Helles Fell Mutation machte Mammuts blond

Sie gehörten zu den größten Säugetieren, die jemals den Erdboden erzittern ließen. Ihre Stoßzähne waren lang, ihr zotteliges Fell braun. So jedenfalls dachte man bisher über Mammuts. Jetzt aber stellt sich heraus: Es gab die Rüsseltiere auch in Blond.

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In Trickfilmen und Büchern, in Zeichnungen und Actionfilmen sehen sie immer gleich aus: Mammuts sind braun, lautete eine der wenigen Gewissheiten über die Farbgebung längst ausgestorbener Tierarten. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit, wie ein internationales Forscherteam unter deutscher Leitung jetzt per Erbgut-Analyse festgestellt hat.

Helles und dunkles Mammut (Zeichnung): Die gleiche Genveränderung hat bei Mäusen und Rüsseltieren einen ähnlichen Effekt
Science

Helles und dunkles Mammut (Zeichnung): Die gleiche Genveränderung hat bei Mäusen und Rüsseltieren einen ähnlichen Effekt

Experten hatten bereits seit längerem den Verdacht, dass zumindest in Sibirien nicht alle Mammuts braun waren: Im Permafrostboden hatten sie sowohl dunkle als auch helle Mammuthaare gefunden. Das führte zu der Vermutung, dass bei den Rüsseltieren das sogenannte Melanocortin-Typ-1-Rezeptorgen, kurz MC1R, in zwei Varianten vorgekommen war. Das Gen bestimmt bei Säugetieren zusammen mit anderen Erbinformationen die Haut- und Fellfarbe. Auch bei Menschen tut es das: Die Variante, die Mammuts blond macht, gibt Menschen rotes Haar und helle Haut.

Nur war es mit den bisher verfügbaren Methoden nicht möglich, das vollständige Erbgut ausgestorbener Tiere zu untersuchen. Diese Hürde haben die Forscher des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie und der Universität in Leipzig nun genommen: Mit einer Kombination zweier Techniken gelang es ihnen, die kurzen Bruchstücke des MC1R-Gens eines rund 43.000 Jahre alten Mammuts aus Sibirien zu einem vollständigen Gen zusammenzusetzen.

Vorteile dank blonder Haarpracht?

Erstmals überhaupt sei es gelungen, ein Gen aus dem Zellkern der ausgestorbenen Elefantenart vollständig zu rekonstruieren, schreiben die Forscher um Holger Römpler und Michael Hofreiter im Fachblatt "Science". Um die DNA aus dem Knochen herauszulösen, verwendeten die Wissenschaftler mindestens 30 Mal mehr Knochensubstanz als üblich. Die konzentrierten DNA-Bruchstücke vervielfältigten sie mit Hilfe der sogenannten Multiplex-Polymerase-Kettenreaktion. Dank der Kombination beider Techniken konnten die Wissenschaftler die beiden MC1R-Varianten im Erbgut der Mammuts entdecken.

Eine zweite, ebenfalls in der aktuellen "Science"-Ausgabe erschienene Studie von US-Forschern ergab, dass hellhaarige Weißfußmäuse an derselben Stelle wie die Mammuts eine leicht veränderte Abfolge der MC1R-Bausteine haben. Die blonden Mäuse seien deshalb im Sand besser vor den Blicken von Eulen und Falken geschützt als ihre dunkelhaarigen Artgenossen.

Ob und was die Mammuts von ihrer blonden Mähne hatten, wird wohl im Reich der Spekulation bleiben. Ein Überlebensnachteil jedenfalls war die helle Haarpracht offenbar nicht: Die Forscher hatten das entsprechende Gen bei zwei Mammuts gefunden, deren Lebenszeiten mehrere zehntausend Jahre auseinander lagen. "Hätte der Gendefekt einen Fortpflanzungsnachteil bedeutet, hätte er sich nicht so lange gehalten", erklärte Hofreiter im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Mammut-Wiedergeburt bleibt ein Hollywood-Traum

Die neue Methode zur Erbgut-Rekonstruktion könnte in ihrer Bedeutung weit über die Haarfarbe von Mammuts hinausreichen. Die Forscher erhoffen sich völlig neue Erkenntnisse über das Aussehen längst ausgestorbener Tiere, denn Fossilien liefern in dieser Hinsicht nur spärliche Informationen.

Mit der Technik sei auch die Rekonstruktion des kompletten Erbguts von Mammuts möglich, meint Hofreiter. Die in manchen Hollywood-Filmen gern beschworene Auferstehung ausgestorbener Riesen aber hält er nach wie vor für eine amüsante Phantasie. "Der nächste Verwandte des Mammuts ist der asiatische Elefant", sagt Hofreiter. "Die beiden stehen sich genetisch in etwa so nahe wie der Mensch dem Schimpansen."

Das Erbgut eines Mammuts in eine Elefanten-Eizelle einzuschleusen würde wohl schon daran scheitern, dass Eizellen von Elefanten ziemlich selten sind. Mit der Zahl verfügbarer Labormaus-Zellen können sie jedenfalls nicht konkurrieren, und große Eizellmengen sind bei Klon-Experimenten unverzichtbar.

Das aber wäre nur das kleinste Problem. "Versuchen Sie mal, einen Schimpansen genetisch zu einem Menschen umzumodeln", meint Hofreiter. "Mehr muss man eigentlich gar nicht sagen."

Mit Material von dpa und ddp



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