Streit über Gentechnik Wie die Grünen Monsanto ärgern könnten

Die Grünen diskutieren, ob sie offener gegenüber Gentechnik in der Landwirtschaft werden sollten. Die Skepsis in der Partei ist groß, dabei könnte sie das Thema für ihre Zwecke nutzen.

Die Grünen bei einer Demo in Berlin (Archiv)
imago/Gerhard Leber

Die Grünen bei einer Demo in Berlin (Archiv)

Eine Analyse von


Gentechnik ist das Teufelswerkzeug der Agrarindustrie, gefährlich für Gesundheit und Umwelt. So könnte man die Sicht der Grünen auf Gentechnik zusammenfassen. Die Partei ist seit jeher dagegen. Noch im Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2017 schrieb sie, dass ein Nachweis für die Unbedenklichkeit gentechnisch veränderter Pflanzen fehle. Nun, ein gutes halbes Jahr später, ist sich die Partei mit ihrer grundsätzlichen Ablehnung plötzlich nicht mehr so sicher.

"Biotechnologie, Nanotechnologie oder Gentechnik können Krankheiten ausrotten oder heilen, sie können Leben verlängern - theoretisch sogar den Tod überflüssig machen", schreibt der Bundesvorstand um die Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck in einem Impulspapier, das bis 2020 zu einem neuen Grundsatzprogramm der Grünen führen soll. Man solle doch noch einmal hinterfragen, "ob bestimmte neue Technologien nicht helfen könnten, die Versorgung mit Nahrungsmitteln auch dort zu garantieren, wo der Klimawandel für immer weniger Regen oder für versalzenen Boden sorgt".

In den ersten zehn Tagen nach Erscheinen des Papiers zeigte sich allerdings: Die Gentechnikwende der Grünen wird mühsam. In der Partei regt sich massiver Widerstand. Unter anderem der für seine gentechnikfeindlichen Positionen bekannte Bundestagsabgeordnete Harald Ebner argumentiert lautstark gegen den vorsichtigen Vorstoß. Dabei könnte ein reflektierter Umgang mit dem Thema der Partei zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen.

Für Fakten, aber nur, wenn sie in die Ideologie passen

Erst am Samstag bekundeten die Grünen ihre Solidarität mit Demonstranten beim March of Science, die gegen "Fake News" und für Wissenschaftlichkeit auf die Straße gegangen waren. "Zum #MarchforScience setzen Wissenschaftlerinnen weltweit ein Zeichen, damit Fakten weiterhin Fakten bleiben", twitterten die Grünen im Bundestag.

In zentralen Punkten ihres Programms beruft sich die Partei auf wissenschaftliche Erkenntnisse, etwa beim Klimawandel. Auch im Hinblick auf die umstrittenen Neonikotinoide, einer Gruppe Insektizide, stimmen die Grünen der wissenschaftlichen Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zu, wonach diese erhebliche Risiken für Honigbienenvölker darstellen.

Die Faktentreue der Grünen reicht jedoch immer nur so weit, wie sie zum eigenen Idealismus passt. Als die EFSA zu dem Schluss kam, dass vom Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat keine Krebsgefahr für den Menschen ausgeht, stellte die Partei deren Glaubwürdigkeit plötzlich in Frage. Gentechnik verteufelt sie, obwohl zahlreiche renommierte Wissenschaftsorganisationen weltweit keine Gesundheits- oder Umweltgefahren sehen. Drei Beispiele:

  • "Die Wissenschaft ist eindeutig: Durch moderne Gentechnik veränderte Nutzpflanzen sind sicher", schreibt die weltweit größte Wissenschaftsorganisation, die American Association for the Advantacement of Science in einer Stellungnahme von 2012.
  • "Biotechnologisch veränderte Nahrungsmittel werden (in den USA) seit fast 20 Jahren konsumiert und in dieser Zeit wurden keine Konsequenzen für die menschliche Gesundheit in der im Peer-Review geprüften Fachliteratur dokumentiert", kommentiert die größte Vertretung von Ärzten und Medizinstudenten in den USA, die American Medical Association, 2012 in einem Bericht.
  • Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berichtet: "In Ländern, in denen diese (genetisch veränderten) Pflanzen zugelassen sind, wurden keine Effekte auf die menschliche Gesundheit dokumentiert."

Die nun angestoßene Gentechnik-Debatte wäre eine Chance, diese Erkenntnisse künftig zu berücksichtigen. Doch grüne Hardliner interessieren sich nicht dafür. Sie werden nicht müde darauf hinzuweisen, dass Chemiekonzerne wie Monsanto Gentechnik nutzen, um herbizidresistente Nutzpflanzen herzustellen. Diese Argumentation nutzt auch Harald Ebner in seiner aktuellen Mitteilung.

Gentechnik ist mehr als das, was Monsanto daraus macht

Er verweist explizit auf gentechnisch veränderte Maispflanzen von Monsanto, die den Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat überleben. Normalerweise tötet Glyphosat alle Pflanzen und kommt in Deutschland deshalb vor allem vor der Aussaat auf den Acker. In Nord- und Südamerika, wo der Monsanto-Mais in vielen Staaten breit eingesetzt wird, können Landwirte in einer Wachstumsperiode dagegen mehrfach spritzen. Die Technik sorgt somit dafür, dass größere Mengen des Pestizids eingesetzt werden.

Letztlich basiert das Geschäftsmodell von Monsanto darauf, den Landwirten glyphosatresistentes Saatgut mit dem dazu passenden Unkrautvernichter zu verkaufen. Das kann man mit gutem Recht kritisieren. Die Grünen und viele andere Protestler vergessen dabei allerdings, dass Gentechnik mehr ist als das, was Monsanto daraus macht.

Hinzu kommt, dass die Position der Partei schwer zu halten sein dürfte. Durch die Entwicklung der Genschere CRISPR/Cas9 und ähnlicher Techniken, verschwimmen die Unterschiede zwischen gentechnisch veränderten Pflanzen und Pflanzenzucht. CRISPR/Cas9 kann Mutationen in Gene einfügen, die genauso auch beim Züchten entstehen. Dabei hinterlässt die Genschere keine Spuren. Im Nachhinein ist somit nicht mehr zu erkennen, welche Veränderung durch Gentechnik und welche durch Züchtung entstanden ist. Die Gewächse sind vollkommen identisch.

Gentechnik gegen Monsanto

In den USA gelten solche Pflanzen vor dem Gesetz bereits nicht mehr als gentechnisch verändert. In Europa sahen einige Landesbehörden das genauso, darunter auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in Deutschland. Umweltschützer haben dagegen geklagt. Nun muss der Europäische Gerichtshof entscheiden, ob entsprechende Gentechnik-Arten in der EU künftig ohne gesonderte Zulassung und Kennzeichnung ausgesät und verkauft werden dürfen.

Bleiben die Grünen bei ihrer Protesthaltung gegen jede Form der Gentechnik, zeigen sie einmal mehr, dass es mit der Wissenschaftlichkeit nicht weit her ist. Dabei müsste sich gerade die Partei für Umweltschutz darum kümmern, Gentechnikansätze zum Nutzen von Mensch und Umwelt zu fördern, statt sie aus Prinzip zu verteufeln. Auch die deutsche Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina plädiert für Einzelfallentscheidungen. Gute Ansätze gibt es.

Dazu zählt etwa der Goldene Reis, der Betakarotin enthält und somit Menschen in Entwicklungsländern doppelt schützen könnte - vor einer Unterernährung und Erblindung. Er wurde in den Neunzigern entwickelt und sein Patent für globale humanitäre Anwendungen freigegeben (die Entwicklungsgeschichte hat "Die Zeit" 2017 umfassend dargestellt). 2016 forderten 100 Nobelpreisträger Gentechnik-Kritiker auf, ihren Widerstand gegen das Produkt aufzugeben.

Zudem haben Forscher in Laboren Pflanzen entwickelt, die Insekten von sich aus fernhalten und so weniger oder gar nicht mehr gespritzt werden müssen. Denkbar sind auch Arten, die mit weniger Nitrat auskommen und somit weniger Dünger brauchen. Es könnte sich lohnen, diese Forschungsansätze zu unterstützen, indem man ihnen eine Chance einräumt, auch angewendet zu werden. Pflanzen, die weniger Pestizide brauchen: Das würde auch Monsanto ärgern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes hieß es, Monsanto verkaufe sterile Samen. Das ist nicht korrekt. Wir haben die Passage korrigiert.



insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Goldwin 17.04.2018
1.
"Die Faktentreue der Grünen reicht jedoch immer nur so weit, wie sie zum eigenen Idealismus passt." Mit diesem Satz ist alles gesagt! Und die Grünen werden ihren fast schon zur Religion gehypten Idealismus nicht aufgrund solch blöder Fakten aufgeben. Passt nicht zur Partei
spon-46s-f3h0-2 17.04.2018
2. Efsa & Monsanto
Dass die Grünen die Glaubwürdigkeit der Efsa in Frage gestellt haben, kommt nicht ganz von ungefähr. Deren Bericht wurde quasi von Monsanto geschrieben. https://www.euractiv.de/section/energie-und-umwelt/news/glyphosat-efsa-bericht-zum-teil-kopie-von-monsanto-papier/
chris11114 17.04.2018
3. Jain!
Der Autor des Artikels sollte sich etwas mehr mit dem Thema Gentechnik beschäftigen. Insbesondere der Verweis auf das amerikanische System ist irreführend, denn nur weil ein Großteil der veränderten Produkte unbedenklich ist gilt das eben nicht für alle. So produzieren Pflanzen (bspw. Kartoffeln) jetzt selbst Stoffe gegen Schädlinge, die landen dann aber eben auch mit auf dem Teller (wo es dann eben wieder heißt in Konzentration xy unbedenklich). Das Problem ist dabei, dass auch wenn das Feld nebenan normale Kartoffeln bestellt, diese dennoch ebenfalls dadurch letztlich genverändert sein können. Es kann also zu Effekten kommen die so vorher nicht absehbar sind (bspw. Mais zur Klebstoffproduktion ist genverändert aber befällt eben auch das Feld mit Futtermais). Gentechnik sollte also insofern nur mit Augenmaß verwendet werden und insbesondere langfristig erprobt sein. Das es bspw. nur Vorteilhaft ist wenn Pflanzen weniger Nitrat brauchen stimmt und eine solche Entwicklung ist auch zu begrüßen. Im Bereich der Pflanzen die neue Stoffe produzieren die man aber eigentlich in dieser Art nicht findet wird es eben gefährlich (ja man hat noch Samenbanken aber dennoch besteht das Risiko der Vermischung). Eine kategorische Ablehnung der Gentechnik ist sicherlich falsch. Ein lascher Umgang damit wie in den USA aber eben auch. Zumal wohl niemand von einer Lebenserwartung wie in den USA hier in Europa träumen dürfte. Daran ist aber neben der Gentechnik und auch Faktoren im Gesundheitswesen bspw. auch hormonbehandelte Nahrungsmittel (bspw. bei Kühen) schuld. Letztlich gilt wie immer: man sollte die Büchse der Pandora nicht einfach öffnen wenn man die Folgen nicht absehen kann. Es muss sichergestellt sein, dass Gentechnik eben keine schädliche Auswirkung auf Mensch und Umwelt hat. Sofern dies gewährleistet ist spricht auch nichts dagegen diese zu verwenden!
bullermännchen 17.04.2018
4.
Glyphosat wird hierzulande nicht nur vor der Aussaat eingesetzt. Wer hat euch den Bären aufgebunden? Z.B. wird Glyphosat wenige Wochen vor der Ernte auf das Kartoffelkraut aufgesprüht um es absterben zu lassen. Damit wird der Ernteprozess vereinfacht. Vielfach so z.B. in Franken praktiziert. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Euer Bericht hier liest sich wie ein Gebet für die Gentechnologie. Man kann dem pro oder contra gegenüberstehen, aber die Art und Weise wie die Konzeren, nicht nur Monsanto, die Abhängigkeiten schüren, ist schon dramatisch. Die negative Wirkung z.B. auf die Fruchtbarkeit von Mensch und Tier der Gentechnik Kombis wie Monsanto Pflanzen + Roundup sind in mehrfachen, fundierten Studien belegt. Ebenso der Einsatz von Roundup in den armen Regionen der Erde, wo den Bauern gesagt wird das sie mehr spritzen sollen weil es dann sicherer ist zu ernten. Schwerwiegende und flächige Erkrankungen der Bauern sind nachgewiesen. Aber das will niemand hören oder anerkennen. Die Lobbyarbeit geht tief rein in die Politik und nicht zuletzt auch in die Medien. Die gentechnischen, wahrscheinlich unbedenklichen Veränderungen mancher Institute sind so lange ok, solange keine Abhängigkeiten entstehen oder die Flora- und Fauna dabei nicht belastet werden. Letztendlich ist eine Veränderung über einen Gentransfer lediglich die Evolution um ein paar tausend bis Millionen Jahre versucht zu beschleunigen. Die Evolution passiert aber aus gutem Grund so langsam damit sich alles drumherum daran angleichen kann. Bienen und andere Insekten sind nur ein Beispiel. Aber wir kriegen den Planeten schon klein. So oder so.
bafibo 17.04.2018
5. Es ist nicht so einfach
Daß Glyphosat nicht krebserregend sein soll, kann sogar stimmen. In der Praxis wird es allerdings nicht als Reinstoff verkauft und verwendet, sondern im Verbund mit anderen (Hilfs-)Stoffen, die nicht getestet wurden; schon gar nicht wurde die Ungefährlichkeit des Gemenges festgestellt - weder auf Menschen noch auf Tiere, insbesondere Bienen. Des weiteren wachsen die herbizidresistenten Nutzpflanzen ja nicht im Labor, sondern auf dem Acker, und haben via Pollen Kontakt zur "wilden" Verwandtschaft. Mag ja sein, daß der Pollen nicht zur Nachzucht der Nutzpflanze selbst taugt (die soll ja steril sein), aber trifft das auch auf die "wilde" Verwandtschaft zu? Es braucht nur einen einzigen Ausreißer, und schon entwickelt sich ein glyphosatresistentes Superunkraut - vielen Dank auch. Mit eingeschleppten Arten wie dem Riesenbärenklau haben wir schon genug Ärger.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.