Hummer-Auswilderung Helgoland hofft auf blaues Wunder

Einst wurden vor Helgoland Abertausende Hummer gefangen. Heute sind sie in den Gewässern um Deutschlands Hochsee-Außenposten rar geworden. Nun arbeiten Forscher an einer zweiten Chance für die Krustentiere.

Von "natur"-Autor

REUTERS

Eine stabile Panzerung, zwei furchteinflößende Scheren und ein kühl abschätziger Blick, wie ihn so nur Gliedertiere hinkriegen: Sorgsam taxiert der Hummer den menschlichen Eindringling. Ein Schritt näher, und er schnappt zu. Zum Glück ins Leere. Das ist aber Warnung genug: Es ist keine gute Idee, in seine Reichweite zu kommen.

Verübeln kann man dem Hummer sein Verhalten nicht. Schließlich haben wir Menschen seiner Art schon seit Urzeiten übel mitgespielt. Im siedenden Wasser gegart zu werden - da kann man schon schlechte Laune bekommen. Außerdem verteidigt dieser blaue Ritter hier nur sein Revier, auch wenn das lediglich ein kleines Becken ist, inklusive einer künstlichen Höhle in der Biologischen Anstalt von Helgoland. Selbst unter diesen Bedingungen gilt eben für einen Hummer: "My home is my castle."

In der Hummer-Zuchtstation, die zum Alfred-Wegener-Institut (AWI) gehört, gluckert und gurgelt es aus allen Ecken, ein fischiger Geruch hängt über den zahllosen grünen Kästen, die umherstehen. Wir gehen von Becken zu Becken. Lange, rote Antennen lugen aus dem Wasser hervor, und große Stielaugen beobachten aus dem Höhleneingang jede Bewegung. Wer eines der Tiere ergreifen will, muss genau wissen, wie er das anstellt, sonst ist der Finger ab.

Wild schnappen die Scheren um sich. Peitschenartig schlägt der muskulöse Schwanz vor und zurück. Nur mit großer Mühe lässt sich ein ausgewachsener Hummer von rund einem halben Meter Länge festhalten. Für ein Foto soll das Tier mit einer Bürste von Sedimenten befreit werden, doch es packt die Bürste und lässt sie nicht mehr los. Nur zu zweit gelingt es, sie wieder zu befreien. Der Hummer bekommt stattdessen eine Plastikflasche - er zerlegt sie in Sekunden.

Etwas Freundlichkeit könnte man schon erwarten. Immerhin bekommt der Hummer hier regelmäßig etwas zu essen, und sein Becken wird ständig mit frischem Meerwasser durchgespült. Zudem hat er Gesellschaft und eine ehrenwerte Aufgabe, denn in dieser Forschungsstation lebt er gemeinsam mit rund tausend Artgenossen und arbeitet mit daran, dass der legendäre Hummer Helgolands nicht zu einer Fußnote der Geschichte wird.

Helgoland - eigentlich ein Paradies für Hummer

Wie schlecht es um den Hummer steht, belegt ein Vergleich der Fangzahlen: 1937 wurden auf Helgoland 87.000 Exemplare aus dem Meer geholt, heute sind es pro Jahr gerade einmal 100. "Trotz Schutzmaßnahmen hat sich die Hummerpopulation nicht von einem starken Einbruch in den fünfziger und sechziger Jahren erholt", sagt Heinz-Dieter Franke, AWI-Biologe auf Helgoland.

Dabei ist die einzige deutsche Hochseeinsel eigentlich ein Paradies für die Tiere; sie ist die Spitze eines Felsens, den die Kräfte der Erde emporgehoben haben. In diesem Gesteinssockel finden sich unzählige Spalten, Klüfte, Höhlen. Ideal für den Hummer, der sich tagsüber gerne ins Dunkle zurückzieht und auf die Nachtschicht wartet. Dann krabbelt er über die Felsen auf der Suche nach etwas Fressbarem. Das können Fischreste sein, aber vornehmlich frisst der Hummer Krebse, Muscheln und Seeigel. Und genau: Um diese Beute zu knacken, braucht er seine Scheren. Die überaus praktischen Werkzeuge sind unsymmetrisch. Die größere Schere benutzt der Hummer zum Öffnen der Beute, die andere wie eine Gabel zum Verspeisen.

Verliert ein Hummer im Kampf Scheren oder Beine, so werden diese bei der nächsten Häutung nachgebildet. Bei Gefahr kann er seine Scheren sogar bewusst abwerfen. Zwei bis drei Häutungen vergehen, dann hat er neue Gliedmaßen.

Doch diese Regenerationsfähigkeit hat dem Hummer nichts gebracht. Im und nach dem Zweiten Weltkrieg haben Sprengungen, Bomben und Minen seine Heimat, die unterseeischen Felslandschaften, erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Zudem sind die Meere in den letzten Jahrzehnten immer schmutziger geworden, und schließlich hat auch unsere Nachfrage nach edlem Hummer als Delikatesse zum Schwund der Tiere beigetragen.

Der Liebesakt wird zum Vabanque-Spiel

Die Experten des Instituts auf Helgoland arbeiten dem entgegen. Die dort gezüchteten Exemplare sind nämlich nicht für den Kochtopf gedacht, sondern für die Auswilderung. Jedes Jahr wächst hier eine neue Generation heran. Wobei die Zucht gar nicht so einfach ist. Denn ihre Scheren, ihre Kraft, ihr Appetit und ihre sozialen Defizite machen Hummer zu Einzelgängern, die nicht davor zurückschrecken, auch Artgenossen zu verspeisen. Da wird der Liebesakt zum Vabanque-Spiel. Und der Schlüssel dabei ist die Häutung.

Die brauchen die Tiere, um wachsen zu können. Der Hummer schlüpft aus seinem alten Panzer - seinem Außenskelett, das nicht mitwachsen kann - und bildet schnell einen neuen. Der muss allerdings erst hart werden. Solange sind die Krebse sehr verletzlich. Häutet sich ein Tier, werden alle Beckenmitbewohner unruhig. Kaum ist der Vorgang beendet, wird das wehrlose Tier überfallen und angeknabbert. Allerdings: Ist das gehäutete Tier ein Weibchen und der Angreifer ein Männchen, so zeigt sich das Männchen von der friedlichsten Seite: Vorsichtig berührt es die butterweiche Partnerin und befruchtet sie.

Die Romantik ist schnell vorüber, kaum dass der neue Panzer des Weibchens erhärtet: Dann wird es in der Wahrnehmung seiner Artgenossen rasch wieder zu potentiellem Futter, und das Weibchen tut gut daran, rasch das Weite zu suchen.

Einige Monate später legt sich das Weibchen auf den Rücken, krümmt seinen Schwanz nach innen und stößt rund 20.000 kleine Eier aus. Die hängen dann ein gutes Jahr grünlichblau, wie winzige Weintrauben, an ihrem Unterleib. In dieser Zeit reifen die Eier heran, und nach wiederum zwölf Monaten schlüpfen die Larven. Auch das Leben als Hummerbaby ist hart: Alle wollen einen fressen. So kommt es, dass in der offenen Nordsee von 20.000 Hummereiern im Schnitt nur drei blaue Ritter erwachsen werden.

Neue Heimat Windpark

Die Hummerchen, die in den Becken des Instituts zur Welt kommen, sind ungleich behüteter. Im Einzelzimmer von der Größe einer Keksschachtel erhält jeder kleine Hummer sein eigenes kleines Kunststoffröhrchen, seine private Minihöhle.

Wenn sie etwa zehn Zentimeter groß sind, werden einige Hummer in die Freiheit entlassen. Taucher bringen sie direkt in ihren neuen, alten Lebensraum am Felssockel Helgolands, in der Hoffnung, dass sie überleben. Ob das reicht, ist noch fraglich. Die Gefahr ist groß, dass sie durch Meeresströmungen abgetrieben werden, und in der Umgebung Helgolands gibt es keine Zufluchtsorte. Deswegen wandern auch von außerhalb keine anderen Hummer nach Helgoland ein. Die nächsten Populationen leben in Großbritannien und Skandinavien.

Die Helgoländer Forscher haben noch einen Plan in der Hinterhand: Wenn es kaum Lebensräume gibt, muss man eben selbst welche schaffen. Der Hummer braucht einen harten Untergrund, der Großteil des Nordseebodens besteht allerdings aus Sand und Schlick. Doch in den Windparks auf hoher See gibt es neuen, wenn auch künstlichen Fels. 2014 sollen 3000 nachgezüchtete Exemplare in den Steinfeldern, die als Kolkschutz die Windkraftanlagen umgeben, ausgesetzt werden. "Die in großer Zahl in den nächsten 15 Jahren in der Deutschen Bucht entstehenden Windparks stellen zwar einerseits einen Eingriff in das Ökosystem dar, könnten aber auch mit Maßnahmen zu einer ökologischen Aufwertung verbunden werden", sagt Heinz-Dieter Franke.

Wenn die Auffrischung der Population gelingt, könnte es in Zukunft auch wieder möglich sein, mehr Hummer als heute aus dem Meer zu fischen. Nur den Hummer fragt keiner: Der würde auf die Aussicht im Kochtopf wohl gerne verzichten.

Dieser Artikel stammt aus "natur" 1/2014, dem Magazin für Natur, Umwelt, nachhaltiges Leben.



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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
captnali 13.01.2014
1. Die Jahrzehnte, in denen vor Helgoland
Dünnsäure der Titanwerke Nordenhams verklappt wurden, haben dem Ökosystem Helgolands nicht geschadet?
Cubakrise 13.01.2014
2.
Sehr schöner Artikel, nur möchte ich gerne darauf hinweisen, dass Sie einen ganz entscheidenden Faktor nicht erwähnt hatten. Und zwar den Taschenkrebs, der sich seit einigen Jahren rund um Helgoland massiv ausbreitet und dem Helgoland-Hummer, gerade in der sensiblen Häutungsphase extrem zusetzt. Dieser Teil ist, wenn auch bislang noch nicht nachgewiesen, zumindest ebenso spekulativ wie die Nachkriegsauswirkungen und wird im Helgoländer Aquarium ebenso vermittelt, wie im AWI selbst. Darum halte ich diesen Aspekt für einen wichtigen Bestandteil.
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