Hobbits in Indonesien Forscher entdecken neue Menschen-Art

Auf der indonesischen Insel Flores haben Forscher die Überreste einer bislang unbekannten Art der Gattung Mensch gefunden. Der Homo floresiensis war winzig und hatte ein sehr kleines Gehirn. Dennoch jagte er Drachen und Mini-Elefanten. Erst vor 13.000 Jahren verschwand der neu entdeckte Urmensch.

Von


Schädel des Homo floresiensis: "Ich bin völlig verblüfft"
Peter Brown

Schädel des Homo floresiensis: "Ich bin völlig verblüfft"

Die Dame war etwa einen Meter groß, ihr Kopf hatte die Größe einer Grapefruit. Sie und ihre Verwandten lebten von der Jagd: Miniaturausgaben des Urzeit-Elephanten Stegodon standen auf dem Speiseplan, Fledermäuse, Vögel - und gelegentlich möglicherweise ein Drache. Die Dame lebte vor 18.000 Jahren auf der indonesischen Insel Flores - und niemand weiß, wie sie dort hingelangte. All das macht sie zur größten prähistorischen Sensation der letzten 50 Jahre. Das Fachblatt "Nature" widmet dem Fund in seiner aktuellen Ausgabe gleich drei Artikel.

"Ich bin immer noch völlig verblüfft", sagt Mike Morwood von der University of New England im australischen Armidale, dessen Team dieses erste Exemplar des Homo floresiensis entdeckt hat. "Ich hatte damit gerechnet, dass wir Überreste von Homo erectus finden würden - aber damit nicht." Als Vorgeschichtler aus Australien und Indonesien im vergangenen Jahr plötzlich in sechs Meter Tiefe auf Teile eines Skeletts stießen, war schnell klar, dass man hier etwas Besonderes vor sich hatte. "Am Schädel konnte man gleich erkennen, dass es kein moderner Mensch war", so Morwood.

Bevor der Sensationsfund jedoch untersucht werden konnte, musste er zunächst vor der Vernichtung bewahrt werden. "Die Knochen waren nicht versteinert, sie hatten in etwa die Konsistenz von nassem Löschpapier", sagt Morwood. Schon ein Pinselstrich hätte sie zerstört. Die Gebeine mussten zunächst also mit größter Vorsicht freigelegt und anschließend drei Tage lang zum Trocknen liegen gelassen werden. Anschließend wurde das poröse Material mit Leim getränkt. Erst als der ausgehärtet war, konnten Schädel und Knochenreste nach Jakarta transportiert werden, um sie zu untersuchen und ihr Alter zu bestimmen.

Zwergenmensch und moderner Mensch: Schädel im Vergleich
Peter Brown

Zwergenmensch und moderner Mensch: Schädel im Vergleich

Dabei warteten neue Überraschungen. "Als ich die Größe des Gehirns vermessen hatte, fiel mir die Kinnlade herunter", erinnert sich der Paläoanthropologe Peter Brown, ebenfalls von der New-England-Universität. Das Hirnvolumen des Homo floresiensis betrug nur etwa 380 Kubikzentimeter. Das Gehirn des Homo erectus, der vor 1,8 Millionen Jahren auf der nahe gelegenen Insel Java auftauchte, ist doppelt bis viermal so groß. Der Homo sapiens, also der moderne Mensch, hat ein Hirnvolumen von 1250 bis 2000 Kubikzentimetern. Kein anderer Vormensch hatte ein vergleichbar kleines Gehirn wie der Homo floresiensis.

Waren die zwergenhaften Inselbewohner also dumm? Keineswegs, meint Peter Brown. Denn in der Höhle wurden neben dem Skelett und Überresten von fünf bis sieben weiteren winzigen Urmenschen auch verschiedene Steinwerkzeuge gefunden, Klingen, Keile und Ahlen. Man fand Überreste von Feuerstellen, verkohlte Knochen, Elefantenschädel mit Faustkeil-Splittern darin - und die Überreste eines Komodo-Warans, oder -Drachens, einer noch heute auf Flores und Komodo lebenden Riesenechse. "In der Höhle wurde Jagdwild zerlegt und gebraten", ist sich Mark Morwood sicher. "Ein so kleines Gehirn in Verbindung mit Werkzeuggebrauch - das erfordert eine neue Vorstellung von der menschlichen Evolution", glaubt Peter Brown. Offenbar sei die schiere Masse weit weniger wichtig als bislang angenommen, "es geht wohl um das Netzwerk, um die Art, wie Information sich im Gehirn ausbreitet".

Ausgrabungsstelle auf Flores: Geschrumpfter Homo erectus
Mike Morwood

Ausgrabungsstelle auf Flores: Geschrumpfter Homo erectus

Mindestens ebenso rätselhaft wie sein kleines Gehirn erschien den Wissenschaftlern zunächst die Körpergröße des Homo floresiensis. Bert Roberts, einer der Forscher, spricht nur noch von "den Hobbits". Verwandte aus der Region, allen voran der Homo erectus, waren deutlich größer, bis knapp 1,80 Meter. Das kleine Gehirn und der nur einen Meter lange Körper legten zunächst eine Verwandtschaft zum Australopithecus nahe, denn der war ähnlich kurz geraten. Aber er lebte in Afrika -und verschwand vor zwei bis drei Millionen Jahren. Außerdem sieht der Homo floresiensis diesem Ur-Afrikaner nicht besonders ähnlich. "Der Australopithecus hatte ein ziemlich riesiges Gesicht und große Zähne", sagt Peter Brown, "der Schädel, den wir jetzt gefunden haben, war eher menschenähnlich".

Bestimmte Merkmale der Nase, des Kiefers und andere Hinweise deuten in eine andere Richtung: Der Homo floresiensis, glauben Brown und Morwood, ist ein geschrumpfter Homo erectus. "Zwergenwuchs ist bei Tieren, die auf Inseln isoliert werden, schon lange bekannt", erklärt Brown. Auf Malta und Sizilien beispielsweise hat man Überreste von etwa ein Meter hohen Zwergelefanten gefunden. Sie schrumpften wohl im Lauf der Jahrtausende, weil die isolierte Insellage sie einerseits vor Raubtieren schützte und ein kleiner Körper andererseits weniger Energie verbraucht. Auch die Stegodon-Elefanten auf Flores waren vergleichsweise winzig.

Dort könnte also ein solcher evolutionärer Schrumpfprozess stattgefunden haben, glauben Morwood, Brown und ihre Kollegen. An einer anderen Stelle auf der Insel hat man vor einigen Jahren 800.000 Jahre alte Steinwerkzeuge gefunden. Diese könnten den größeren Vorfahren des Homo floresiensis gehört haben. Die erecti, die langen Kerls, verschwanden nach und nach, so die Vermutung. Die Zwerge mit den kleinen Gehirnen setzten sich durch. "Wir haben hier das erste deutliche Beispiel für einen solche Zwergenwuchs-Entwicklung bei menschlichen Wesen", ist sich Brown sicher.

Fundort der Skelette: "Konsistenz von nassem Löschpapier"
Mike Morwood

Fundort der Skelette: "Konsistenz von nassem Löschpapier"

Wie die Vorfahren der Dame aus der Liang-Bua-Höhle jedoch nach Flores kamen, ist vollkommen unklar. Die Entfernung zur nächsten Insel, Komodo, ist viel zu weit, um sie schwimmend zurückzulegen. Und obwohl es in dieser Region immer wieder Vulkanausbrüche und dadurch kurzzeitig auftauchende Landbrücken im Meer gab, konnten die Urmenschen Flores auf diesem Weg kaum erreichen. "Die Seegräben zwischen den Inseln sind einfach zu tief", sagt Brown.

Ein weiteres Rätsel: Hatte der Homo floresiensis Kontakt zu modernen Menschen? Fest steht, dass der Homo Sapiens schon vor mehr als 40.000 Jahren in der Region auftauchte, in Australien ebenso wie auf Borneo. Morwood ist sich sicher: "Bei einem so langen Zeitraum der Überlappung müssen sich die zwei Spezies irgendwann begegnet sein." Was der viel größere Homo sapiens jedoch mit seinem kleinen Vetter anstellte, ist unklar, "vielleicht hatten sie kaum Kontakt, vielleicht lebten sie in Symbiose, vielleicht jagten die einen die anderen", spekuliert Morwood. Weitere Ausgrabungen in der Region sollen Licht ins Dunkel bringen.

Ziemlich klar ist jedenfalls, was den Homo floresiensis auslöschte: ein Vulkanausbruch vor etwa 12.000 Jahren. Er ebnete den Regenwald, den natürlichen Lebensraum des Homo floresiensis, ein und rottete so die "Hobbits" ebenso aus wie ihr bevorzugtes Jagdwild, die Zwergelefanten.

Bleibt die Frage, wie ein Meter große Menschlein die bis zu drei Meter langen Komodo-Drachen jagen konnten, die auch Ziegen, Wasserbüffel und gelegentlich sogar Menschen anfallen. Ganz einfach, erklärt Mark Morwood: "Die Drachen sind am Morgen, wenn es kalt ist, ziemlich träge. Sie hätten einfach hingehen und sie mit einem Stein bewusstlos schlagen können."



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.