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"Hauch von DDR": Ifo-Chef Sinn wettert gegen Ökosteuer und Windkraft

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Sein Manager-Juden-Vergleich provozierte heftige Reaktionen. Jetzt knöpft sich der streitbare Ökonom Hans-Werner Sinn in einem neuen Buch die Klimapolitik vor: Sie sei Humbug, verschwende Milliarden und helfe der Erde nicht - Experten widersprechen.

Wenn Hans-Werner Sinn ein neues Buch veröffentlicht, reiben sich seine Leser die Augen. Wie dumm sind diese Politiker eigentlich, wie ahnungslos die Experten? Der Mann mit dem messerscharf gestutzten Kinnbart hält sich stets für den Seher in einem Meer von Blinden. Dabei scheut er dann auch mal einen Vergleich von Managern und Juden nicht - für den er sich inzwischen allerdings entschuldigt hat.

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: "Deutschland hat sich zum Geisterfahrer in der Welt gemacht"
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Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: "Deutschland hat sich zum Geisterfahrer in der Welt gemacht"

Jetzt knöpft sich Sinn den Klimaschutz vor. Wortgewaltig stampft der Präsident des Münchner Ifo-Instituts alles in Grund und Boden, auf das grüne Politiker und umweltbewegte Bürger so stolz sind. Windräder und Solarzellen sparen Sinn zufolge unterm Strich gar kein klimaschädliches Kohlendioxid ein. Die regenerativen Energietechniken schafften auch keine neuen Arbeitsplätze: "Alles Humbug."

Jede in Deutschland eingesparte Kilowattstunde, jeder nicht getankte Liter Benzin bringe dem Erdenklima rein gar nichts, behauptet der streitbare Ökonom. Das hierzulande Eingesparte werde im Gegenzug nur anderswo auf der Welt wieder verprasst.

"Das grüne Paradoxon" nennt der Volkswirtschaftler deshalb seine fast 500 Seiten starke Polemik. In Anspielung an die globale Finanzkrise prophezeit er: "Wer das Buch gelesen hat, der weiß, dass wir Milliarden sparen können, die wir an anderer Stelle gerade dringend benötigen", sagte Sinn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Ökosteuer und das Energie-Einspeisegesetz zur Subventionierung regenerativer Energien sind in seinen Augen staatliche "Zentralplanung" und lassen "einen Hauch DDR" durch Deutschland wehen. Vor allem kosten sie für seinen Geschmack viel zu viel Geld: Die Förderung der Photovoltaik etwa verschlinge 120 Milliarden Euro bis zum Jahre 2015, die Bürger und Industrie über ihre Stromrechnung blechen. Gemessen an den horrenden Kosten würden durch den Einsatz der Solarenergie nur vergleichsweise wenige Tonnen Kohlendioxid eingespart.

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Weit weniger koste die Vermeidung von CO2 durch die Atomenergie, sagt Sinn: "Leider hat sich Deutschland mit seinem Ausstiegsgesetz zum Geisterfahrer in der Welt gemacht." Als Ersatz für die deutschen Reaktoren müssten weitere 111.000 Windräder zu den 20.000 vorhandenen aufgestellt werden, was für das Land "achtmal so viele Windräder wie Kirchtürme" bedeuten würde.

Sein wichtigstes Argument geht so: Die gewaltige Menge an Öl, Kohle und Erdgas, die in Deutschland durch die milliardenteure Ausnutzung von Wind und Sonne weniger verfeuert wird, sorgt auf dem Weltmarkt zu sinkenden Preisen. Das wiederum regt Schwellenländer wie China und Indien nur dazu an, noch mehr zu verbrauchen. In Summe würde also kein Gramm weniger fossile Energie verbrannt – wahrscheinlich sogar mehr, behauptet der Münchner Ökonom.

Denn die Ölscheichs müssten in den westlichen Klimaschutzmaßnahmen eine Art drohende Enteignung sehen: Würde der Ölverbrauch wirklich drastisch reduziert werden, blieben sie in nicht allzu ferner Zukunft auf ihrem unterirdischen Reichtum sitzen. Sinn: "Die werden folglich noch schnell versuchen, möglichst viel ihres Schatzes zu fördern und zu verkaufen." Volkswirtschaftler sprechen von dem sogenannten "Leakage-Effekt": Sparen an der einen Stelle führt zu höherem Verbrauch an anderer Stelle.

Aber wie stark schlägt der Effekt wirklich zu Buche? "Der Leakage-Effekt ist häufig berechnet worden", sagt zum Beispiel Ökonom Till Requate von der Universität Kiel. Er liege aber keinesfalls wie von Sinn behauptet bei 100 Prozent, sondern lediglich bei rund 60 Prozent: "Unsere Einsparungen werden also nicht vollends von den anderen aufgebraucht." Denn sollte der Ölpreis aufgrund sinkender Nachfrage tatsächlich immer weiter fallen, würden viele schwer zugängliche Lagerstätten gar nicht ausgebeutet, weil es sich nicht mehr rechnet.

Auch der Ökonom Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung glaubt, Sinn übertreibe beim Leakage-Effekt. Er liege deshalb auch falsch, wenn er fordert, nur wenn China und Indien beim CO2-Sparen, angeregt durch ein Emissionshandelssystem, mitmachen, brächte unsere Enthaltsamkeit wirklich etwas. Edenhofer: "Europa und die USA müssen schnell ein Klimaabkommen beschließen. Nach meinen Berechnungen würde es aber reichen, wenn China und Indien bis 2020 folgen." Genervt reagiert derweil die Politik auf den Frontalangriff. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) keilt zurück: "Nachdem Herr Sinn seine marktradikale Ideologie jahrelang als Wissenschaft verkauft hat, versucht er es nun auf einem Gebiet, von dem er ganz offensichtlich noch weniger versteht als von Finanzmärkten."


Hans-Werner Sinn: Das grüne Paradoxon. Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik. Econ-Verlag Berlin, 480 Seiten, 24,90 Euro

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