Heißer Herbst Arktis-Temperaturen steigen auf Rekordhoch

Der Klimawandel in der Arktis nimmt dramatische Ausmaße an: Die Temperaturen in diesem Herbst liegen um satte fünf Grad über dem Normalwert - und damit so hoch wie noch nie seit Beginn der Messungen. Nun schmilzt das Eis im hohen Norden noch schneller, es droht eine Kettenreaktion.


Washington - Der jährliche Bericht der US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA verheißt nichts Gutes: Die Temperaturen in der Arktis liegen um fünf Grad über dem langjährigen Durchschnitt, schreiben die 46 Wissenschaftler aus zehn Ländern.

Der Grund sei unter anderem der zuletzt dramatische Verlust von Meereis: Je weniger Eis auf der Wasseroberfläche schwimmt, desto weniger Sonnenlicht wird ins All reflektiert. Die Folge: Das Wasser und damit auch die Luft erhitzen sich noch schneller, wodurch wiederum mehr Eis schmilzt - der Klimawandel in der Arktis verstärkt sich durch diesen Rückkopplungseffekt selbst und ist deutlich stärker ausgeprägt als in anderen Weltregionen.

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Die Schmelze der Eisberge erreichte im vergangenen Jahr einen Rekordwert, für dieses Jahr rechnen die Wissenschaftler mit dem zweithöchsten Wert seit Beginn der Messungen. Immerhin ist die Meereis-Bedeckung in diesem Jahr rund neun Prozent größer als 2007, heißt es in dem Bericht. Dennoch liege sie 34 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 1979 bis 2000. Damit bestätigen die Forscher Berechnungen des National Snow and Ice Data Center der USA vom September.

Auch die Eisdecke auf dem Festland Grönlands geht rapide zurück. Im vergangenen Jahr verlor sie nach Angaben der Wissenschaftler ein Volumen von 101 Kubikkilometern. Der Bericht stellt auch einen bislang beispiellosen Anstieg des Meeresspiegels in der Arktis von 0,25 Zentimetern pro Jahr fest.

Dramatische Folgen der arktischen Schmelze für das gesamte Erdklima seien nicht auszuschließen, sagte die Direktorin des Alfred-Wegener-Institutes für Polar- und Meeresforschung (AWI), Karin Lochte, am Freitag in Bremerhaven bei der Rückkehr des Forschungsschiffes "Polarstern". Als Folge der Eisschmelze war es dem Eisbrecher als erstem Forschungsschiff gelungen, den Nordpol komplett zu umrunden. Noch sei aber unklar, ob der Rückgang des Meereies anhalten oder ob es wieder eine kältere Periode geben werde, betonte Lochte.

Das veränderte Klima beeinflusst das sensible Ökosystem der Region. In der Tierwelt werden die Rentierherden kleiner, während die Zahl der Gänse zunimmt, weil sich ihr Lebensraum erweitert. Wachsende Sorge gibt es um die Eisbären in der Arktis. Unbekannt ist der Status vieler Walross-Kolonien. Bei einigen Walarten nehmen die Bestände zu, bei anderen ab.

Einen besonders beängstigenden Effekt haben Forscher erst kürzlich in der Arktis beobachtet: Der Meeresboden setzt große Mengen Methan frei, das als Treibhausgas 20-mal stärker wirkt als Kohlendioxid. In der kalten Tiefe kommen große Mengen eines Eis-Methan-Gemisches vor. Erwärmt sich das Wasser aber über einen bestimmten Wert, wird das Methan gasförmig und steigt an die Oberfläche.

"Dies ist ein sehr kompliziertes System, und wir arbeiten daran, seine Rätsel zu lösen", sagte Jackie Richter-Menge vom Cold Regions Research and Engineering Laboratory (CCREL) der US-Streitkräfte. Was jetzt in der Arktis geschehe, werde sich auch auf den übrigen Planeten auswirken.

mbe/AP/Reuters/dpa



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