Historische Waffen Stein oder nicht Stein?

Welche Spitze ist die tödlichste: Waffen basteln für die Forschung
Jayne Wilkins/ Benjamin Schoville/ Kyle Brown

Welche Spitze ist die tödlichste: Waffen basteln für die Forschung


Mit welchem Speer tötet man am besten ein großes Tier? Warum die Menschen ihre Waffen im Laufe der Geschichte mal aus Holz und mal aus Stein fertigten, klärten Forscher, indem sie selbst Speere warfen. Ihr Ziel: ein Block Gelatine.

Die Jagd auf große Tiere mit Speeren erfordert einiges Geschick. Der Jäger muss treffsicher sein und gleich mit dem ersten Stoß das Tier so schwer verwunden, dass es in seiner Bewegung beeinträchtigt wird. Seine Waffe muss stabil sein, damit sie nicht bricht oder an der Haut des Tieres abgleitet. Und der Speer muss sich leicht wieder herausziehen lassen, damit er für einen weiteren Stoß zur Verfügung steht. Jayne Wilkins von der Arizona State University und Kollegen fragten sich, welche Art von Speer wohl am besten dafür geeignet sei: ein angespitzter Holzspeer oder ein Speer, bei dem nur der Schaft aus Holz, die Spitze dagegen aus Stein gefertigt ist? Das Ergebnis ihrer Experimente veröffentlichten sie im Fachmagazin "Plos One".

Holz oder Steinspitze?

Im Laufe der Geschichte bevorzugten die Menschen ganz unterschiedliche Waffen. So jagten sie beispielsweise im niedersächsischen Schöningen in der Altsteinzeit mit Holzspeeren. In der Mittleren Steinzeit im äthiopischen Gademotta bevorzugten sie dagegen Speere mit einer Spitze aus Stein. Zu anderen Zeiten griffen sie dann aber wieder auf die komplett hölzerne Variante zurück. Beide haben ihre Vor- und Nachteile. Einen Speer mit einer Steinspitze zu versehen, erfordert erheblich mehr technisches Können und Arbeitsaufwand - denn der Stein muss gesucht, bearbeitet und fest auf die Spitze montiert werden. Im fertigen Zustand ist er dann wesentlich anfälliger für Brüche - und das nicht erst beim Jagdeinsatz, sondern bereits beim Transport. Die potenzielle Bruchstelle zwischen Schaft und Spitze macht es auch wahrscheinlicher, dass die Waffe nur einen einzigen Stoß übersteht und kein zweites Mal verwendet werden kann. Was also macht die steinerne Spitze dann so attraktiv, dass sich doch immer wieder Jäger dafür entschieden haben?

Experimente haben diese Frage in der Vergangenheit noch nicht zufriedenstellend klären können, auch wenn verschiedene Forscher sich alle Mühe gaben. Sie warfen Speere mit und ohne Steinspitzen auf Elefantenkadaver, tote Hunde, Ziegen oder junge Hirsche. Zusammengenommen betrachtet brachten die Ergebnisse jedoch weder der einen noch der anderen Waffenart den Vorteil. Dafür hatten noch viele andere Faktoren Einfluss auf das Ergebnis. Mit wieviel Kraft wurde der Speer geworfen? Und aus welcher Entfernung? Traf er auf Knochen oder weiches Gewebe?

Schuss in den Glibberblock

Ihre Zielscheibe besorgten sich Wilkins und Kollegen nicht beim Abdecker, sondern bei einem Händler für Pferdesport- und Reitbedarf: Gelatine. Mit einem elektrischen Farbmixer rührten sie das Gelatinepulver mit Leitungswasser an und stellten es anschließend für 20 bis 24 Stunden in den Kühlschrank. Das Ergebnis: schön feste Gelantineblöcke mit gleichmäßiger Konsistenz. Damit auch die Stoßstärke stets gleich blieb, konstruierten sie einen kalibrierten Bogen. Dazu montierten sie zwei Bögen der Marke Lil' Sioux Jr. auf eine Metallplatte und setzten die Konstruktion auf einen hölzernen Bock. Ein fest installierter Laserpointer half, die Mitte der Gelatineblöcke genau anzupeilen.

Zum Schluss montierten die Forscher noch eine digitale Federwaage. So konnten sie gewährleisten, dass jeder Stoß mit einer Kraft von genau 20 Kilogramm ausgeführt wurde. Die erzeugte Geschwindigkeit lag dann zwischen 8,9 und 9,4 Metern pro Sekunde - genau zwischen der eines Messerstichs (5,8 Meter pro Sekunde) und der eines geworfenen Speeres (17 bis 27 Meter pro Sekunde).

Auch die Speere waren genormt, und zwar nach dem Vorbild der Schöninger Speere. Wilkins und Kollegen fertigten sie allerdings abweichend von den altsteinzeitlichen Originalen aus Weidenholz, nicht aus Fichte. Auf fünf der insgesamt zehn Speere befestigten sie Steinspitzen - mit Zweikomponentenkleber. Jeden der Speere stießen die Forscher nun jeweils fünf mal in einen Gelatineblock.

Tödlicher Wurf

Die Glibberblöcke erwiesen sich als hervorragende Zielscheiben - denn so konnten die Forscher nicht nur die Tiefe der Penetration konnten bestimmen, sondern auch das Ausmaß der Zerstörung, die dabei angerichtet wurde. Das Ergebnis war zunächst eindeutig: Die Speere mit Holzspitze drangen etwas tiefer ein, und zwar im Schnitt 22 Zentimeter. Die Speere mit Steinspitze kamen nur 20 Zentimeter tief. Allerdings sind diese zwei Zentimeter nicht relevant, wenn es darum geht, ein großes Tier zu töten. Als Daumenregel gilt: Alles, was mindestens 20 Zentimeter tief eindringt, beendet das Leben des Opfers. Trotzdem erwiesen sich die Speere mit den Steinspitzen als tödlicher - denn sie rissen größere Wunden. Sowohl die Größe der Eintrittswunde selber als auch der Umfang des zerstörten Gewebes im Inneren der Wunde übertrafen deutlich die Holzspeerverletzungen.

Im Zweifelsfall beendete ein Speer mit Steinspitze das Leben des Opfertieres also schneller. Denn der Blutverlust und der Schaden an Muskeln und Sehnen war deutlich schwerwiegender. "Eine Steinspitze an einen Holzstab zu kleben war eine wichtige Erfindung, die das Leben der steinzeitlichen Menschen dramatisch veränderte", schreibt Wilkins. "Menschen mit Steinspitzen-Speeren hatten effektivere Möglichkeiten, das Wild zu töten - und konnten sich so öfter und regelmäßiger hochwertige Nahrung beschaffen."



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15 Leserkommentare
derigel3000 04.09.2014
Polyprion 04.09.2014
dfb65 04.09.2014
der:thomas 04.09.2014
ali.wie.brecht 04.09.2014
Tiananmen 04.09.2014
Tiananmen 04.09.2014
visitor_2007 04.09.2014
braunbaer2003 04.09.2014
Tiananmen 04.09.2014
Deep_Thought_42 04.09.2014
roklu 04.09.2014
der:thomas 05.09.2014
Oberleerer 06.09.2014
betonklotz 06.09.2014

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