Gentechnisch veränderte Pflanzen Forscher warnen vor Europas schlechtem Beispiel

In Europa ist die grüne Gentechnik ein Reizthema und die Debatten um die Technologie oft hoch emotional. Im renommierten Fachblatt "Nature" richten sich Wissenschaftler an die Entwicklungsländer - und hoffen, dass diese besser mit der Technologie umgehen.

In Europa heftig umstrittene Technologie: Gefährliches Genfood?
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In Europa heftig umstrittene Technologie: Gefährliches Genfood?


Mal ist sie ein Schlüssel zur Lösung des Welthungerproblems - mal ist sie eine dramatische Gefahr für Gesundheit und Umwelt: Wenn es in Europa um Grüne Gentechnik geht, zeichnen die Beteiligten oft ein schwarzweißes Bild der Technologie, beklagen vier Forscher im Fachmagazin "Nature" . Dabei ist keine der extremen Positionen gut zu begründen, schreiben Christopher Whitty von der London School of Hygiene and Tropical Medicine und seine Kollegen, darunter auch der Pflanzenbauwissenschaftler Tim Wheeler von der University of Reading.

Die vier plädieren dafür, dass Entwicklungsländer sich nicht an der politisierten Debatte in Europa orientieren, "einem Kontinent, auf dem Unterernährung und Lebensmittelknappheit kaum vorkommen". Anstatt sich generell pro oder contra Gentechnik zu positionieren, so die Forscher, wäre es wünschenswert, wenn Regierungen von Fall zu Fall entscheiden. Gentechnisch veränderte Pflanzen können aus Sicht der Autoren manchmal eine gute - oder sogar die einzige - Lösung sein.

Als Beispiel nennen sie die Kuhbohne, eine in Afrika weit verbreitete Nutzpflanze. Seit Jahren hätten Forscher erfolglos versucht, Varianten zu züchten, die robuster gegenüber dem Parasiten Maruca vitrata sind. Ein Gentechnik-Projekt in Nigeria zeigte dagegen Erfolg. Die Pflanzen produzieren nach dem Einschleusen eines Gens des Bakteriums B. thuringiensis sogenanntes Bt-Toxin, das für den Schädling giftig ist. Bekannt ist das Prinzip bereits vom sogenannten Bt-Mais. Durch den Anbau gentechnisch veränderter Kuhbohnen können die Erträge deutlich steigen und der Einsatz von Insektenschutzmitteln sinken, schreiben die Wissenschaftler.

Ein weiteres Beispiel ist nach Ansicht der Forscher Maniok, da vor allem in Ostafrika zwei Pflanzenviren verbreitetet sind, die diese Pflanze angreifen. Zwar gebe es Maniok-Sorten die gegen eines der Viren immun sind - aber nicht gegen beide. In Uganda und Kenia werde gerade versucht, mit gentechnischen Methoden eine Sorte gegen bei Viren resistent zu machen. Dies sei durch gewöhnliche Kreuzung enorm schwierig, da Maniok nur selten blüht.

Die vier Wissenschaftler plädieren nicht dafür, alles mit diesen Methoden zu lösen. "Gentechnik ist nicht bei allen Verbesserungen von Nutzpflanzen zwingend erforderlich oder sogar nützlich", schreiben sie. Nur in manchen Fällen helfe sie eben doch.

Paradoxe Haltung der EU

Whitty und seine Kollegen betonen in "Nature", dass es auch Argumente gegen die Verwendung gentechnisch veränderter Sorten gibt. Zwar werde das Risiko einer Auskreuzung in wild wachsende Pflanzen oft übertrieben dargestellt, aber es sei berechtigt, sich wegen dieses möglichen Problems Sorgen zu machen.

Aus wirtschaftlicher Sicht könnte es für Bauern außerdem sinnvoller sein, konventionelle Sorten anzubauen, wenn sie sich durch gentechnisch veränderte Pflanzen

  • ans Saatgut oder die Pestizide eines Unternehmens binden,
  • bestimmte europäische Märkte nicht mehr beliefern können,
  • keine Lebensmittel, sondern nur noch Tierfutter produzieren dürfen.

Wie Forscher kürzlich im Fachmagazin "Trends in Plant Science" berichteten, sind 39 gentechnisch veränderte Sorten für den Import in die EU zugelassen. Werden bei einer Kontrolle Spuren anderer Sorten in einer Lieferung entdeckt, wird diese abgelehnt. Deshalb gilt die EU nach Angaben des Teams um Gemma Masip von der Universität Lleida in Spanien inzwischen so manchem als riskanter Handelspartner.

Gleichzeitig sei die EU gerade beim Tierfutter stark von Importen abhängig - und beziehe hier einen Großteil aus Brasilien, Argentinien und den USA, wo in großem Maßstab auf Gentechnik gesetzt wird. Während also der Anbau auf eigenem Boden verboten ist, fördert man ihn anderswo. Die Forscher bezeichnen die Haltung der EU daher als paradox.

Whitty und Kollegen hoffen deshalb, dass die Entwicklungsländer nicht dem Beispiel der EU folgen und in eine oft ideologisch motivierte Debatte abgleiten, sondern sich stattdessen auf Basis wissenschaftlicher Daten ihre eigene Meinung bilden.

wbr

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insgesamt 186 Beiträge
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Seite 1
derjansel 03.05.2013
1. Das hört man doch gerne
Zusammenfassung: "Denkt doch einfach vernünftig nach, bevor ihr irgendwas verbietet oder erlaubt." Sowas würde ich gerne öfter hören. :-)
LDaniel 03.05.2013
2. Wissenschaft
Naja. Bei so einem emotionalen Thema spielen wissenschaftliche Erkenntnisse und Daten wohl auf absehbare Zeit keine Rolle. Hier entscheiden Leute, die sich auf dem Gebiet nicht auskennen getriggert von Ängsten, die aus Unwissenheit kommen. Wie heißt es doch so schön: Gen ist das neue Atom
c-hrissi 03.05.2013
3.
endlich ein vernünftiger Beitrag,der die pros und contras zeigt und nicht einfach nur ausschließlich gegen Gentechnik wittert. Danke
Olaf 03.05.2013
4.
Zitat von sysopDPAIn Europa ist die grüne Gentechnik ein Reizthema und die Debatten um die Technologie oft hoch emotional. Im renommierten Fachblatt "Nature" richten sich Wissenschaftler an die Entwicklungsländer - und hoffen, dass diese besser mit der Technologie umgehen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/gruene-gentechnik-forscher-warnen-vor-europas-schlechtem-beispiel-a-897780.html
Früher hat Europa das Christentum in alle Welt missioniert, heute ist es die Ökoreligion.
brooklyner 03.05.2013
5.
Zitat von LDanielNaja. Bei so einem emotionalen Thema spielen wissenschaftliche Erkenntnisse und Daten wohl auf absehbare Zeit keine Rolle. Hier entscheiden Leute, die sich auf dem Gebiet nicht auskennen getriggert von Ängsten, die aus Unwissenheit kommen. Wie heißt es doch so schön: Gen ist das neue Atom
Oh nicht aus Unwissenheit, sondern viel eher aus gesunder Skepsis. Nur einfältige Leute glauben irgendwelchen Heilspropheten (Hälmüt, Hälmüt!!), daher haben die in den Entwicklungsländern auch einfacheres Spiel. Eine gut gebildete Bevölkerung hinterfragt einfach, und lässt sich Scheiss wie Genmais und Fracking eben nicht mehr so leicht unterjubeln. Auch wenn das so ein paar gelbe BWLer gerne so hätten.
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