Erdrutsch und riesige Flutwelle auf Grönland Der 95-Meter-Tsunami

In einem abgelegenen Teil Grönlands hat es kürzlich einen gigantischen Erdrutsch gegeben - und eine bis zu 95 Meter hohe Flutwelle. Nach und nach verstehen Forscher, was passiert ist. Rekonstruktion einer Katastrophe.

Hermann Fritz

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Dass ausgerechnet diese sieben Minuten die letzten ihres bisherigen Lebens sein würden, wussten die Menschen auf den Inseln des Karrat-Fjords nicht. Wie hätten sie es auch wissen sollen? Manchmal dauert es, bis einen die Gewissheit ereilt, dass das Schicksal grausam zugeschlagen hat. Die Gewissheit, dass von nun an alles anders ist.

Der 17. Juni, ein Samstag, ist ein Tag wie jeder andere in Nuugaatsiaq, Illorsuit und Niaqornat, drei kleinen Siedlungen im Westen Grönlands. Die Schlittenhunde jaulen, wollen Bewegung und Futter. Die Bewohner werkeln an den Booten, die sie für den Heilbuttfang brauchen. Oder sie sehen ihren Kindern zu, die zwischen den Holzhäusern spielen. Auch kurz vor zehn Uhr abends ist man noch draußen. Es wird zu dieser Jahreszeit kaum dunkel, hier auf 71 Grad Nord.

Währenddessen kommt ungefähr 30 Kilometer fjordaufwärts ein Berg ins Rutschen. Zuerst ganz langsam, wie John Clinton weiß. Der Seismologe arbeitet an der ETH Zürich - und rein zufällig haben deren Forscher vor ein paar Jahren am Ortsrand von Nuugaatsiaq eine Messstation eingerichtet. Sie trägt das Kürzel NUUG, steht an einem Berghang 36 Meter über dem Fjord und soll vor allem Erdbebensignale aufzeichnen, die entstehen, wenn gerade am Ende des Sommers große Eisblöcke am Rink-Gletscher abbrechen und ins Wasser stürzen.

NUUG registriert Erschütterungen

Und in der Tat: NUUG registriert am späten Abend des 17. Juni tatsächlich Erschütterungen der Stärke 4,1 auf der Richterskala. Aber nicht der Gletscher ist schuld daran. Auch deutlich weiter entfernte Stationen zeichnen das Ereignis auf. Der Geologische Dienst der USA errechnet eine Stärke von 4,2, das Deutsche GeoForschungsZentrum in Potsdam sogar 4,8.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als habe sich in der Region ein Beben ereignet. Aber, wie erste Analysen schnell zeigen, ist es gar kein Erdstoß, den die Stationen da registrierten. Und auch kein abgestürzter Eisblock. Es ist der seismische Fingerabdruck eines nur schwer vorstellbaren Ereignisses: An einer steilen Bergflanke kommen an diesem Abend rund 50 Millionen Kubikmeter Gestein am Block ins Rutschen. Erst nach und nach, dann immer schneller. Aus 1200 Metern krachen sie schließlich ins Wasser des Fjords und verursachen eine gigantische Flutwelle. Sie rast als Tsunami auf die Dörfer zu.

Fünf Minuten dauert der Erdrutsch insgesamt. Und weitere sieben Minuten dauert es, bis die Welle die Siedlungen auf den Inseln im Fjord erreicht. Es sind die sieben Minuten, in denen die Menschen dort noch nicht wissen, dass ihr Leben nie wieder sein wird wie zuvor.

"Es ist sehr selten, dass wir so etwas mit so einer hohen Auflösung aufzeichnen können", sagt Forscher Clinton. Man habe einen "großartigen Datensatz". Er wird den Forschern begreifen helfen, welche Urgewalten an diesem Tag am Werk sind: Die in den Karrat-Fjord abgerutschten Felsmassen würden 20.000 Olympische Schwimmbecken füllen. Sie entsprechen einem Würfel von 370 Meter Kantenlänge.

Olina Angie Nielsen steht währenddessen mit dem Smartphone in der Hand unten am Wasser. Am steinigen Strand von Illorsuit filmt sie die sanften Wogen, auf denen Eisberge verschiedener Größe treiben. Dann kommt die erste vom Erdrutsch verursachte Welle. Nielsen und die Kinder, die bei ihr sind, laufen. Sie laufen bergauf. Sie laufen um ihr Leben. Illorsuit droht überspült zu werden. Immerhin: Nielsen und die anderen können sich retten.

"Die erste Welle muss nicht die höchste sein"

"Das Filmen von Wellen ist nicht zwangsläufig das beste Verhalten", sagt Hermann Fritz vom Georgia Institute of Technology in Atlanta. "Die erste Welle muss nicht die höchste sein." Wichtig sei vor allem eines: Höhe zu gewinnen. Auf den Inseln im Karrat-Fjord steigen die Berge schnell an. Wer landeinwärts laufe, könne so schnell die zum Überleben nötige Distanz zu den Wellen erreichen.

Nuugaatsiaq wird stärker getroffen als Illorsuit. John Clintons Messstation zeichnet auf, wie die gnadenlosen Wogen auflaufen: 45 Minuten lang treffen hohe Wellen wieder und wieder auf die Siedlung. Im Fjord entstehen Resonanzen, dadurch addieren sich Wellen teils noch höher auf. Weil NUUG so hoch über dem Meer steht, wird die Station nicht überspült. Zwanzig Wellenzyklen zeichnet sie auf. Dann brechen Strom- und Kommunikationsverbindungen zusammen. Die Station registriert zwar weiter Daten, kann diese aber zunächst nicht versenden.

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Tsunami in Grönland: Auf den Spuren der Riesenwelle

Später, als der Strom kurzzeitig wieder da ist, wird sich in den Aufzeichnungen zeigen, dass die Wellen mehr als drei Stunden über den Fjord toben. Sie reißen vier Menschen aus Nuugaatsiaq auf das Meer hinaus. Neun Menschen werden verletzt, elf Gebäude weggespült. Die knapp 200 Überlebenden warten auf Hilfe.

Irgendwann kommen schließlich die Rettungsflieger. Einer von ihnen ist Kalistat Lund mit seinem Sikorsky-Hubschrauber. Wie lange er an diesem Tag arbeitet, weiß er nicht mehr. 14 Stunden dürften es gewesen sein, schätzt er später. Er berichtet von geschockten, teils nassen Menschen, die an der Flanke eines Bergs ausgeharrt hätten. Sie seien sofort auf seinen Helikopter zugerannt, um sich in Sicherheit zu bringen. Lund fliegt Menschen nach Uummannaq aus. Immer wieder. Dort leben sie bis heute.

Drei Tage nach der Katastrophe kommt das erste Team in die verwüsteten Siedlungen. Sechs Leute schickt das Arktiskommando der dänischen Armee vom Patrouillenboot "HDMS Vædderen" aus an Land. Große Mengen Eis treiben im Fjord, die Sicht ist schlecht. Das Team kümmert sich um die Schlittenhunde, sucht nach den Vermissten - allerdings ohne Erfolg.

Per Hubschrauber ins Katastrophengebiet

Am 24. Juni ist klar, dass die Bewohner von Nuugaatsiaq und Illorsuit zumindest in diesem Jahr nicht zurückkehren können. Nur die Menschen aus Niaqornat dürfen wieder nach Hause. Währenddessen fahnden die Helfer weiter. Mit Schlauchbooten fahren sie zu Holzhäusern, die in Gänze auf dem Fjord schwimmen. Die Opfer finden sie nicht. Aus 24 Häusern am Land birgt das Team traditionelle Trachten, Jagdwaffen, Bilder und Schmuck. Es ist alles, was den Bewohnern der überspülten Siedlungen von ihrem alten Leben bliebt.

Anfang Juli machen sich schließlich Wissenschaftler aus den USA auf den Weg ins Unglücksgebiet, um die Katastrophe aufzuarbeiten. Einer von ihnen ist Hermann Fritz, die anderen Thomas Giachetti von der University of Oregon und Scott Anderson vom Beratungsunternehmen BGC Engineering. Das Trio ist mit Unterstützung der National Science Foundation unterwegs. Ihr Ziel: ein 3D-Modell des Erdrutsches.

"Die Fjordlandschaft ist äußerst spektakulär und weitläufig", sagt Fritz. Bei einem Hubschrauberflug sehen die Wissenschaftler die mehrere Hundert Meter breite Wunde, die der Erdrutsch in die Flanke des Bergs geschlagen hat. Um das Gebiet im Detail zu fotografieren, bitten sie den Piloten, Schleifen zu fliegen. Vor allem im unteren Bereich des Hangs sehen sie währenddessen immer wieder Staubwolken von nachstürzendem Geröll.

Dann versuchen sie auf einem Geröllkegel direkt gegenüber vom Erdrutsch zu landen. Windböen jagen mit rund 80 Kilometern in der Stunde die Fjordwände entlang. Doch das Manöver glückt. Den Forschern fallen gestrandete und schmelzende Eisbrocken auf dem dunklen Geröll auf. Auch dank ihnen kann das Team erkennen, wie hoch die Wellen nach dem Erdrutsch tatsächlich waren: Mehr als 90 Meter hoch schlugen sie demnach auf der Seite des Fjords nach oben, an der die Schuttmassen ins mehr als 1000 Meter tiefe Wasser tauchten. Und selbst auf der sechs Kilometer weit entfernten gegenüberliegenden Seite türmten sich die Wassermassen noch immer 50 Meter weit auf.

"Die Wellen haben sich mit etwa 100 Metern pro Sekunde fortgepflanzt", rechnet Fritz vor. "Das ist zehnmal schneller als Usain Bolt." Nuugaatsiaq, so schätzen die Forscher, wurde von bis zu zehn Meter hohen Wellen getroffen. Bei einer Landung in der zerstörten Siedlung sehen die Forscher ein Haus "mit einem raumfüllenden Eisberg in der Stube", wie Fritz es ausdrückt. Vermutlich hatten es die Wellen angehoben - und schließlich auf dem Eisberg wieder abgesetzt.

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Der Tsunami, der Japan nach einem Seebeben im Jahr 2011 traf und für die Fukushima-Katastrophe verantwortlich war, soll bis zu 40 Meter hohe Wellen erzeugt haben. Diese breiteten sich noch schneller aus als die in Grönland und hatten deutlich mehr Kraft. Tsunamis, die durch Erdrutsche verursacht werden, haben nur lokale Auswirkungen - doch die können eben massiv sein. Ein Erdrutsch im Jahr 1958 soll in Lituya Bay (US-Bundesstaat Alaska) für eine bis zu 520 Meter hohe Welle gesorgt haben - mit weniger Material, als nun in Grönland in den Fjord gefallen ist. Und 2015 gab es ebenfalls in Alaska einen 300-Meter-Tsunami nach einem Erdrutsch an der Icy Bay.

Der Tsunami vom 17. Juni, auch das haben Fritz und seine Kollegen zeigen können, war womöglich kein singuläres Ereignis. Denn rund einen Kilometer westlich der Stelle von damals gibt es eine weitere Gefahr. Auch dort ist der Hang großflächig instabil, zum Teil sogar schon 50 Meter talwärts gerutscht - im schlechtesten Fall droht ein weiterer Tsunami ähnlicher Größe. Deswegen sei es folgerichtig, die Evakuierungen der zwei Orte beizubehalten, sagt Fritz. Auch wenn die Analyse von Satellitenbildern inzwischen gezeigt habe, dass die betreffende Rutschung bereits vor dem ersten Ereignis aktiv gewesen sei.

"Gefahr nimmt grundsätzlich zu"

Die Arktis erwärmt sich stärker als alle andere Teile der Erde. Grönlands Gletscher verlieren jedes Jahr netto an Masse. Sind also solche Erdrutsche eine Folge des Klimawandels? Und werden sie in Zukunft häufiger auftreten? "Die Erwärmung kann über Jahrzehnte schon eine Rolle spielen", sagt Forscher Fritz. "Das ist nichts, was von heute auf morgen passiert. Aber die Gefahr nimmt sicher grundsätzlich zu."

Also denken die Forscher über Frühwarnsysteme nach, wollen die Daten des jüngsten Erdrutsches nutzen, um das Phänomen insgesamt besser zu verstehen. Trine Dahl-Jensen vom Geologischen Dienst Dänemarks ist derzeit in Uummannaq. Mit den Überlebenden des Tsunamis hat sie bisher noch nicht gesprochen, sagt sie. Aus Rücksichtnahme. "Diese Menschen haben eine Menge durchgemacht. Wir haben entschieden, sie nicht zu kontaktieren."

Stattdessen ist Dahl-Jensen gerade dabei, eine neue Bebenmessstation aufbauen. Denn die im evakuierten Nuugaatsiaq wird wohl lange Zeit nicht wieder ans Netz gehen können. Eine Initiative in Uummannaq wiederum hat Ende Juli ein Fest für die neuen Mitbürger aus den evakuierten Orten organisiert. Es war ein windiger Tag. Und doch wurde viel gemeinsam gesungen, gegessen und geredet. Das Fest hieß "Vorwärts mit einem Lächeln".

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