Mitten in Südhessen, wo heute Rapsfelder blühen, Schwertlilien die Wanderwege säumen und Eichhörnchen durch die Wälder huschen, erstreckte sich vor 47 Millionen Jahren ein artenreicher tropischer Regenwald. Lianen schaukelten über dem Boden, sie verschwanden in den Baumkronen des dichten Dschungels. Inmitten der Landschaft lag ein tiefer Vulkansee, der Ursprung der Fossiliengrube Messel.
Sie ist eine der weltweit bedeutendsten Fundstätten für die damalige Tier- und Pflanzenwelt. Nun haben Wissenschaftler des Frankfurter Senckenberg Forschungsinstituts die umfangreiche Frucht- und Samensammlung aus der Grube untersucht. Die Gegend in Südhessen besaß demnach eine der artenreichsten Pflanzenwelten des Paläogen, der Zeitspanne vor etwa 65 bis 23 Millionen Jahren.
Insgesamt beschrieben die Forscher 140 verschiedene Pflanzengattungen, darunter 65 bisher unbekannte Pflanzentypen, wie sie in den "Abhandlungen der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung" schreiben. Die Pflanzen lassen Rückschlüsse auf das Klima in der Region zu: "Wir gehen davon aus, dass der Messel-See von einem mehr oder weniger tropischen Regenwald mit verschiedenen Stockwerken umgeben war, ähnlich wie in Gebieten mit einem vergleichbaren Klima zur heutigen Zeit." Unter den untersuchten Pflanzen seien viele Lianen und Sumpfpflanzen.
Explodierende Kapseln verbreiteten ihre Samen
Die Forscher analysierten rund 30.000 Pflanzenreste von Früchten über Samen bis hin zu Blättern, Blüten und Pollenkörnern, die in den vergangenen Jahrzehnten geborgen worden waren. "Wir haben sehr viele Überreste von Blütenpflanzen und einige Nadelhölzer gefunden", sagt Volker Wilde, der die Paläobotanik am Senckenberg Forschungsinstitut leitet. "Beeindruckt hat uns nicht nur die große Anzahl unterschiedlicher Pflanzenfamilien, sondern auch die Vielfalt der Verbreitungsstrategien." Die Samen mancher Arten besaßen Flügel, so dass sie mit dem Wind verbreitet werden konnten. Andere Pflanzen entwickelten explodierende Kapseln, die ihre Samen im weiten Umkreis verstreuten.
Neben fossilen Pflanzen haben Forscher bereits zahlreiche konservierte Tiere aus der Grube Messel geborgen, darunter Urpferdchen, Krokodile, Vögel und Fledermäuse. Alle Tiere tummelten sich in oder um einen etwa einen Kilometer breiten Vulkansee, der rund 200 Meter tief ins Erdreich ragte. Aufgrund der großen Tiefe bei einer relativ geringen Oberfläche stagnierten die untersten Wasserschichten des Sees und tauschten sich nicht mit den oberen aus, dadurch wurden sie auch nicht mit Sauerstoff angereichert - ein lebensfeindliches Umfeld.
Sanken tote Tiere oder Pflanzenreste zum Boden des Sees, warteten keine Aasfresser oder anderen hungrigen Tiere auf sie, nur spezialisierte Bakterien überlebten in der Tiefe. Auch verwesen konnten die Tiere und Pflanzen in dem Umfeld kaum, stattdessen wurden sie über die Zeit mit Faulschlamm bedeckt und konserviert. Aufgrund der gut erhaltenen Fossilien gehört die Grube Messel seit 1995 zum Unesco-Weltnaturerbe. Zuvor sollte sie in eine riesige Mülldeponie umgewandelt werden - ein Vorhaben, das zum Glück am massiven Widerstand einer Bürgerinitiative und der Gemeinde scheiterte.
irb/dpa
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Natur | RSS |
| alles zum Thema Botanik | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH