Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Hamburger Tümpel: Rätsel um explodierende Kröten gelöst

Explosionen, massenhafter Tod, rätselnde Wissenschaftler - das Drama an einem Hamburger Teich klingt nach Stoff für einen Actionfilm. Explodiert sind allerdings keine Autos, sondern Kröten - und das gleich hundertfach. Jetzt ist das Mysterium gelöst.

Tote Kröte in Hamburger Tümpel: Aufgebläht bis in den Tod
AP

Tote Kröte in Hamburger Tümpel: Aufgebläht bis in den Tod

Sind Erdkröten auf der Balz, kommen sie - dem Menschen nicht unähnlich - mitunter recht aufgeblasen daher. Ballongleich blähen sich die Tiere auf, um quakend nach Partnern zu suchen. Einige Hundert Hamburger Erdkröten trugen allerdings auf diese Art nicht zur Vermehrung, sondern zur spektakulären Dezimierung ihrer Art bei. Mehr als 1000 Tiere haben sich am Rande eines Hamburger Tümpels aufgepumpt, bis sie sich platzend aus dem Diesseits verabschiedeten.

Über die Ursachen und den wahren Hergang der massenhaften Selbstzerstörung herrschte tagelang Rätselraten. Naturschützer etwa machten prompt biologische oder chemische Verschmutzung für das Massenplatzen verantwortlich. Pferde aus Süd- und Mittelamerika - eine Trabrennbahn liegt ganz in der Nähe des Tümpels - könnten eine Bakterienart eingeschleppt haben, die todbringende Blähungen verursache.

Das Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt konnte sich die bizarren Vorgänge auch nach intensiver Nachforschung nicht erklären. Bei einer Analyse des Tümpelwassers und der Krötenteile seien weder Viren noch Bakterien gefunden worden, die Kröten bis zum Letzten aufpumpen könnten.

Abgesperrter Teich in Hamburg-Altona: Keine Hinweise auf Viren oder Bakterien
AP

Abgesperrter Teich in Hamburg-Altona: Keine Hinweise auf Viren oder Bakterien

"Wir haben die Kröten sogar wie Lebensmittel behandelt und eine Spurenanalyse durchgeführt", sagt Institutssprecherin Janne Klöpper. Doch die Suche nach Giften und Schwermetallen habe ebenso wenig zu einem Befund geführt wie das Aussetzen von Wasserflöhen und Guppys in dem Teich, den eine Boulevardzeitung schon zum "Todestümpel" erklärt hatte. Weder Guppys noch Wasserflöhe litten unter Bauchgrimmen, geschweige denn Explosionen.

Das Hamburger Institut schickte daraufhin Krötenreste an den Berliner Tierarzt Frank Mutschmann - der prompt eine einleuchtende Erklärung für das große Krötenplatzen parat hatte. "Es waren höchstwahrscheinlich Krähen", sagte der Amphibienexperte gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die wählerischen Vögel würden Kröten gezielt anpicken und nur deren Leber verspeisen.

"Da Brust- und Bauchhöhle bei den Kröten nicht getrennt sind, hatte die Lunge keinen mechanischen Widerstand mehr", erklärt Mutschmann. Das ansonsten segensreiche Abwehrverhalten der Amphibien hätte unter diesen Umständen fatale Folgen gehabt: "Bei Bedrohung pumpen sich Kröten auf", sagt Mutschmann. "Wenn aber die Leber fehlt und zusätzlich ein Loch im Körper klafft, reißen die Gefäße, die Lunge platzt und die restlichen Organe quellen aus der Kröte heraus."

Die ungeheure Menge an Kröten, die auf diese schauerliche Art ihr Ende fand, sei nicht ungewöhnlich. "Krähen sind intelligente Tiere", meint Mutschmann. Schon drei bis fünf der Vögel könnten ausreichen, Hunderte Kröten zu öffnen. "Die lernen schnell, wie man in kurzer Zeit an viele leckere Lebern kommen kann."

Markus Becker

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: