Bulle frisst Seehunde Das Rätsel der Killerrobbe

Vor Helgoland tötet ein junger Kegelrobbenbulle immer wieder Seehunde und verspeist ihr Fleisch. Forscher fragen sich, warum das Tier die eng verwandte Art attackiert. Nun gibt es erste Erklärungen.

Uli Kunz

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Dicht an dicht liegen Kegelrobben und Seehunde auf der Sanddüne vor Helgoland. Die eng verwandten Raubtiere stehen im Wattenmeer und der Nordsee ganz oben in der Nahrungskette, abgesehen von aufdringlichen Touristen haben sie wenig zu befürchten. Doch seit einiger Zeit ist es aus mit der Harmonie: Mehrfach hat ein junger Kegelrobbenbulle vor Helgoland etwas kleinere, junge Seehunde gerissen. Das Verhalten stellt Forscher vor Rätsel.

Die erste Attacke beobachtete der Helgoländer Wildhüter Rolf Blädel im Juli 2013 etwa 30 Meter vor der Sanddüne der Hochseeinsel. Inmitten einer Blutlache entdeckte er den Kopf eines etwa sechs bis sieben Jahre alten Kegelrobbenbullen. Das Tier tauchte ab und noch mehr Blut floss an die Wasseroberfläche. Einige Zeit später zerrte der Bulle einen Seehundkadaver an Land.

Ähnliche Attacken in Kanada und Schottland

Der Angriff ist kein Einzelfall. Zwischen 2013 und 2014 wurden solche Szenen mehrfach beobachtet und zahlreiche, immer auf ähnliche Weise zerfetze Seehundleichen geborgen. "Die Kegelrobben ziehen das Fleisch der Seehunde immer ähnlich in Streifen ab", erzählt der Biologe und Fotograf Uli Kunz, der eine Kegelrobbe mit seiner Seehundbeute unter Wasser fotografiert hat.

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Hungrige Kegelrobbe vor Helgoland: Süßer Räuber
Auch in Schottland und in Kanada fanden Forscher in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder tote Seehunde und auch Kegelrobben mit den für die Attacken typischen Verletzungen. Allerdings gingen sie bislang davon aus, dass Haie oder Schiffsschrauben die Tiere getötet hatten.

"Aus meiner Sicht, ist es sehr wahrscheinlich, dass viele dieser Fälle ebenfalls auf Kegelrobben zurückgehen", sagt Abbo van Neer von der Tierärztlichen Hochschule Hannover, der das Verhalten der Kegelrobben vor Helgoland genauer untersucht hat. Er vermutet, dass Kegelrobben Seehunde seit Langem fressen, wenn auch vergleichsweise selten. Deshalb seien die Attacken bislang nicht aufgefallen.

Mit der größer werdenden Kegelrobbenpopulation vor Helgoland wurden immer mehr Angriffe auf Seehunde bekannt. "Je mehr Tiere es gibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, ein seltenes Verhalten beobachten zu können", erklärt der Biologe. Eine Zeitlang galten Kegelrobben im Wattenmeer und vor Helgoland als ausgestorben. Heute leben dort wieder schätzungsweise 4200 Tiere.

Schottland korrigiert Schiffsschrauben-Theorie

Die größte Kegelrobbenkolonie weltweit gibt es auf der kanadischen Atlantikinsel Sable Island mit etwa 390.000 Tieren. "Dort wurden seit Anfang der Neunzigerjahre Tausende auffällig zerpflückte Seehundkadaver gefunden", erklärt van Neer. Wenn sich bestätige, dass der Großteil dieser Tiere von Kegelrobben statt von Haien getötet wurde, wäre das ein klarer Hinweis, dass Seehunde zum normalen Speiseplan der Kegelrobben gehören.

In Schottland, wo man bisher dachte, dass die Seehunde an Schiffsschrauben zu Tode kommen, haben Forscher ihre Meinung bereits revidiert. Nachdem sie beobachtet hatten, wie Kegelrobben Jungtiere der eigenen Art gefressen haben, gehen sie nun davon aus, dass die Seehunde auch hier Kegelrobben zum Opfer gefallen sind. Um die Schiffsindustrie von den Vorwürfen zu entlasten, gab die schottische Regierung sogar eine Mitteilung zu den neuen Erkenntnissen heraus.

Orcas töten Schweinswale, Seebären belästigen Pinguine

Abschließend geklärt sind die Kegelrobbenattacken damit allerdings nicht. Denkbar wäre etwa auch, dass stärkere Konkurrenz um Nahrung durch die wachsende Seehund- und Kegelrobbenpopulation die Angriffe begünstigt, berichten van Neer und Kollegen im "Journal of Sea Research". Üblicherweise fressen Kegelrobben Fisch, Tintenfisch und Krabben. Manchmal kommt ihnen auch ein Vogel zwischen die Zähne und in einigen Gebieten machen sie Jagd auf Schweinswale.

"Kegelrobben sind nicht besonders wählerisch, was Futter angeht", erzählt van Neer. "Sie fressen, was sie gerade finden können." Um zu prüfen, inwiefern Futterneid bei den Angriffen eine Rolle spielt, wollen die Forscher genauer untersuchen, wo Kegelrobben, Seehunde und Schweinswale wann nach welcher Beute suchen und inwiefern sie sich dabei in die Quere kommen.

Ungewöhnliche Übergriffe von Meeressäugetieren werden derzeit öfter beobachtet. So haben etwa Fischer vor der Küste Kaliforniens dokumentiert, wie Orcas Schweinswale getötet haben. Auf Marion Island, einer Insel im südlichen Indischen Ozean, sichteten Forscher einen männlichen Seebär, der versuchte, sich mit einem Königspinguin zu paaren. Auch dieses Verhalten können sie sich bislang nicht so recht erklären.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Olaf 16.02.2015
1.
Ich nehme an der Bulle hatte Hunger und der Seehund ist eine leichte Beute. Mehr braucht es in der Natur nicht.
oidahund 16.02.2015
2.
Was ist daran ungewöhnlich, dass nahe verwandte Arten sich fressen? - Schimpansen jagen rote Stummelaffen, Wölfe fressen immer mal wieder Hunde, Grizzly Bären jagen Schwarzbären und von Orcas ist schon lange bekannt, dass sie Delfine jagen - warum sollen sie dann Schweinswale meiden? Vielleicht sollte sich der Autor einmal informieren, bevor er so steile Thesen aufstellt, dass so etwas ungewöhnlich sei. Selbst Kannibalismus ist gut dokumentiert - großer Hecht frißt kleinen Hecht etc.
Karl Lauer 16.02.2015
3.
Bobcats fressen im übrigen auch Hauskatzen, so ist das halt.
Thorkh@n 16.02.2015
4. Dass Kegelroben ...
... sich bussardgroße Möwen von der Oberfläche holen, beobachtet man immer wieder einmal. Zu vermuten ist auch, dass sie sich ab und an unter Wasser Trottellummen und Tordalken schnappen. Aber Angriffe von einer Robbenart auf die andere habe ich dort in all den Jahren nicht beobachten können. Man darf das wohl als Ausnahme werten.
tkosi 16.02.2015
5.
Orcas töten Schweinswale...... Das ist jetzt mal völlig neu... ??? Was soll dieser Satz??? Keine Ahnung von Biologie??
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