Großprojekt "Census of Marine Life" In der Tiefsee wimmelt es von bizarren Lebewesen

Die Dimension des Projekts ist immens: Forscher fahnden in einer Art Volkszählung nach neuen Wesen der Tiefsee. Ihre Zwischenbilanz ist beeindruckend und überraschend zugleich. Dort, wo man sich Leben nur schwer vorstellen kann, tummeln sich fast 18.000 verschiedene Tierarten.

Bünzow / Corgosinho

Es gibt keinen Ort der Erde, auf dem sich das Leben nicht ausgebreitet hat. Im ewigen Eis etwa, in kochendheißen Schwefelquellen, in Wüsten, am Rand der Atmosphäre - überall findet man Lebewesen, seien es auch nur Einzeller, die sich im Laufe der Jahrmillionen an die Lebensbedingungen ihrer Umwelt angepasst haben.

Selbst in den Tiefen der Weltmeere, dort wo kein Sonnenstrahl jemals ankommt, haben Organismen Wege des Lebens gefunden. So unwirtlich der Ort der Kälte und absoluten Dunkelheit jedoch scheint, in den letzten Jahren der Meeresforschung zeichnete sich immer klarer ab: Dort unten existieren jede Menge Lebewesen. Deshalb machte sich ein internationales Forscherteam in einem mehrjährigen Großprojekt daran, die Artenvielfalt der Meere zu erkunden und genau zu katalogisieren.

Am Sonntag haben die Meeresbiologen eine beeindruckende Zwischenbilanz veröffentlicht: 17650 Tierarten haben sie seit Beginn des Projekts Census of Marine Life im Jahr 2000 registriert. Der Großteil davon war bisher unbekannt. 5722 Arten leben in mehr als tausend Meter Tiefe, die restlichen in Regionen unter 200 Metern.

Acht Tentakeln und zwei Ohr-Flossen

Es sind bizarre Kreaturen, die sich in der Tiefsee tummeln. Wie zum Beispiel die Riesenkrake "Dumbo" (Dumbo-Octopus), eine bisher unbekannte Kopffüßerart, die Wissenschaftler des Census of Marine Life unterhalb von 1000 Metern entdeckten. Das Weichtier kann bis zu zwei Meter lang werden und kam wegen seiner ohrenartigen Flossen, die es wie seine acht Tentakeln zur Fortbewegung nutzt, zu seinem Namen. Insgesamt fanden die Forscher neun Arten dieser Tintenfische.

Ein anderes Team entdeckte im Golf von Mexiko 1000 Meter unter der Wasseroberfläche auf dem Meersboden einen Röhrenwurm vom Typ Lamellibrachia. Als ein Greifarm des U-Bootes vom Boden abzog, sprudelte Rohöl sowohl aus einem Loch in der Erde als auch aus dem Inneren des Wurms. Offenbar hatte sich das Tier gerade an Chemikalien aus zersetztem Öl gelabt. Eine dritte Forschergruppe stöberte vor der Antarktisküste Vertreter der Gattung Osedax auf - Würmer, die sich von herabgesunkenen Walknochen ernähren. Solche Organismen waren bisher nur in nördlichen Gefilden wie etwa der Nordsee bekannt, nicht aber aus der Antarktis-Region.

"Die Tiefsee ist das größte zusammenhängende Ökosystem der Welt und der größte Siedlungsraum für Leben. Sie ist aber zugleich auch das am wenigsten erforschte", sagt Chris German, der zusammen mit etwa tausend anderen Meeresbiologen aus 70 Ländern an der Volkszählung der Lebewesen unter Wasser beteiligt ist.

"Um in der Tiefe zu überleben, müssen die Tiere kärgliche und neue Nahrungsressourcen finden. Und ihre große Vielfalt zeigt, wie viele Möglichkeiten es gibt, sich anzupassen", sagt Robert Carney von der Louisiana State University. In der Tat, allein äußerlich wirken viele der Tierarten wie Lebewesen, als stammten sie von einem anderen Planeten.

Not macht Ernährungssuche erfinderisch

Die Tiere ernähren sich von herabsinkenden Nahrungsresten aus den höheren und helleren Regionen, von Bakterien, den gesunkenen Knochen toter Wale oder anderen unmöglichen Dingen. Ein vegetarisches Dasein können sich die Lebewesen der Dunkelheit jedenfalls nicht leisten, denn Pflanzen gibt es dort keine mehr - in der ewigen Finsternis funktioniert die Photosynthese nicht. "Vielfalt ist vor allem abhängig von der vorhandenen Nahrung und nimmt mit der Tiefe rapide ab", sagt Carney.

Obwohl die Tiefsee den größten Teil der Welt einnimmt, ist sie bisher weniger erforscht als der Mond. Extreme Bedingungen in Tiefen bis zu 5000 Metern machen den Wissenschaftlern die Arbeit schwer: Das Wasser ist eiskalt, der Druck bis zu 400-mal höher als an der Oberfläche. Zum Vergleich: Schon in zehn Metern kann ein menschliches Trommelfell platzen.

Die Forscher sind in dem zerklüfteten, bergigen Gelände auf Meeresgrund deshalb auf High-Tech-Geräte wie ferngesteuerte Unterwasserautos, automatische Videokameras und Echolotgeräte angewiesen. "Jede Expedition ist ein Trip ins Ungewisse", sagt die neuseeländische Projektmanagerin Mireille Consalvey, "mit oft seekranken Wissenschaftlern, die zwischen Sturmböen und meterhohen Wellen zu arbeiten versuchen".

Für das bisher einmalige Großprojekt haben sich zur Erforschung der Tiefsee fünf Sonderteams von insgesamt 14 Arbeitsgruppen gebildet, die in teils wochenlangen Expeditionen die Tiefen der Ozeane zwischen 200 und 5000 Metern erforschten. Nach insgesamt mehr als 200 Expeditionen soll am Ende des Projekts im Oktober 2010 der Abschlussbericht vorgelegt werden.

cib/dpa/AP

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