Maisfressender Schädling Die kriechende Gefahr

Innerhalb kürzester Zeit hat sich der Herbst-Heerwurm über weite Teile Afrikas ausgebreitet - und bedroht Hunderttausende Hektar Mais. Die Raupe könnte von dort bis nach Deutschland kommen. Was macht sie so gefährlich?

CABI/DPA

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


In den USA und Brasilien ist der Herbst-Heerwurm ein alter Bekannter. Die wenige Zentimeter große Raupe hat es dort seit jeher auf Mais und andere Kulturpflanzen abgesehen - und Bauern versuchen seit jeher, sie zu bekämpfen.

Doch nun hat der Herbst-Heerwurm den Sprung über den Atlantik geschafft. In wenigen Monaten hat sich die Raupe von Westafrika bis nach Südafrika ausgebreitet und bedroht die Versorgung mit Nahrungsmitteln auf dem Kontinent.

"Was uns besonders beunruhigt, ist, dass die Hauptproduzenten von Mais betroffen sind", sagt David Phiri, der Koordinator der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) für das südliche Afrika. In einer Krisensitzung hat die FAO in dieser Woche über Maßnahmen beraten.

Was macht den Heerwurm so gefährlich? Und wie könnte er nach Europa gelangen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ist der Herbst-Heerwurm?

Zunächst einmal kein Wurm, sondern ein Insekt. Im Endstadium handelt es um eine braune Motte. Sorgen bereitet den Bauern und Experten jedoch die Raupenform des Herbstwurms, denn sie verursacht die größten Schäden an den Pflanzen. Die Raupe ist etwa drei bis vier Zentimeter lang.

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Heerwurm: Gefräßiger Schädling mit Vorliebe für Mais

Wie ist das Insekt nach Afrika gekommen?

Heimisch ist der Herbst-Heerwurm in Nord- und Südamerika und dort auch schon lange als Schädling bekannt. Wissenschaftler vermuten, dass er per Flugzeug von dort nach Westafrika eingeschleppt wurde. "Wir wissen, dass die Weibchen ihre Eier nicht nur auf Pflanzen, sondern auch auf anderen Gegenständen ablegen", sagt Matthew Cock vom Centre for Agriculture and Biosciences International (CABI) in England. Die Tiere könnten so als blinde Passagiere auf einem Linienflug mitgeflogen sein.

Auch Warentransporte sind eine Möglichkeit. Die EU entdeckt bei Kontrollen von frischem Gemüse und Schnittblumen aus Südamerika immer wieder Heerwürmer - für das Jahr 2016 sind acht solcher Fälle bekannt.

Mittlerweile sind mindestens zehn Länder in Afrika betroffen, darunter Ghana und Nigeria in Westafrika und mehrere Länder im südlichen Afrika. Auch der größte Maisproduzent der Region, Südafrika, kämpft mit dem Schädling.

Was macht die Raupe so gefährlich?

Der Herbst-Heerwurm ist hungrig, vermehrt sich schnell und breitet sich rasch aus. Heerwürmer fressen fast alles. Neben ihrer Lieblingsspeise Mais verputzen die Tiere mehr als 80 weitere Pflanzen, darunter Hirse, Sojabohnen, Erdnüsse und Kartoffeln.

Bei Mais sind die Auswirkungen besonders desaströs. Junge Pflanzen sterben komplett ab. Bei älteren Pflanzen fressen sich die Tiere durch die Maiskolben und zerstören so die Ernte. Das Tückische: Der Herbst-Heerwurm zerstört den Mais von innen heraus. Bauern erkennen den Schädling deshalb erst spät.

Je nach Schwere des Befalls gehen zwischen 15 und 73 Prozent der Ernte verloren. "Wie groß die Verluste in Afrika sein werden, lässt sich noch nicht abschätzen", sagt Ken Wilson vom Lancaster Environment Centre.

Haben die Tiere ein Feld leer gefressen, kriechen sie in Gruppen weiter. Daher hat das Insekt auch seinen Namen, denn diese Bewegung erinnert an ein Heer von Soldaten.

Können die Tiere nach Deutschland kommen?

Im Prinzip ja, denn Herbst-Heerwürmer legen große Entfernungen zurück. In ihrer Heimat Amerika überwintern die Tiere in wärmeren Gegenden. Im Sommer breiten sie sich dann regelmäßig über die USA bis in den Süden Kanadas aus. Die erwachsenen Tiere können fliegen und nutzen Winde, um schneller voranzukommen. Aufzeichnungen zeigen, dass Herbst-Heerwürmer die Strecke von Mississippi bis nach Kanada - rund 1200 Kilometer - in 30 Stunden zurückgelegt haben.

Solche Wanderungen seien auch von Nordafrika über Südeuropa bis nach Mitteleuropa denkbar, sagt Biowissenschaftler Cock. "Die Sahara ist ein Hindernis", so der Forscher. Über den Sudan könnten die Tiere jedoch bis zum Nildelta in Ägypten kommen und von dort aus starten. "Es ist schwer abzuschätzen, wie wahrscheinlich das ist und wie lange es dauert", sagt Cock.

Derzeit sehe man keine konkrete Gefahr für Deutschland, sagt die Sprecherin des Julius-Kühn-Instituts für Pflanzengesundheit. Man sei aber "wachsam".

Dass Herbst-Heerwürmer auch in Deutschland überleben, zeigte sich im August 1999: Damals wurden in Baden-Württemberg 40 befallene Maispflanzen entdeckt. Die Tiere waren auf Maiskolben aus den USA eingereist. Es ist der einzige registrierte Befall in Deutschland.

Tatsächlich macht das deutsche Wetter dem Tier zu schaffen: Um sich zu vermehren, benötigen Herbst-Heerwürmer Temperaturen über zehn Grad Celsius. Bei Frost sterben sämtliche Stufen ab, von den Eiern bis zum erwachsenen Tier.

Was kann man gegen den Herbst-Heerwurm tun?

In Nord- und Südamerika wurden in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Mittel gegen den Herbst-Heerwurm entwickelt:

  • Widerstandsfähige Pflanzen: Es gibt Maiszüchtungen, die besser mit dem Herbst-Heerwurm klarkommen, insbesondere durch widerstandsfähige Blätter. Solche Züchtungen könnte man mittelfristig auch in Afrika pflanzen - wenn sie unter den dortigen klimatischen Bedingungen wachsen.
  • Sand: Es gibt Berichte, dass ein Gemisch aus Sand und Erde die Raupen tötet, wenn man es auf eine bestimmte Stelle der Maispflanze streut. "Wir wissen nicht, warum das funktioniert", sagt Cock. Aber das könne eine einfache, harmlose Möglichkeit sein.
  • Genveränderte Pflanzen: In den USA und Brasilien nutzen Bauern eine genveränderte Maissorte, die ein Gift produziert, das den Herbst-Heerwurm tötet. Eine Studie zeigt jedoch, dass die Raupen dagegen bereits nach wenigen Jahren Resistenzen entwickeln.
  • Pestizide: Mehrere Chemikalien töten den Herbst-Heerwurm. Auch hier zeigen sich jedoch bereits Resistenzen. "Wir müssen herausfinden, welche Resistenzen die Herbst-Heerwürmer in Afrika schon haben", sagt Cock. Erst dann könne man gezielt Mittel einsetzen.
  • Pheromone: Die Botenstoffe sind zentral bei der Fortpflanzung der Tiere. Mit ihrem Einsatz könnte ihre Vermehrung gestoppt oder zumindest verlangsamt werden.
  • Fressfeinde: Auf dem amerikanischen Kontinent leben mehrere natürliche Fressfeinde der Herbst-Heerwürmer. "Man könnte überlegen, diese gezielt nach Afrika zu bringen", sagt Cock.

All diesen Varianten zum Trotz wird der Herbst-Heerwurm in Afrika bleiben. "Ihn komplett auszurotten, ist unmöglich", sagt Cock. "Dafür ist er einfach schon zu weit verbreitet."

Zusammengefasst: Der Herbst-Heerwurm - ein Insekt - hat sich in den vergangenen Monaten über weite Teile Afrikas ausgebreitet. Das Tier ist so gefährlich, weil es Ernten zerstört, sich schnell vermehrt und weite Strecken zurücklegen kann. Experten halten daher eine Ausbreitung von Nordafrika bis nach Mitteleuropa für möglich - konkreten Grund zur Sorge sehen sie aber nicht.



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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
quark2@mailinator.com 16.02.2017
1.
Vielleicht sollten wir mal aufhören, Mais als Bio-Kraftstoff-Monokultur anzubauen. Zum einen zeigten ja Untersuchungen, daß das Zeug eh kaum was bringt, zum anderen ist es schlecht für Tiere und nun hilft es auch noch bei der Verbreitung von Schädlingen (wie eigentlich jede Monokultur einschließlich geupdateten Betriebssystemen, aber das ist ein anderes Thema). Verrückterweise sind die Ökos, die den Bio-Treibstoff fordern die gleichen Leute, die was gegen Monokulturen haben müßten. Wenn man doch nur mal mit mehr Augenmaß und weniger Extremismus leben könnte. Ansonsten ist das alles natürlich mal wieder großer Mist.
tradepro 16.02.2017
2. 30 Tage
1200 km eventuell in 30 Tagen aber nie und nimmer in 30 Stunden. Habt ihr denn kein Gefühl für Größenordnungen?
bücherwurm24 16.02.2017
3. Kein Grund zu Sorge?
Ich finde die Aussage es gibt keinen Grund zu Sorge sehr kurz gedacht und gar egoistisch. In Afrika trägt der Verlust der Ernte zu weiterer Armut und Hunger bei und kann Existenz bedrohend sein. Der Wurm selbst wird uns nicht tangieren, die Auswirkungen schon, wenn durch Hunger und Not Afrikaner an unsere Tür klopfen, Hilfe brauchen oder ihre Heimat verlassen um in eine vermeintlich bessere Zukunft zu flüchten.
drittschuldner 16.02.2017
4. Monsanto-Eigner waren nicht dumm
Dieser Fall ist doch nur eines von vielen möglichen Beispielen, wenn es um das Zurückschlagen jenes Pendels geht, das durch Wahlzucht und Versklavung von Pflanzen und Tieren immer nur "kurzzeitig" in eine Richtung gedrückt werden kann. Da könnte man jeden Tag ein neues Thema aufmachen, nicht nur mit Insekten sondern noch besser z.B. mit bestimmten Extrem-Pilzen wie Schwarzrost ug99 oder die neuesten Varianten von Phytophthora infestans (Kartoffelfäule). Umso stärker gedrückt wird, desto heftiger wird eben der spätere Rückschlag. Deswegen hat doch auch z.B. US-Monsanto wesentliche Geschäftsanteile einschließlich vieler Patente über Gv-Mais an den "doofen" Bayer-Konzern verkauft. Die Amis sind nicht so dumm sich ein Zukunftsgeschäft wegschnappen zu lassen. Sondern sie haben halt mittlerweile kapiert, dass das gesamte Konzept ein Strohfeuer ist, weil egal wie aggressiv man sich mit Wahlzucht, Gentechnik u.ä. gegen die natürlichen Abläufe stemmt, man am Ende nur verlieren kann.
Grummelchen321 16.02.2017
5. eine
Möglichkeit diese Tierchen zu bekämpfen könnten Kermkeulen sein .Pilze die sich insekten als wirte ausgesucht haben.
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