Höhere CO2-Werte Meere versauern stärker als angenommen

Mehr CO2 in der Atmosphäre heizt die Erde auf. Aber auch die Weltmeere leiden unter den steigenden CO2-Werten: Sie werden immer saurer, was Korallen und Muscheln schädigt. Die Versauerung ist stärker als gedacht und wird anhalten - selbst wenn der CO2-Ausstoß sofort gebremst würde.


Die Ozeanversauerung schreitet schneller voran als befürchtet - zumindest in einem Streifen bis zu 30 Kilometern vor der Westküste Nordamerikas. Das berichten Forscher um Richard Feely vom Pacific Marine Environmental Laboratory in Seattle im US-Bundesstaat Washington im Fachmagazin "Science".

Korallen: Zunehmende Versauerung des Wassers stört sie bei der Schalenbildung
AP / NOAA

Korallen: Zunehmende Versauerung des Wassers stört sie bei der Schalenbildung

Feely und seine Mitarbeiter hatten entlang der Westküste Nordamerikas Wasserproben genommen, von Kanada bis hinunter nach Mexiko, um die Versauerung in dieser Pazifikregion genauer zu untersuchen. Dort kommt es regelmäßig im Frühjahr zu einem Auftrieb des Tiefenwassers in Richtung des Kontinentalschelfs.

Seit etwa 250 Jahren ist der Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre infolge menschlicher Aktivitäten deutlich gestiegen. Die Folge davon ist die globale Erwärmung. Abgemildert wird diese dadurch, dass ein Teil des freigesetzten Kohlendioxids von den Ozeanen verschluckt wird. Seit Beginn der Industrialisierung hätten die Weltmeere rund ein Drittel der gesamten menschengemachten Kohlendioxid-Emissionen aufgenommen, berichten Feely und seine Kollegen. Die Meere wurden dadurch saurer.

Das hat fatale Folgen für zahlreiche Meeresbewohner wie Korallen, Muscheln und eventuell Plankton. Denn eine saurere Umgebung beeinträchtigt sie im Aufbau ihrer Kalk-Schalen und Skelette. Da Korallen, Muscheln und Plankton die Nahrungsgrundlage für viele Fische und andere Meerestiere sind, befürchten die Wissenschaftler drastische Folgen für das gesamte Ökosystem.

Bisher ist der pH-Wert, der angibt, wie sauer das Wasser ist, im Meer im Schnitt um 0,1 Einheiten gesunken. Ein niedriger pH-Wert zeigt saures Milieu an, ein hoher basisches. Beunruhigend an den Ergebnissen Feelys und seiner Kollegen ist: Das aufströmende versauerte Tiefenwasser ist rund 50 Jahre alt. Daher resultiert ein verzögerter Effekt - das zukünftig aufsteigende Tiefenwasser wird die atmosphärischen CO2-Anstiege der letzten 50 Jahre widerspiegeln.

Das zukünftige Wasser wird wohl noch saurer sein

"Als sich das aufgestiegene Tiefenwasser das letzte Mal an der Meeresoberfläche befand, war es einer Atmosphäre mit einem wesentlich geringeren CO2-Gehalt ausgesetzt als dem heutigen", sagte Burke Hales von der Oregon State University und Ko-Autor der Studie. "Das Wasser, das in Zukunft an den Küsten aufsteigen wird, ist bereits auf dem Weg zu uns - mit ständig steigendem CO2- und Säuregehalt."

Vor 50 Jahren lagen die atmosphärischen CO2-Level bei rund 310 ppm (parts per million), wie Wissenschaftler anhand von Untersuchungen von Eisbohrkernen ermittelt haben. Die heutige CO2-Konzentration in der Atmosphäre liegt bei 380 ppm. Die Forscher befürchten daher, dass zukünftig der pH-Wert des Ozeanwassers noch weiter fallen wird - selbst wenn der atmosphärische CO2-Gehalt sofort stabilisiert würde, so Hales. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte der pH-Wert noch um 0,4 Einheiten sinken, fürchten Fachleute.

Mangelnde Kenntnis über die Auswirkung der Versauerung beklagt auch die European Science Foundation. Es gebe tausende kalkbildender Organismen im Meer und gerade mal sechs bis zehn seien auf mögliche Folgen der Versauerung untersucht worden. Die Organisation weist zudem auf die möglichen wirtschaftlichen Folgen anhaltender Ozeanversauerung hin, etwa für das Fischereiwesen oder die Tourismusindustrie. Derzeit sei es wesentlich herauszufinden, bis zu welchem Punkt Veränderungen des pH-Wertes des Meeres noch tolerabel seien. Bisher geht man von einer pH-Verschiebung von 0,2 Einheiten aus - ein Wert, der in 30 Jahren bereits erreicht sein könnte.

lub/dpa

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.