Himalaja-Schmelze: Uno-Klimarat gibt Fehler bei Gletscher-Prognose zu
Der Uno-Klimarat IPCC räumt Fehler ein: Die Prognose, die Gletscher im Himalaja könnten bis 2035 komplett verschwinden, sei wissenschaftlich nicht fundiert. Das Gremium will nun prüfen, wie es zu der peinlichen Panne kommen konnte.
Genf/Neu Delhi - Das rapide Abschmelzen der Himalaja-Gletscher wird immer wieder als eine der bedrohlichsten Folgen der globalen Erwärmung genannt. Schon bis zum Jahr 2035, so hatte es im letzten Sachstandsbericht des Uno-Klimarats IPCC geheißen, könnten sie komplett verschwunden sein. In diesem Fall wäre die Wasserversorgung vieler Millionen Menschen in Asien akut gefährdet.
Am Montag aber waren Vorwürfe laut geworden, der IPCC habe bei dieser Prognose geschlampt. Das hat das Gremium jetzt bestätigt: In einer am Mittwoch in Genf veröffentlichten Erklärung heißt es, dass "wenig fundierte" Schätzungen über die Geschwindigkeit der Gletscherschmelze am Himalaja in den Bericht eingegangen seien. Der Vorfall zeige, dass die Qualität des Berichts von der absoluten Einhaltung der IPCC-Standards abhänge. Hierzu gehöre auch die umfassende Überprüfung der "Qualität und Stichhaltigkeit jeder Quelle, bevor Ergebnisse dieser Quelle in einen IPCC-Bericht kommen". Zugleich verteidigte der Weltklimarat seine Gesamtthese, wonach die Gletscher in Bergketten in Asien und Lateinamerika im 21. Jahrhundert schneller schmelzen als zuvor.
In der kritisierten Passage des Berichts hatte es geheißen, dass die Himalaja-Gletscher bis 2035 höchstwahrscheinlich vollständig verschwunden sein werden. Recherchen des österreichischen Experten Georg Kaser, der selbst einer der führenden Autoren des IPCC-Berichts von 2007 war, hatten ergeben, dass es keinen wissenschaftlich fundierten Beleg für diese Prognose gab. Offenbar basierte sie auf einem Zahlendreher: Ein russischer Forscher hatte - allerdings auch nur aufgrund einer groben Schätzung - vermutet, dass bis zum Jahr 2350 vier Fünftel des Himalaja-Eises verschwunden sein könnten.
Indischer Forscher: Die Journalisten sind schuld
Als weitere mutmaßliche Quelle der falschen Prognose wird ein Artikel im populärwissenschaftlichen Magazin "New Scientist" genannt, der über einen Bericht der Umweltorganisation WWF in den IPCC-Bericht gelangt sein soll. Die Journalisten des "New Scientist" hatten den indischen Gletscherforscher Syed Hasnain für den Artikel befragt. Der aber erklärte am Mittwoch, er habe weder in einem Interview noch in einer Publikation je ein bestimmtes Jahr oder Datum im Zusammenhang mit der Gletscherschmelze am Himalaja genannt. Das Jahr 2035 sei ihm ohne sein Wissen nachträglich "untergeschoben" worden. Hasnain räumte aber ein, er habe möglicherweise angedeutet, dass die meisten Gletscher bis zur Mitte des Jahrhunderts abgeschmolzen sein könnten.
Der IPCC teilte nun mit, dass er die Prognose prüfen und sie gegebenenfalls zurückziehen werde. Rajendra Pachauri, Chef des Gremiums, verteidigte den IPCC-Bericht insgesamt. Selbst wenn die Prognose für das Jahr 2035 falsch sei, gebe es an der Existenz des Klimawandels und seiner Folgen nichts zu deuteln. Die wissenschaftliche Beweislage dafür sei "überwältigend".
Wissenschaftler befürchten nun, dass die Gletscher-Panne die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung in der Öffentlichkeit erneut schmälern könnte. Erst vor kurzem hatten Hacker zahlreiche E-Mails von Wissenschaftlern von einem Server der britischen University of East Anglia gestohlen und veröffentlicht. Hinweise auf eine systematische Verzerrung von Daten, so wie es Leugner des menschgemachten Klimawandels gehofft hatten, gab es in den Mails nicht. Dennoch warf die Angelegenheit kein gutes Licht auf einige der vom Datendiebstahl betroffenen Forscher.
Der indische Glaziologe Hasnain sieht sich selbst und seine Kollegen als Opfer einer "Verleumdungskampagne gegen Wissenschaftler, die die Folgen des Klimawandels bewiesen haben". Auch der indische Umweltminister Jairam Ramesh hatte dem IPCC wiederholt vorgeworfen, die Himalaja-Prognose "ohne einen Hauch von wissenschaftlichem Beweis" erstellt zu haben. Gleichwohl räumte auch er ein, dass der Zustand der Gletscher im höchsten Gebirge der Welt Anlass zur Sorge biete.
mbe/AFP/DAPD
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- Mittwoch, 20.01.2010 – 14:16 Uhr
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Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.
Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...
Der Report basiert auf Hunderten Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. Am letzten Bericht des IPCC haben 2500 Experten sechs Jahre lang gearbeitet.
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