Der Hambacher Forst ist zum Symbol geworden: für vermeintlich sinnlose Umweltzerstörung für den Braunkohleabbau. Aber so einfach lässt sich die Geschichte nicht erzählen. Ein Ortsbesuch.

Kapitel 1

Die Legende vom Urwald

Wie Wörter zu Waffen im Kampf um Bäume werden


Es war einmal ein Wald, der stand im Rheinland. Der stand da schon, bevor es Deutschland gab, bevor Napoleon Europa eroberte, bevor Karl der Große zum Kaiser gekrönt wurde. Das Land wandelte sich mit den Jahrhunderten, Bäume wichen Äckern, Häuser wurden gebaut und wieder abgerissen. Doch der Wald, der blieb. Bis heute: krumm gewachsene Eichen, hohe Buchen und Unmengen buntes Laub, in dem die Schuhe bei jedem Schritt versinken.

Die Leute nannten ihn den Hambacher Forst.

Wer den Wald betritt, sieht hohe Bäume, dadurch wirkt er riesig. Noch größer schien der Wald durch die vielen Geschichten, die man sich über ihn erzählt, vor allem in den vergangenen Monaten: Der Aufschrei ob seiner möglichen weiteren Rodung war so immens, man hätte denken können, es handele sich um eine ökologische Rarität von der Bedeutung und den Ausmaßen des brasilianischen Regenwalds.

Doch nach nur wenigen Hundert Metern enden die Waldwege abrupt. Dahinter klafft ein riesiges Loch, das sich über den ganzen Horizont erstreckt: der Tagebau Hambach, wo sich Bagger seit den Siebzigerjahren tief in die Erde graben.

Tag für Tag frisst sich eine der riesigen Maschinen dichter an die Bäume heran, den Großteil der ursprünglichen Waldfläche hat das Loch schon verschluckt. Der Hambacher Forst umfasst heute nur noch eine Fläche von 200 Hektar, das ist nicht einmal halb so groß wie der Hamburger Flughafen. Vor 40 Jahren war der Wald mehr als 20-mal so groß.

Nun soll der Rest nochmal halbiert werden - für die Braunkohle. Doch Tausende Demonstranten stellen sich seit Jahren den Baggern entgegen. Sie protestieren, besetzen Bäume, blockieren Gleisstrecken oder stürmen Bagger auf dem Tagebau.

Sie fordern: Der Hambi - wie sie den Wald nennen - soll, nein, er muss bleiben. Nur wenige der Protestierer sind vermummte Ökofundamentalisten. Viele kommen mit der ganzen Familie her, es sind Kinder, Arbeiter, Lehrerinnen, Rentner darunter. Michael Zobel ist der Vermittler in dieser Bewegung.

"Bis vor knapp fünf Jahren kannte ich den Hambacher Forst nur vom Vorbeifahren und vom Hörensagen", sagt Zobel, der mit Frau und Kindern gut 40 Kilometer westlich in Aachen lebt. Eines Tages erzählte ihm ein Freund von dem Wald und der Kohle. "Ich kam her und konnte nicht fassen, dass dieser absolut schützenwerte Wald gerodet werden soll. Er hat mich gleich fasziniert, das will ich mit anderen teilen", erzählt der 59-Jährige weiter, der als Naturpädagoge arbeitet. Seit mehr als vier Jahren führt er jeden, der will, durch den Hambacher Forst.

Am Anfang kamen nur eine Handvoll Menschen zu den Waldspaziergängen, inzwischen sind es Hunderte, manchmal Tausende - und Zobel braucht ein Mikrofon. Die Krempe seines Lederhuts schlappt ihm ins Gesicht. Er trägt eine robuste Hose und Jacke; Zobel verbringt viel Zeit draußen. Groß gewachsen und mit tiefer Stimme ist er noch aus der Ferne gut zu sehen und zu hören, ohne ins Mikro zu schreien.

Zobel ist keiner, der aneckt. Er ist der Typ Nachbar, bei dem es zu Hause nie Streit gibt und zu jeder Mahlzeit einen Salat. Ihm gelingt Erstaunliches: An diesem Sonntag sind Familien gekommen, vermummte Aktivisten, Polizisten, Arbeiter aus dem Tagebau. Sonst stehen sie sich als Feinde gegenüber, wenn es um den Hambacher Forst geht. Heute bleibt alles friedlich.

Nur ein Waldbesetzer schleudert einem Polizisten entgegen: "Verpiss dich hier!" Zobel dreht sich kurz um und lächelt dann den Zwischenruf weg. Die anderen machen es ihm nach, schnell kehrt wieder Ruhe ein. Betreten schauen die Spaziergänger auf die Spuren, die der Kampf um den Wald bislang hinterlassen hat.

Überall liegt totes Holz herum, aufgetürmt zu Barrikaden, der Waldboden ist aufgewühlt, wo einst Protestcamps in den Bäumen hingen, die von Polizisten geräumt wurden. Kleine Wanderwege sind breiten Schotter-Schneisen gewichen. Der Wald hat Narben davongetragen, aber er steht.

Wie eine Glocke stülpt er sich über die Natur und die Menschen. Wer unter ihr steht, hört keine Autobahnen, sondern das Rauschen der Blätter, das Zwitschern der Vögel. Vielleicht ist das der größte Verdienst der Proteste: Sie werden am Ende die Rodung womöglich nicht verhindern können. Aber sie haben die Liebe zum Wald geweckt, das Bewusstsein dafür in die Gesellschaft getragen.

Der Aufschrei um den Hambacher Forst hallt wider in Kiel wie in München, in Köln wie in Schwerin; das erinnert an die Proteste gegen Stuttgart 21 oder die Startbahn West. Eine emotionale Debatte ist entflammt, geprägt von Missverständnissen und Lügen. Das beginnt schon beim Namen.

Umweltaktivisten sprechen lieber vom Hambacher Wald - klingt grüner, natürlicher, mehr nach Spaziergängen mit der Familie. Der Begriff Forst klingt nach wirtschaftlichem Nutzen, nach Kettensägen und Bäumen, die in genau festgelegten Reihen wachsen. "RWE spricht gezielt von Forst oder Wäldchen, um die Bedeutung des Waldes kleinzureden", sagt Zobel.

Doch welcher Name ist richtig? "Wir unterscheiden nicht streng zwischen Forst und Wald", sagt Förster Uwe Schölmerich vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW. Der Hambacher Forst heiße zwar Forst, sei aber trotzdem ein Wald.

Immer wieder kursiert auch die Behauptung, der Hambacher Forst sei der letzte große Mischwald Europas. Das ist Unsinn. "Tatsächlich war der Hambi bis 1978 einer der größten Laubmischwälder des Rheinlands", sagt Schölmerich. Doch das war vor Beginn des Tagebaus. Heute gibt es viele größere Wälder als ihn.

Der Hambacher Forst ist auch nicht der letzte intakte Urwald in Deutschland, wie in sozialen Netzwerken immer wieder behauptet wird. Selbst bekannte Politiker wie Sahra Wagenknecht von der Linkspartei haben entsprechende Posts geteilt.

In Wahrheit versteckt sich im Hambacher Forst keineswegs unberührte Wildnis, der Mensch prägt ihn seit Jahrhunderten. Deshalb stehen dort auch so viele Eichen. Die Menschen päppelten sie, weil sich die Eicheln perfekt als Futter für die Schweinemast eigneten. "Hätte man den Hambacher Forst sich selbst überlassen, stünden in dem Wald deutlich mehr Buchen", sagt Förster Schölmerich.

Wer solche falschen Informationen in Umlauf bringt, ist unklar. Grüne Aktivisten, die Stimmung machen wollen? Oder spielen Braunkohlebefürworter die falschen Tatsachen gezielt Aktivisten zu, in der Hoffnung, dass sie diese weiterverbreiten und sich dadurch unglaubwürdig machen? Beide Theorien kursieren, Belege gibt es keine.

Doch macht es den Hambacher Forst weniger schützenswert, wenn er kein Wald der Superlative ist? "Der Hambacher Wald ist mehr als nur Bäume", sagt Zobel. "Es geht um unser aller Zukunft; die Frage, wie wir leben können, ohne die Erde auszurauben, was wir schützen wollen, welche Welt wir unseren Enkeln hinterlassen - und zu welchem Preis."

Der Forst ist zum Symbol geworden; gegen vermeintlich sinnlose Umweltzerstörung zugunsten einer Stromerzeugung, die die Luft verpestet und dem Klima schadet. Die Lehrer, Arbeiter, Aktivisten, die ihn zu schützen versuchen, wollen nicht nur einen kleinen Wald im Rheinland retten, sondern am liebsten die ganze Welt gleich mit.

Kapitel 2

Die Geschichte von der bösen Kohle

Wieso eine schmutzige Technologie eine saubere Lösung sein kann


Schaufelradbagger im Hambacher Tagebau

Der Tagebau Hambach erinnert an eine Mondlandschaft mit einem riesigen schwarzen Loch in der Mitte. Dort, in gut 400 Metern Tiefe, liegt die Braunkohle. Nahezu alles, was hier einst lebte, wurde weggebaggert.

Paul Schmidt hat sein halbes Leben im Tagebau verbracht, er kommt aus der Region. Mit 20 machte er bei RWE eine Ausbildung zum Elektroniker, weil die Ausbildung gut und der Job sicher war, zudem noch direkt vor der Haustür. Später studierte er Elektrotechnik, heute ist er 40 Jahre alt. Schmidt heißt eigentlich anders, er will seinen Namen nicht öffentlich machen. Der Vater von zwei Kindern fürchtet um die Sicherheit seiner Familie. "Bei meinen Kollegen wurden schon die Radmuttern an ihren Autos gelöst, vermutlich von Braunkohlegegnern", sagt er mit rheinischem Akzent.

Schmidt ist ein verständnisvoller Mann, der bei den Protesten im Wald nicht auffallen würde. Mit seinem schmalen Gesicht und der sportlichen Figur wirkt er wie jemand, der sich gern in der Natur aufhält und nicht wie der derbe Kumpel, der nach Feierabend bei Mettbrötchen direkt aufs heimische Sofa fällt. Die Diskussion um den Hambacher Forst ist Schmidt viel zu emotional.

Besonders ärgern ihn die gefährlichen Aktionen der Demonstranten. Immer wieder stürmen sie den Tagebau, zuletzt Ende Oktober bei der Protestaktion "Ende Gelände". "Da standen Dutzende Menschen direkt an der Abbruchkante", sagt Schmidt. "Mütter mit Babys! Die hätten lebendig begraben werden können." Eine Frau sei auf einen der Bagger geklettert. "Was, wenn sie da runtergefallen wäre?" Immer wieder schleuderten die Demonstranten den RWE-Mitarbeitern Beleidigungen entgegen, nennen sie "Mörder" und "Nazi". Schmidt setzt das zu. "Ich bin stolz darauf, was wir hier leisten", sagt er. "Die Braunkohle macht uns bis heute unabhängiger von Öl- oder Gasimporten."

Der Wunsch nach einer sicheren, heimischen Energieversorgung löste den Run auf die Kohleförderung vor 40 Jahren aus. Es war die Zeit nach den beiden Ölpreiskrisen. Viele Menschen verloren ihren Job, Betriebe machten dicht, die Sozialausgaben schossen mit dem Ölpreis in die Höhe. Die Regierung verhängte autofreie Sonntage und ein Tempolimit von maximal 100 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen. Damals war die Braunkohle nicht verpönt, im Gegenteil, sie konnte gar nicht schnell genug gefördert werden.

Inzwischen hat der Tagebau gewaltige Ausmaße angenommen, das Betriebsgelände erstreckt sich über eine Fläche von rund 4380 Hektar, zum Vergleich: der Ammersee oder die Insel Poel sind ähnlich groß. Die Schaufelradbagger sind bis zu 240 Meter lang und 100 Meter hoch, damit gelten sie als die größten Arbeitsmaschinen der Welt. Zusammen fördern sie gut 40 Millionen Tonnen Braunkohle pro Jahr und decken so rund 15 Prozent des Energiebedarfs in NRW.

Paul Schmidt (Name geändert)

Aber das hat seinen Preis, für die Natur und für die Menschen. 2016 stießen Braunkohlekraftwerke die Hälfte aller CO2-Emissionen im Energiesektor aus, insgesamt 153 Millionen Tonnen, obwohl sie nur knapp ein Viertel des Strombedarfs decken.

Forscher fordern deshalb, alte Kraftwerke vom Netz zu nehmen, denn so könne Deutschland seine selbst gesteckten Klimaschutzziele noch erreichen. Weil Deutschland derzeit zu viel Braunkohlestrom produziert, wird dieser günstig in die Nachbarländer exportiert und verdrängt dort klimafreundlichere Kraftwerke, kritisiert das Umweltbundesamt.

Und: Braunkohlekraftwerke schaden nicht nur der Umwelt, sondern potenziell auch der Gesundheit, weil sie enorme Mengen an Schwefeldioxid, Feinstaub und Schwermetallen ausstoßen.

Schmidt weiß das alles und glaubt trotzdem an die Braunkohle. "Wenn wir die Energiewende schaffen wollen, brauchen wir den Hambacher Tagebau", sagt er. Das klingt widersprüchlich, doch es gibt gute Argumente dafür.

In Deutschland wird zwar mehr Strom produziert, als wir brauchen, aber nicht konstant. Bisher fehlen geeignete Anlagen, die überschüssige Energie speichern. Wenn die Sonne nicht scheint und kein Wind weht, müssen deshalb auch Braunkohlekraftwerke ran wie die Anlagen Neurath und Niederaußem. Sie sind unter anderem auf den Hambacher Tagebau angewiesen. Über ein kilometerlanges Schienennetz transportieren Züge die Kohle direkt aus der Grube zu den Anlagen.

Würde der Tagebau stillgelegt, müsste die Kohle von weiter weg in die Kraftwerke geschafft oder mehr Braunkohle im nahe liegenden Tagebau Garzweiler gefördert werden. Man könnte die Kraftwerke auch gemeinsam mit dem Tagebau entweder ganz oder zumindest teilweise stilllegen. Allerdings sind die modernen Blöcke von Neurath und Niederaußem, die auch vom Hambacher Tagebau versorgt werden, deutlich effizienter als vergleichbare Braunkohlekraftwerke aus den Siebzigerjahren, die sehr viel CO2 ausstoßen. Aus ökologischer Sicht wäre es also sinnvoller, erst mal die Uraltkraftwerke abzuschalten.

"Leider interessieren sich die wenigsten für solche komplexen Zusammenhänge", sagt Schmidt. Die sehen nur die böse Kohle und den guten Wald.

Kapitel 3

Das Lied vom guten Widerstand

Wieso es nicht nur um diese Bäume geht


Demonstranten im Hambacher Forst

Für Norah bedeutet der Hambacher Forst seit sechs Jahren Zuhause. Die 25-Jährige lebt in einem der selbst gebauten Baumhäuser im Camp "Oaktown", was auf Deutsch so viel heißt wie "Eichenstadt". Auch Norah will anonym bleiben, aus Angst vor Polizei und Staatsanwaltschaft. Denn das, was sie tut, ist illegal.

Die junge Frau ist ganz in Schwarz gekleidet, ihr Gesicht vermummt. Nur die Augen bleiben frei, die Wimpern sind auffällig geschwungen. Eigentlich will sie keine Interviews geben, sondern lieber in einem Netz herumklettern, das die Aktivisten gerade erst in gut sechs Metern Höhe in einen der Bäume gespannt haben. Es verbindet zwei Baumhäuser, mehrere Waldbesetzer tollen darin herum, einer von ihnen ist als Eichhörnchen verkleidet. Norah erklärt sich nur zum Gespräch bereit, weil die Menschen "da draußen" Bescheid wissen müssen, über den Hambi und "das Loch".

Mit "Loch" meint sie den Tagebau, deren Abhänge sich über viele Kilometer erstrecken. Der Anblick hat ihr gereicht, um zu bleiben. Einen Job oder eine Ausbildung hat sie nicht. Viele der Besetzer leben von Essen und Spenden, die Besucher vorbeibringen. "Die Besetzung ist ein Vollzeitjob", sagt Norah. "Es gibt immer viel zu tun."

Wie viele Menschen gerade im Hambacher Forst leben, weiß niemand so genau. Sie kommen und gehen, auch Norah lebt immer mal wieder "draußen". Als der Hambacher Wald im September geräumt wurde, war sie beispielsweise nicht dabei. "Auch für die Leute draußen waren die Tage der Räumung belastend genug", sagt sie. Hunderte Polizisten hatten die Baumhäuser wochenlang abgebaut und die Aktivisten mit Gewalt aus dem Wald getragen. Ein Journalist stürzte bei einem Unfall in den Tod.

Bechsteinfledermaus
DPA

Bechsteinfledermäuse ernähren sich von Insekten und können um die zwanzig Jahre alt werden. Ein typisches Merkmal sind die langen großen Ohren. Im Frühjahr versammeln sich die Weibchen in sogenannten Wochenstuben. Dafür brauchen die Tiere große Baumhöhlen, die sie meist nur in alten Laub- und Mischwäldern finden. Im Hambacher Forst sind zwei Kolonien der Tiere bekannt.

Zwischen Juni und Juli bringen die Weibchen in der Regel nur ein Jungtier zu Welt. Im Winter ziehen sich die Tiere in Höhlen, Stollen oder stillgelegte Bergwerke zurück. Bechsteinfledermäuse wechseln zwar ihr Quartier innerhalb eines bestimmten Gebiets, dem bleiben sie in der Regel jedoch treu. Auf Veränderungen reagieren sie deshalb empfindlich.

Dann kam der überraschende Rodungsstopp. Das Oberverwaltungsgericht Münster entschied, es müsse zunächst geklärt werden, ob der Hambacher Forst unter Schutz steht, weil dort seltene Arten wie die Bechsteinfledermaus vorkommen. Laut den Richtern ist die Rechtslage komplex, die Unterlagen dazu umfassen mehrere Kisten. Die Rodung müsse deshalb vorerst gestoppt werden, damit keine "vollendeten, nicht rückgängig zu machenden Tatsachen geschaffen" würden.

Die Umweltschützer hatten einen Etappensieg errungen, viele weinten vor Freude. Die Baumbesetzer kehrten zurück, auch Norah. Der wochenlange Polizeieinsatz schien umsonst. Dass ihre alte Behausung im Wipfel weg ist, stört Norah nicht weiter. Sie hat schon viele Baumhäuser gebaut und wieder verloren. Nun baut sie eben ein neues. "Für die, die noch nicht so lange hier sind, für die es das erste Baumhaus war, ist es meist schlimmer", sagt sie.

Wie lange sie noch im Wald bleiben will, weiß sie noch nicht. Sollte der Hambi tatsächlich gerettet werden, wird sie wohl zu einem anderen Protestcamp ziehen. Es gebe schließlich genug Schreckliches, sagt sie, wie die Windräder in Hessen, für die Wälder gerodet werden sollen.

Sie könne nicht ruhig leben, solange um sie herum die Umwelt zerstört und der Klimawandel immer bedrohlicher werde. "Für eine sichere Zukunft bin ich selbst verantwortlich", sagt sie. "Und ein Wald gehört niemanden, das muss doch klar sein, und wenn überhaupt, dann gehört er uns allen." Für sie geht es nicht nur um einen Wald, für sie ist Protest eine Lebensaufgabe.

Kapitel 4

Das Buch der Wiederauferstehung

Was bleibt von diesem Wald und diesem Kampf


Wenige Hundert Meter von Norah entfernt sitzt Peter Helbig in dem Bagger, der sich dem Hambacher Wald entgegengräbt. Der Baggerführer und die Aktivistin sind sich wahrscheinlich noch nie begegnet. Baggerführer Helbig, auch er heißt eigentlich anders, arbeitet seit Jahren im Tagebau, wie schon sein Vater und sein Großvater vor ihm. Ein schlechtes Gewissen hat er wegen des Hambacher Forsts nicht, der Wald gehöre schließlich RWE. Und rechtlich gesehen stimmt das auch.

Ob der Hambacher Forst doch noch gerodet wird, entscheiden allerdings weder RWE noch die Aktivisten, sondern das Kölner Verwaltungsgericht. Ein Urteil ist für Anfang 2019 angekündigt. Bis dahin drosselt RWE die Förderung im Hambacher Tagebau und verhindert nach eigenen Angaben dadurch, dass der Tagebau ganz zum Stillstand kommt. Pro Jahr verliert RWE nach eigenen Angaben dadurch einen niedrigen dreistelligen Millionen-Betrag.

Auch die Kohlekommission könnte über das Schicksal des Hambacher Forsts mitentscheiden. Laut einem aktuellen Kompromissvorschlag soll der Wald erhalten bleiben und gleichzeitig sollen sechs Braunkohleblöcke im Rheinischen Revier vom Netz gehen.

RWE dürfte davon unbeeindruckt bleiben. In einem Interview mit dem "Kölner Stadt-Anzeiger" sagte Vorstandsvorsitzender Rolf Martin Schmitz, die Entscheidungen der Kohlekommission seien lediglich Empfehlungen und nicht verbindlich. Der Hambacher Forst sei ohnehin nicht mehr zu retten, sagt Schmitz. Weil die Hänge des Tagebaus abgeflacht werden müssen. Sonst drohen sie einzustürzen. Dafür seien erhebliche Erdmassen erforderlich und die könnten nur vom Hambacher Forst kommen.

Die Umweltschutzorganisation BUND widerspricht. Die Böschungen können demnach auch flacher werden, indem man sie von innen anfüllt. RWE hält das nicht für machbar, weil auch dafür massenhaft Erde gebraucht würde. Die Botschaft ist klar: Der Hambacher Forst kommt weg - so oder so.

Nach dem Tagebau wird es rund um Hambach ohnehin mehr Wald geben als vorher, argumentiert der Energiekonzern. Tatsächlich ist RWE verpflichtet, mindestens genau so viel Wald neu zu pflanzen, wie durch die Bagger verloren geht. Aus dem gut 200 Meter hohen Abraumberg ist über die Jahre so ein künstlicher, wiederbewaldeter Hügel geworden, die sogenannte Sophienhöhe. Mittlerweile ist sie mehr als sechsmal so groß wie der verbliebene Hambacher Forst.

Gregor Eßer leitet das XXL-Renaturierungsprojekt. In den riesigen Erdhaufen, die die Absetzer auftürmen, sieht der 47-Jährige keinen Dreck, sondern einen Baukasten. Je nachdem, wie er die verschiedenen Bodentypen vermengen lässt, entsteht auf dem riesigen Abraumhaufen des Tagebaus ein Wald, eine Wiese oder ein Tümpel. "Für Waldboden mischen wir eine vier Meter dicke Schicht aus Kies, Sand und Löß", erklärt der studierte Biologe und Geograf. Danach wird gepflanzt, in den vergangenen 40 Jahren rund elf Millionen Bäume. "Wir haben hier nicht einfach den ursprünglichen Wald nachgepflanzt, sondern gezielt wertvolle Lebensräume geschaffen", sagt Eßer stolz.

Er ist mit dem Tagebau aufgewachsen. Als Kind lebte er mit seinen Eltern in einem der Dörfer, die der Braunkohle weichen mussten. "Die Auswirkungen auf die Gegend hier sind immens, das lässt sich nicht beschönigen", sagt er. Aber der Tagebau sei eben auch eine Chance. Er rattert zahllose Tierarten herunter, die mittlerweile auf der Sophienhöhe leben, darunter viele, die auf der Roten Liste stehen. Wie bestellt fliegt ein großer Greifvogel vorbei. Eßer nickt zufrieden.

"Durch den Braunkohletagebau geht keine einzige Tierart verloren", sagt er. Am liebsten steht er an einem kleinen See mit einer Insel in der Mitte. "Vor 20 Jahren war an dieser Stelle noch ein 400 Meter tiefes Loch, heute brüten hier Graureiher", sagt Eßer. Das zeige, wie schnell sich die Natur erhole. "Wenn alle Baumhäuser längst weg sind, wenn alle unsere Bagger längst weg sind, dann ist die Rekultivierung das, was noch Jahrhunderte bleiben wird."

Stundenlag könnte er weitererzählen. Als müsse er nur lange genug reden, um auch noch den Letzten davon zu überzeugen, dass die Sophienhöhe mindestens genauso gut sei wie der Wald, der vor dem Tagebau hier stand. Auf die Frage nach dem Hambacher Forst reagiert er zerknirscht. "Da wird etwas hochstilisiert", sagt er. Den allermeisten gehe es doch gar nicht um den Wald. "Man kann gegen Braunkohle sein", sagt er, "aber dann muss man das auch sagen und keinen Wald vorschieben."

Förster Uwe Schölmerich ist nicht ganz so euphorisch: "Bis ein Wald wieder alles bietet, vom Jungbaum bis zum stärkerem Totholz, dauert es 80 bis 100 Jahre", sagt er. Das lässt sich nicht beschleunigen. Bis sich der Boden auf natürliche Art wieder so bildet, wie er jetzt ist, dauert es sogar Tausende Jahre. Wie sich die künstlich aufgeschütteten Erdschichten langfristig entwickeln werden, kann niemand vorhersagen. "Eins zu eins lässt sich ein Wald nicht nachbauen", sagt Schölmerich.

Das Problem kennt auch Eßer. Ausgerechnet die Bechsteinfledermaus, die die Rodung vorerst stoppte, weigert sich noch immer hartnäckig, auf der Sophienhöhe sogenannte Wochenstuben anzulegen, in denen die Tiere ihre Jungen großziehen. Die Baumstämme sind noch zu schmal für die großen Löcher, die die Tiere bräuchten.

Die Förster haben zwar dicke, tote Baumstämme aufgestellt, doch die verschmähen die Fledermäuse bisher. Momentan sind sie in ihrem Winterquartier, doch im kommenden Jahr könnten sie in den Hambacher Forst zurückkehren. Wie lange noch, ist unklar.

Derweil geht der Kampf um den Wald weiter - bis zum letzten Baum. Es ist ein Kampf, bei dem es keinen Gewinner geben wird. Der Hambacher Forst ist kaputt, von mehr als 4000 Hektar Waldfläche sind nur 200 Hektar übrig. Und auch der Tagebau ist nicht mehr zu retten, mit oder ohne Forst.

Die Zeit der Braunkohle ist abgelaufen, Deutschland will raus aus der Kohle. Anfang kommenden Jahres soll die Kohlekommission verkünden, wann es so weit sein wird. Spätestens dann stehen die Bagger in Hambach still.



Der Märchenwald

Impressum


Text und Fotos: Julia Köppe

Video: Jonathan Happ

Schnitt: Carolin Katschak

Redaktion: Michail Hengstenberg, Oliver Trenkamp

Bildredaktion: Mascha Zuder

Dokumentation: Almut Cieschninger, Janine Große

Schlussredaktion: Lena Ekelund

Programmierung und Grafiken: Dawood Ohdah