Hitze-Rangliste Wie heiß 2007 wirklich war

Subtropische Temperaturen in Moskau, 50 Grad in Indien und eine ungeheure Eisschmelze in der Arktis: Ist das Jahr 2007 auf Hitze-Rekordkurs? Zumindest in Deutschland könnte es einen neuen Spitzenwert geben, zeigen neue Berechnungen.

Von Volker Mrasek


Der Januar und der April waren so mild wie nie seit Beginn der weltweiten Wetteraufzeichnungen. Im Mai lastete eine beispiellose Hitzewelle auf West- und Zentralrussland, in Moskau schoss das Thermometer auf fast 33, in Indien zur selben Zeit sogar auf 45 bis 50 Grad. Im September beobachteten Satelliten weniger Meereis denn je in der Arktis.

Und dennoch: 2007 wird - obwohl es lange danach aussah - nicht als neues Rekordwärme-Jahr in die Klima- und Wettergeschichte eingehen. Darauf legt sich Phil Jones, Direktor der Klimaforschungsabteilung an der University of East Anglia im englischen Norwich, schon heute fest: "In unseren Aufzeichnungen wird 1998 das wärmste Jahr bleiben, gefolgt von 2005, 2003, 2002 und 2004", sagt der Umweltwissenschaftler auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Jones geht nach dem jetzigen Stand davon aus, dass 2007 "marginal wärmer" ausfällt als 2006 und das Vorjahr damit von Rang 6 unter den Top Ten verdrängen wird.

Vorhersage zu ungenau

Gemeinsam mit dem britischen Wetterdienst gibt Jones’ Arbeitsgruppe jeden Januar eine Temperatur-Vorhersage für die kommenden zwölf Monate heraus. 2007 sollte demnach zum neuen Rekordjahr werden. Die Briten erwarteten mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit, dass die globale bodennahe Mitteltemperatur um 0,54 Grad über dem Jahresdurchschnittswert von 14 Grad der Vergleichsperiode 1961-1990 liegen würde.

Heiße Zeiten: Abweichung von der Durchschnittstemperatur der Jahre 1961 bis 1990

Heiße Zeiten: Abweichung von der Durchschnittstemperatur der Jahre 1961 bis 1990

Hätte die Prognose gestimmt, wäre 1998 als Rekordhalter (0,52 Grad über dem Mittel) entthront worden. Doch offenbar haben sich die Forscher geirrt. Nach Berücksichtigung der faktischen Witterungsentwicklung bis einschließlich September rechnen sie jetzt nur noch mit einem Temperaturüberschuss von 0,42 Grad – zu wenig für die Pole-Position.

Durchkreuzt wird die Prognose von der stärksten natürlichen Klimaschwankung, die sich auf der Erde episodisch einstellt – dem Wechsel zwischen einer warmen ("El Niño") und einer kalten Phase ("La Niña") im tropischen Pazifik. "El Niño endete früher als erwartet, und jetzt haben wir eine ziemlich stark ausgeprägte La Niña, die große Mengen kalten Wassers an die Meeresoberfläche bringt und so die Tropen kühlt", erläutert Geert Jan van Oldenborgh, Physiker beim Königlich-Niederländischen Meteorologischen Institut in De Bilt.

Abkühlung dank La Niña

Die Klimaschaukel im tropischen Pazifik wirkt sich maßgeblich auf das globale Temperaturmittel aus. Nach Auskunft der Word Metorological Organization (WMO) ist das Oberflächenwasser des zentralen und östlichen Pazifiks derzeit bis zu anderthalb Grad kälter als gewöhnlich - und so werde es noch bis zum Frühling 2008 weitergehen. Damit ist La Niña so kräftig, dass sie für eine Weile den kontinuierlichen, Wärme fördernden Anstieg von Treibhausgasen wie Kohlendioxid und Lachgas kompensiert.

Die 10 heißesten Jahre in Deutschland seit 1901

Platz Jahr Mittlere Temperatur
1 2000 9,87 Grad
2 1994 9,71 Grad
3 1934 9,59 Grad
4 2002 9,56 Grad
5 2006 9,55 Grad
6 1990 9,49 Grad
6 1999 9,49 Grad
8 1989 9,48 Grad
9 1992 9,38 Grad
9 2003 9,38 Grad

Mittelwert 1961-1990: 8,24 Grad

Dieser Einfluss zeigt sich auch in den Daten der US-Raumfahrtbehörde Nasa. Dort führt man 2007 - bei einem Vergleich der ersten neun Monate - vorläufig als drittwärmstes Jahr nach 2005 und 1998. Dass sich 2007 wegen der andauernden La-Niña-Episode nicht mehr in der Rangliste verbessern wird, sei "wahrscheinlich richtig", sagt Makiko Sato vom Goddard Institute for Space Studies der Nasa in New York. Im Unterschied zu Phil Jones will sich der Physiker aber noch nicht festlegen. Man sei gerade dabei, die Oktober-Daten zu analysieren. "Dann werden wir sehen", sagt Sato.

Beide Forschergruppen werten im Prinzip die Temperaturdaten derselben, über den Globus verteilten Messstationen aus. Doch während die Briten es dabei belassen, bemüht sich das Nasa-Team, große weiße Flecken auf der Landkarte zu übertünchen: "Wir beziehen in unsere Analysen Temperaturabschätzungen für Gebiete ein, die bis zu 1200 Kilometer von der nächsten Messstation entfernt sind", erklärt Sato.

Eine solche, weitgehend instrumentenfreie Region ist etwa die Arktis, und die war vor zwei Jahren rekordmild. Daher rangiert das Jahr 2005 in der Nasa-Rangliste an erster Stelle - und nicht 1998 wie bei Phil Jones. "Wir berücksichtigen nur die Stationen im Meer rund um die Arktis", sagt der Klimaexperte, doch auch nach britischer Lesart ändert sich nichts am Temperatur-Trend der letzten zehn Jahre. Der sei positiv, also steigend, wenn auch statistisch noch nicht völlig abgesichert - "selbst mit 1998 als wärmstem Jahr".

Wie der Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC) in seinem aktuellen Sachstandsbericht darlegt, waren unter den vergangenen zwölf Jahren die elf bisher wärmsten der Aufzeichnungen - ein klares Indiz für den gegenwärtigen Klimawandel, der auch 2007 - trotz des verpassten Rekords - unverändert anhält.

In Deutschland ist 2007 noch auf Rekordkurs

In Deutschland ist das Ergebnis derweil noch offen. Hierzulande hält nach der Statistik des Deutschen Wetterdienstes (DWD) das Jahr 2000 den Wärmerekord mit einer Durchschnittstemperatur von 9,87 Grad Celsius. Sie lag um 1,63 Grad über dem Mittelwert der Jahre 1961 bis 1990. Auf Platz zwei rangiert zurzeit noch 1994 mit 9,71 Grad. Doch das laufende Jahr könnte sich dazwischenschieben – oder sogar den bisherigen Primus 2000 noch schlagen.

"Dazu müsste der November oder der Dezember anderthalb Grad wärmer sein als üblich", sagt Gerhard Müller-Westermeier, Leiter der nationalen Klimadatenauswertung beim DWD in Offenbach. Werden die beiden restlichen Monate des Jahres nicht wärmer als die üblichen 4 Grad im Novembermittel und 0,8 Grad im Dezembermittel, "dann landen wir bei 9,80 Grad Celsius", so der Meteorologe. Das würde auf jeden Fall für Platz zwei in der nationalen Wärme-Rangliste reichen.

Gefiebert wird wahrscheinlich bis zum Schluss. Das Europäische Zentrum für Mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) im englischen Reading geht davon aus, dass der Dezember in Mitteleuropa wärmer als gewöhnlich ausfallen könnte.



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