Vulkan in Guatemala Warum am Fuego so viele Menschen starben

In Guatemala kamen beim Ausbruch des Fuego hundert Menschen ums Leben, viele werden noch vermisst. Trotz einer permanenten Überwachung des Bergs hat der Ausbruch die Anwohner überrascht. Wieso?

Guatemalan National Civil Police via AP

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Wer verstehen will, wie die Menschen in Guatemala mit Naturkatastrophen umgehen, muss sich nur die Geschichte von Antigua anschauen. Das malerische Kolonialstädtchen beherbergt einige alte Ruinen, durch die sich große Risse ziehen - etwa die Kirche Iglesia del Carmen.

Antigua wurde von den Spaniern im 16. Jahrhundert zur Kolonialhauptstadt erkoren. Doch der von den Vulkanen Agua, Acatenango und Fuego umgebene Ort war nicht weise gewählt, zumindest aus geologischer Sicht. Denn immer wieder wurde er von Katastrophen heimgesucht - regelmäßig kamen dabei Menschen ums Leben. 1541 schickte der nahe Agua eine verheerende Schlammlawine. 1773 zerstörte ein besonders schweres Erdbeben den Ort. Da entschloss man sich, die Hauptstadt endgültig zu verlegen, und zog ins nahe Guatemala City.

Doch immer wieder bauten die Menschen die Stadt wieder auf, selbst nach dem schweren Beben von 1773. Sie lernten, mit der Gefahr zu leben.

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Guatemala: Leben unterm Feuerberg

Nun hat erneut eine Katastrophe die Region erschüttert. Am Sonntag brach der Vulkan Fuego aus. Fast hundert Menschen starben, Hunderte werden noch vermisst. Ohne Zweifel wird die Zahl der Opfer in den kommenden Tagen weiter ansteigen. Die Einsatzkräfte haben einige verschüttete Ortschaften noch nicht erreicht, sie entdeckten aber bereits ganze Familien, die ums Leben kamen.

Am Dienstag brach der über 3700 Meter hohe Feuervulkan, so die Übersetzung, zudem erneut aus. Die Helfer mussten ihre Bergungsarbeiten unterbrechen und sich selbst in Sicherheit bringen. Die Gefahr scheint noch nicht vorüber. Durch die häufigen Regenfälle derzeit steigt zudem die Gefahr von Erdrutschen.

Insgesamt sind rund um den Berg mehr als 1,7 Millionen Menschen von dem Ausbruch betroffen. Wie kommt es zu solchen Katastrophen, obwohl man damit rechnen müsste? Denn der Fuego gilt als daueraktiv. Häufig stehen Rauchwolken über dem Krater, sie sind an klaren Tagen selbst aus Guatemala-Stadt gut zu erkennen. Erst im Februar war es zu kleineren Lavaströmen gekommen, sie fließen beim Fuego aber meist nicht weit ins Tal hinein. Denn seine Lava ist sehr zähflüssig, daher bewegt sie sich eher langsam und stellt keine große Gefahr da. Die Vulkanasche stieg damals auf über sieben Kilometer Höhe an. Im Mai folgte eine Schlammlawine.

Der Fuego liegt auf dem Pazifischen Feuerring. Diese etwa 40.000 Kilometer lange Zone rund um den Pazifischen Ozean ist die geologisch aktivste Zone der Erde. In Zentralamerika treffen verschiedene Platten aufeinander. Die Cocosplatte taucht unter die Karibische Platte und die Nordamerikanische Platte ab und wird dort nach und nach aufgeschmolzen.

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Erdbeben in Mexiko: Schwankender Boden, drohende Wellen

Deshalb kommt es dort auch immer wieder zu heftigen Erdbeben. Das Problem ist nur: Die Menschen sind daran gewöhnt, dass ab und zu mal die Erde bebt oder ein Vulkan grummelt. Denn fast immer sind die Aktivitäten harmlos. In diesem Fall war das ein tragischer Irrtum.

Dass die Gefahr von vielen Menschen unterschätzt wurde, hatte auch mit der Wetterlage zu tun. "Der Vulkan war in Wolken verborgen, dadurch konnte man das Ausmaß des Ausbruchs und die Höhe der Aschesäule nicht direkt beobachten", sagt der Geowissenschaftler Ulrich Küppers von der Ludwig Maximilians Universität in München.

So sahen viele die pyroklastischen Ströme zu spät oder unterschätzten die Geschwindigkeit des tödlichen Gaspartikelgemischs, das neben Vulkanasche auch größere Gesteinsbrocken mit sich führt. Nach der Eruption wälzten sich solche tödlichen Wolken mit einer Geschwindigkeit von manchmal mehreren Hundert Kilometern pro Stunde den Berg hinab. Im Inneren herrschen Temperaturen von einigen Hundert Grad Celsius. Wer in so einen pyroklastischen Strom gerät, hat keine Chance. Die Todesursachen sind vielfältig: "Man erstickt, die Hitze verätzt die Lunge oder man wird erschlagen", sagt Küppers.

Zudem erreichten Asche und Geröll diesmal auch Regionen unterhalb des Fuego-Gipfels, die bisher üblicherweise verschont blieben. Die pyroklastischen Ströme führten ungewöhnlich viel Material mit sich und rutschen damit deutlich weiter als bei den letzten Ausbrüchen. Die Lawine verhält sich ähnlich wie Wasser, sie folgt der Topografie und fließt in die Täler. Doch diesmal war ihr Volumen so groß, dass die Niederungen die Menge nicht mehr aufnehmen konnten, die angrenzende Ortschaften erreichte und begrub.

Das Dorf San Miguel Los Lotes etwa ist nahezu komplett zerstört. Auch in anderen Ortschaften fanden die Helfer Leichen, die Lage erinnerte das antike Pompeji, wo der Vesuv im Jahr 79 nach Christus sämtliches Leben auslöschte. Manche Opfer wurden förmlich aus dem Alltag gerissen, sie hielten sogar noch Gegenstände in den Händen, als sie starben.

Vorhersagen lässt sich so ein Vulkanausbruch nur sehr eingeschränkt. Ein Frühwarnsystem, wie es etwa bei Tsunamis eingesetzt wird, gibt es nicht. Forscher arbeiten stattdessen mit einem Überwachungsnetzwerk - ein solches ist auch am Fuego installiert. Es gibt sicher Vulkane, die genauer beobachtet werden, Guatemala ist ein armes Land. Dennoch gelte der Berg als verhältnismäßig gut überwachter Vulkan, so Küppers.

Die Wissenschaftler erhalten ihre Daten etwa aus Bodensensoren am Berg, die Erdbeben messen. Zudem wird an Gasaustrittsstellen auch die chemische Zusammensetzung erfasst. Ergeben sich Hinweise auf eine erhöhte Ausbruchsgefahr, kann die Alarmstufe für die Region angehoben werden, bis sie auf rot steht, der fünften und höchsten Stufe.

Doch eine genaue Prognose lässt sich so nicht erstellen. "Wir können nicht mit Sicherheit sagen, was ein Vulkan in den nächsten Minuten, Stunden oder Tagen machen wird. Wir lernen bei jedem Ausbruch dazu", sagt Küppers.

Zuletzt kursierte eine weitere Nachricht in Guatemala: Der Pacaya sei vor wenigen Stunden ebenfalls ausgebrochen, teilten die Behörden mit. Der Vulkan liegt nur einige Kilometer weiter südöstlich, derzeit habe sich ein etwa 50 Meter breiter Lavastrom gebildet, hieß es. Doch auch das dürfte die Bevölkerung kaum beunruhigen. Kleinere Lavaflüsse treten am Pacaya ständig auf.

Im Video: Katastrophen, die Geschichte machen - Der unbekannte Vulkanausbruch

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