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Hiobsbotschaft: Kahlschlag im Regenwald schlimmer als erwartet

Die Amazonaswälder schrumpfen doppelt so stark wie bisher angenommen. Schuld sind bislang nicht berücksichtigte Fällungen einzelner Bäume, die immer mehr Löcher in die Wälder reißen – mit fatalen Folgen für kleinere Pflanzen, Jungbäume und das Klima.

Bislang galten großflächige Rodungen als größte Bedrohung für die tropischen Regenwälder. Doch sie sind nur ein Teil des Problems, wie ein internationales Forscherteam jetzt bei der Auswertung von Satellitenfotos der Amazonasregion herausgefunden hat. Etwa genauso groß sind die Schäden, die durch selektiven Holzschlag entstehen, berichten Michael Keller vom U.S. Department of Agriculture Forest Service und seine Kollegen im Magazin "Science" (Bd. 310, S. 480).

Regenwald in Südamerika: Rote Flecken zeigen selektiven Holzeinschlag
Carnegie Institution of Washington/NASA

Regenwald in Südamerika: Rote Flecken zeigen selektiven Holzeinschlag

"Der Wald sieht wie ein Schweizer Käse aus", beklagt Keller. Eine neuartige Auswertung von Satellitenaufnahmen habe es ermöglicht, erstmals auch ausgedünnte Waldflächen zu erfassen und damit die Folgen des selektiven Holzeinschlages zu messen.

Beim selektiven Einschlag geht es um ausgewählte, wirtschaftlich interessante Bäume. Dabei fällen oder zerstören Forstarbeiter häufig weitere Bäume, die im Weg stehen. Besonders gefährlich ist nach Kellers Angaben die fehlende Kontrolle. Es würden oft zu viele Bäume gefällt und viel zu viele kleinere Bäume und niedrigere Vegetation vernichtet. Etwa 20 bis 30 Prozent des Blätterdaches des Regenwaldes gingen verloren. In der Folge werde der Regenwald durch die Sonneneinstrahlung wärmer, trockener und wesentlich anfälliger für verheerende Waldbrände. Auch die einzigartige Pflanzen- und Tierwelt werde viel stärker als notwendig in Mitleidenschaft gezogen.

Nach Berechnungen des Wissenschaftlerteams ist die Größe der vollständig gerodeten und durch Holzeinschlag schwer geschädigten Flächen im Zeitraum von 1999 bis 2002 um 60 bis 128 Prozent größer gewesen als bisher bekannt. Dadurch werde die Atmosphäre auch mit 25 Prozent mehr Treibhausgas Kohlendioxid belastet als angenommen, schreiben die Forscher.

Jährlich gehen weltweit schätzungsweise 16 Millionen Hektar tropischer Regenwald verloren - das entspricht etwa der halben Fläche Deutschlands. Das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Welt liegt im etwa sieben Millionen Quadratkilometer großen Tiefland des Amazonas. Die Wälder gelten als grüne Lunge des Planeten, weil sie bei der Photosynthese der Atmosphäre gigantische Mengen Kohlendioxid entziehen und in Sauerstoff, Glukose und Wasser umwandeln.

Holzfäller: 25 Prozent mehr Kohlendioxid
Carnegie Institution of Washington/NASA

Holzfäller: 25 Prozent mehr Kohlendioxid

Erst im Mai hatten neue Erkenntnisse über den rapiden Rückgang der Regenwälder die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Das brasilianische Umweltministerium hatte damals mitgeteilt, dass von August 2003 bis August 2004 mindestens 26.130 Quadratkilometer Urwald vernichtet worden seien. Berücksichtigt wurden hier aber nur die nach einem Kahlschlag vollständig gerodeten Waldflächen.

Im Jahr 2002 hat die brasilianische Regierung das "Amazon Protected Areas Programm" (Arpa) ins Leben gerufen. Arpa wird auch vom WWF Deutschland, der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und der Kreditanstalt für Wiederaufbau unterstützt. Ziel ist es, mindestens 50 Millionen Hektar Schutzgebiete zu schaffen.

Der WWF hält dies allerdings für völlig unzureichend, um den Kahlschlag zu stoppen. Der Regenwald müsse genutzt werden, ohne ihn zu zerstören, fordern die Umweltschützer.

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