben?
insgesamt 6202 Beiträge
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1.
IsArenas, 02.05.2009
Nein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
2.
Crackerjack 02.05.2009
Zitat von IsArenasNein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Hierzu ein von Herzen kommender Applaus.
3.
descartes101, 02.05.2009
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Lächerlich. Das Grippevirus rekombiniert sich jede Saison neu, weshalb die Impfungen auch dann nicht mehr wirksam sind. Mal ist es virulenter, mal weniger. Jedenfalls sterben immer auch Menschen daran. Das ganze ist eine haltlose Hysterie, wahrscheinlich damit unsere tüchtigen Regierungen mal behaupten können, sie hätten eine Situation im Griff. Das ist natürlich besonders leicht bei einer Situation, die so oder so nicht eskaliert. Wenn ein hemorrhagisches Fieber wie Ebola durch die Ballungszentren zieht, dann lohnt es sich zuhause zu bleiben. Aber eine dämliche Papiermaske schützt niemanden vor Ansteckung. Das gleiche Prinzip wurde von den USA im kalten Krieg angewendet, wo man den Leuten erzählte, dass es helfe, sich im Falle eines Nuklearangriffs unter den Tisch zu hocken mit einer Zeitung über dem Kopf. Aua, aua. Seit damals hat sich wirklich nichts verändert.
4.
Hans58 02.05.2009
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Nein, wir müssen keine Angst haben, selbst wenn hier zum x-ten Male eine Diskussion über das Thema eröffnet wird.
5.
firefly 02.05.2009
Sie können sich ja gleich mal mit dem Papst zusammentun. Für den ist HIV auch kein Problem und alles nur Panik mache. Und Medikamente im Falle einer HIV-Infektion würde ich ihnen auch nicht empfehlen. Die wirken nämlich garnicht und dienen nur zum Geldschäffeln der Pharmaindustrie. /Ironie
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