Heikles Experiment So hat die Flutung den Grand Canyon verändert

Allen Protesten von Umweltschützern zum Trotz haben US-Behörden in der vergangenen Woche den Grand Canyon geflutet. Nun berichten sie über neue Sandbänke, die bereits von ersten Tieren in Besitz genommen worden seien. Doch die Freude dürfte nur kurz anhalten.


Flagstaff - Steve Martin ist voll des Lobs. Fünf Tage lang war der Chef des Grand-Canyon-Nationalparks durch seine Ländereien gestreift, um die Ergebnisse des Großexperiments aus der vergangenen Woche zu begutachten: Rund 60 Stunden lang war eine künstliche Flut durch den Colorado River geschossen; rund 1,1 Millionen Liter Wasser pro Sekunde zusätzlich waren vom Glen-Canyon-Damm in das Felsgebiet abgegeben worden.

Das Ziel des Öko-Versuchs, nämlich neue Sandbänke an den Flussrändern entstehen zu lassen, sei erreicht worden, erklärt Martin nun. Zahlreiche solcher Sandbänke habe er in den vergangenen Tagen gesehen, manche klein und versteckt, manche groß wie Fußballfelder. "Es verändert die Anmutung des Canyons, wenn man die Sedimente am Flussrand sehen kann. Statt eines Gefühls der Sterilität hat man jetzt einen viel lebendigeren Eindruck", schwärmt Martin. Die Veränderungen am Flussrand seien beträchtlich.

Das Wasser durchströmt den Canyon bereits seit Millionen von Jahren. Mit Hilfe der Uran-Blei-Datierung hatten drei Forscher von der University of New Mexico mineralische Ablagerungen in Höhlen des Canyons untersucht, die vom Flusswasser herrühren. Dabei hatten sie zwei aufsehenerregende Dinge herausgefunden: Zum einen hat sich der Canyon offenbar in zwei Teilen geformt, zum anderen ist zumindest der westliche Bereich des Gebiets mit 17 Millionen Jahren etwa dreimal so alt wie bisher vermutet. Lediglich für den östlichen Teil gehen die Forscher nach wie vor von einem Alter von ungefähr sechs Millionen Jahren aus.

Durch den Bau des Glen-Canyon-Damms im Jahr 1963 hatte der Colorado River viel von seiner Ursprünglichkeit und Kraft verloren. Außerdem hält der Damm fast den gesamten Sedimenttransport des Flusses auf. Weil auf diese Weise Fischgründe verschwanden und zahlreiche Campingplätze am Fluss wegen fehlender Sandbänke schließen mussten, entschlossen sich die Behörden 1996 zum ersten Mal zu einer Flutung; 2004 wurden die Schleusen am Damm erneut geöffnet. Umweltschützer halten die Flutungen jedoch für Aktionismus und fordern stattdessen, die Wasserabgabe des Damms dem Rhythmus der Jahreszeiten anzupassen.

Nach den ersten beiden Flutungen waren die Sandbänke im Canyon sogar noch geschrumpft, doch diesmal hoffen die Behörden auf bessere Ergebnisse. Der Colorado, sagt Martin, habe dieses Jahr besonders viel Sand mit sich getragen. Auf den neu angeschwemmten Flächen habe er bereits die ersten Spuren von Dickhornschafen und Bibern beobachten können. Doch die neu angeschwemmten Sandbänke würden schon binnen 18 Monaten langsam verschwinden - falls nicht wieder eine künstliche Flut ausgelöst werde.

Allerdings planen die US-Behörden die nächste Flutung erst für das Jahr 2012. Die Umweltschützer des Grand Canyon Trust wollen indes dafür sorgen, dass schon früher Wasser fließt: Sie kündigten an, juristisch gegen den Plan vorzugehen. Der Canyon verdiene mehr als kurzfristige Erfolge, sagen sie.

chs/AP

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