Hawaii Taucher entdecken Wrack vom Moby-Dick-Jäger

Vor Hawaii wollen Forscher das Wrack eines legendären Walfängers gefunden haben: die Überreste der "Two Brothers" von Kapitän Pollard. Sein Schicksal war Vorbild für Melvilles Roman "Moby Dick" - und Käpt'n Ahab.

REUTERS/ NOAA

Kapitän George Pollard wurde nicht vom Glück verwöhnt. Ein Wal versenkte im Jahr 1820 sein Boot "Essex". Pollard und seine Crew trieben monatelange auf Beibooten über den Pazifik. Ihr Hunger zwang die Männer schließlich zum Kannibalismus; Pollard aß seinen verstorbenen Cousin. Der Kapitän überlebte, doch auch sein nächstes Schiff, die "Two Brothers", sank. Es wurde am 11. Februar 1823 vor Hawaii von Korallenriffen aufgeschlitzt.

Pollard überstand auch diese Katastrophe. Sein Schicksal inspirierte den Schriftsteller Herman Melville zu seinem Buch "Moby Dick". Der Roman beschreibt die wütende Jagd des Kapitän Ahab nach einem Wal, der ihm ein Bein abgerissen hatte.

Jetzt haben Archäologen des US-amerikanischen Forschungsinstituts NOAA offenbar das Wrack der "Two Brothers" vor Hawaii entdeckt. Es läge in flachem Wasser an den French Frigate Shoals, einem Atoll, rund 900 Kilometer nordwestlich der hawaiianischen Hauptstadt Honolulu, berichtet die NOAA.

Hinter der Sandbank lagen die Schätze

Es sei der erste Fund eines jener legendären Walfängerboote aus Nantucket, jubeln die Forscher. Die Insel vor der Südostküste der USA galt im 19. Jahrhundert als Welthauptstadt des Walfangs - eine Armada Hunderter Walfängerboote startete von Nantucket aus in See. Viele "Nantucket Whaler" sanken, doch meist im tiefen Wasser, so dass sie wohl für immer verschollen bleiben.

188 Jahre blieb auch die "Two Brothers" verschwunden. Seit 2008 waren die Archäologen der NOAA dem Wrack auf der Spur. Hinter der Sandbank Shark Island erspähten sie zunächst einen mächtigen Anker. Danach kamen auch Schiffsaufbauten, Harpunen und Eisengeschirr zum Vorschein. Schließlich entdeckten die Forscher einen Trankessel - einen Pott also, in den Waltran abgelassen wurde. Die Geräte ließen sich auf die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts datieren.

Den Beweis, dass es sich bei den etwa 80 Gegenständen um Überreste der "Two Brothers" handelt, habe die Bibliothek-Recherche gebracht, berichtet die NOAA: Aufzeichnungen der Crew zeigten, dass der Walfänger von George Pollard an der betreffenden Stelle vor den French Frigate Shoals gesunken sei.

Navigieren in dunkler Nacht

Es war eine dunkle Nacht an jenem 11. Februar 1823. Kapitän Pollord konnte sich beim Navigieren der "Two Brothers" nicht an den Sternen orientieren, er war gezwungen, den Segler ohne Sicht durch die Atolle zu manövrieren. Dutzenden Schiffen war das seichte Wasser schon zum Verhängnis geworden.

Pollard überlebte; einen Tag nachdem die "Two Brothers" gesunken war, nahm ihn ein anderes Schiff auf. Pollard gab die Seefahrt auf, er zog sich nach Nantucket zurück, wo er Nachtwächter wurde. 1852 besuchte ihn ein junger Schriftsteller namens Herman Melville, der gerade "Moby Dick" veröffentlicht hatte - auf Grundlage von Pollards Geschichte, die Melville studiert hatte.

Nun sollen auch die Überreste der "Two Brothers" Kapitän Pollard ein Denkmal setzen. Manche der Gegenstände des Walfängers sollen gehoben und in einem Museum auf Hawaii ausgestellt werden. Die großen Überreste der "Two Brothers" jedoch werden dort bleiben, wo sie sind - am Meeresgrund.

boj

insgesamt 10 Beiträge
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eastcoaster 12.02.2011
1. Buchempfehlung zum Thema
Wer sich mehr fuer die Geschichte Nantuckets und die Ereignisse um den Walfaenger Essex interessiert, dem sei das Buch "In the Heart of the Sea: The Tragedy of the Whaleship Essex" empfohlen. Selten ist Geschichte so spannend. Und noch eine Anmerkung: Nantucket liegt am Cape Cod bei Boston, also zu weit noerdlich, um an der "Suedostkueste" zu liegen.
T. Wagner 12.02.2011
2. Wagner's wahre Worte
Interessanter Bericht, der mich an spannende Leseabende als Kind erinnerte und natürlich an den legendären Film mit Gregory Peck. Ich habe eben mal nachgeschaut: Die Wahlfänger-Heimat Nantucket ist mittlerweile eine hübsche Insel mit sehr schönen Hotels. Ich glaube, das ist ein lohnendes Reiseziel.
Achim 12.02.2011
3. Wer ist hier das Wrack?
»Hawaii: Taucher entdecken Wrack des Moby-Dick-Kapitäns« Es soll zwar vorkommen, dass ein Mensch über sich sagt "Ich bin ein Wrack", aber ich bezweifle doch sehr, dass ein solches menschliches Wrack über Anker und Trankessel verfügt. Und vor allem liegt es nicht als Wasserleiche vor Hawaii.
alfredo_spencer 12.02.2011
4. Boot != Schiff
Liebe Redaktion, bitte in Zukunft die Worte Boot und Schiff nicht synonym verwenden. Das sind verschiedene Sachen. Die Artikel sind dann sehr verwirrend. Leider liesst man das oft.
Kreuzkopf 12.02.2011
5. eine Frage der Definition ...
Zitat von alfredo_spencerLiebe Redaktion, bitte in Zukunft die Worte Boot und Schiff nicht synonym verwenden. Das sind verschiedene Sachen. Die Artikel sind dann sehr verwirrend. Leider liesst man das oft.
In Wikipedia heisst es zur Unterscheidung von "Boot" und "Schiff" u.a.: "Mitte des 20. Jahrhunderts [...] wurde die Abgrenzung bei 500 BRT (Bruttoregistertonnen) gesetzt. Fahrzeuge unter 500 BRT sind demnach Boote, jene ab 500 BRT gelten als Schiffe." http://de.wikipedia.org/wiki/Boot#Unterscheidung_zwischen_Boot_und_Schiff Laut Wikipedia war beispielsweise das erste von Kapitän Pollard geführte, vermutlich gleich große Walfang-"Schiff", die "Essex", mit 238 Tonnen vermessen. http://de.wikipedia.org/wiki/Essex_%28Walfangschiff%29 Von den Abmessungen her sind vergleichsweise die "America's Cup-Renn"boote" teilweise größer als damaligen 19.Jahrhundert-Walfänger.
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