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Landverlust: Sylts Südspitze bricht ab

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Hörnumer Odde: Der schwindende Süden Fotos
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Sylt droht der Zerfall: Die Südspitze der Insel haben die Bewohner aufgegeben, sie steht offenbar kurz vor dem Abbruch. Schuld war ausgerechnet eine Schutzmaßnahme.

"Deutschland verliert ein Stück", trauert eine Niederländerin auf Twitter. "Man könnte heulen", schreibt ein anderer Nutzer. Deutschland schrumpft - ein kleines bisschen jedenfalls. Und der Teil, der schwindet, ist ausgesprochen prominent.

Vielleicht passiert es schon in den nächsten Tagen, denn derzeit rollen Sturmfluten gegen die Nordseeinseln. "Die Hörnum Odde ist tot", meldet bereits Sylt TV. Der Sender berichtet von einschneidenden Sandverlusten in dieser Woche.

Die Insel nimmt Abschied von ihrer schmalen Südspitze, der Hörnumer Odde, einem mit Gräsern bewachsenen Sandzipfel. 1972 hatte die Odde noch das Ausmaß von 151 Fußballfeldern, sie erstreckte sich über mehr als einen Quadratkilometer. Seitdem schrumpfte sie auf knapp ein Fünftel der Größe.

Im November räumte eine Sturmflut nochmals einen breiten Strandabschnitt auf gut 800 Metern Länge ab. Nun umfasst die Odde gerade noch gut 30 Fußballfelder.

Einst meterhohe Dünen wurden eingeebnet, die Küstenlinie liegt weit nach Nordosten verschoben. Wo früher weißer Sand lag, schwappt die Nordsee. Und in der Mitte der Odde klafft nun ein Riss.

Die Grafik zeigt das Ausmaß der von Pflanzen bewachsene Fläche des Sylter Südzipfels seit 1958
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Die Grafik zeigt das Ausmaß der von Pflanzen bewachsene Fläche des Sylter Südzipfels seit 1958

Dort hinterließ eine Sturmflut einen Wassergraben, er bildet vermutlich eine Sollbruchstelle: Entlang der Vertiefung dürfte eine der nächsten Fluten den äußersten Zipfel abtrennen, orakeln Naturkundler.

Eine seriöse Prognose der weiteren Entwicklung sei zwar nicht möglich, sagt Arfst Hinrichsen vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz. Klar sei jedoch, dass die Schrumpfung der Odde fortschreite: Ein weiterer Teil der Dünen werde wohl schon bald abgetragen.

Nur noch bei Niedrigwasser sollen Wanderer auf die Odde, mahnt die Schutzstation Wattenmeer. Bei Hochwasser drohten Überschwemmungen.

Außerdem sollten sie die ganze Odde umrunden, keine Abkürzungen durch die Dünen nehmen - der Sand würde sonst weiter eingeebnet. Der Umweg scheint machbar zu sein: Die Umrundung der Odde dauert nur noch rund eine Stunde, vor 30 Jahren war es noch doppelt so lange.

Todesurteil 1972

Das Todesurteil für die Odde war ausgerechnet eine Schutzmaßnahme: Als die Insulaner ihren Süden 1972 unter Naturschutz stellten, ihn also den Naturgewalten überließen, gaben sie ihn auf. Vor dem Untergang bewahren wollten sie ihre Siedlungen. Der Versuch ist teuer genug.

Jedes Jahr spülen und kippen die Sylter Abertausende Tonnen Sand vor ihre Westküste. Auch der Ort Hörnum im Süden wurde gesichert: Dort ließen Ende der Sechzigerjahre Lokalpolitiker Hunderte tonnenschwere Tetrapoden an den Strand legen, sie brechen die Brandung - unmittelbar nördlich der Odde.

Den Schutzwall für den Ort halten viele Sylter für den Todesstoß an der Odde. Die Zahlen scheinen ihnen recht zu geben: Seit Anfang der Siebzigerjahre hat sich der Landverlust im Süden erheblich beschleunigt. Offenbar läuft das Meer nun - abgelenkt von den Tetrapoden - stärker im Süden auf.

Die nördlichsten Dünen der Odde immerhin profitieren von den Tetrapoden, sie liegen hinter dem Schutzwall. "Insofern", sagt Küstenschützer Arfst Hinrichsen, "wird es auch künftig eine kleine Odde geben."

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insgesamt 110 Beiträge
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1.
ackergold 05.02.2016
Sylt ist mittelfristig nicht zu retten. Jeder Küstenmorphologe weiß das. Dort noch öffentliches Steuergeld reinzupumpen ist letztlich eine groteske Verschwendung.
2. Das ist nun einmal ...
gumbofroehn 05.02.2016
... der Lauf der Dinge im Wattenmeer, das sich permanent umbildet. Wer die Landverluste auf Sylt beklagt, muss auch darauf hinweisen, dass sich anderenorts verhältnismäßig neu Sandbänke zu Inseln entwickelt haben, siehe bspw. Memmert oder Kachelotplate.
3. Nicht nur die Küste ist nicht statisch
andraschek 05.02.2016
sondern alles ist im Fluss. Die Natur kennt keinen statischen Zustand und wie man sieht trägt der versuch das eine zu retten zum Untergang des anderen bei.
4.
gernotkloss 05.02.2016
Sylt ist zu retten. Ein neues patentiertes Verfahren zur Befestigung von Strandufern steht kurz vor der Markteinführung. Es wird wesentlich billiger und effizienter sein, als das permanente Aufschütten verlorener Strandflächen mittels Sand.
5. @ackergold
fd2fd 05.02.2016
Genau so ist es. Gegen die Naturgewalten gibt es kein Mittel. Wenn man ständig Sand aufträgt, muss dieser vorher woanders abgetragen werden. Dabei wird nicht nur dieser Bereich total zerstört, sondern auch das kann schon zu kleinen, auch nur temporären Strömungsveränderungen führen, die dann für eine solche Küste noch viel verheerendere Ausmaße hat.
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