Hoffnung auf Therapie: Magenfresser-Mikrobe überlebt nur als Korkenzieher

Siedelt sich der Erreger Helicobacter pylori im Magen an, kann er viel Unheil anrichten - und sogar Krebs auslösen. Forscher haben nun einen neuen Ansatz im Kampf gegen das Bakterium gefunden. Es überlebt nämlich nur, weil es wie ein Korkenzieher aussieht.

Helicobacter pylori: Magenbewohner bei mehr als der Hälfte aller Menschen Zur Großansicht
dpa

Helicobacter pylori: Magenbewohner bei mehr als der Hälfte aller Menschen

Hamburg - Es ist eine Mikrobe zum Fürchten, die 2005 den australischen Forschern Barry Marshall und Robin Warren den Nobelpreis bescherte: Helicobacter pylori ist ein kleines, recht unauffälliges Bakterium, doch es hat sich seinen Platz auf der Erde gesichert - mehr als die Hälfte der Bevölkerung wird von ihm besiedelt. In den meisten Fällen verläuft eine Infektion durch den Magenbewohner völlig unbemerkt.

Wehe aber, wenn nicht. Dann drohen chronische Entzündungen der Magenschleimhaut. Behandelt man die Infektion nicht rechtzeitig mit Antibiotika, kann sie zu gefährlichen Geschwüren führen - im schlimmsten Fall entsteht sogar Magenkrebs. Das Problem: Die Resistenz gegen eine zunehmende Zahl von Antibiotika erschwert die Behandlung, und die Infektion erweist sich oft als sehr hartnäckig. Zudem ist der Erreger höchst ansteckend, die genauen Übertragungswege sind noch nicht eindeutig geklärt.

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Bakterien: Winzige Mitbewohner im Darm
Schon seit den neunziger Jahren ist man fieberhaft auf der Suche nach einer Impfung gegen Helicobacter pylori. Die Antikörper, die man derzeit testet, richten sich gegen spezielle Proteine, die der Keim bildet und ausschüttet. Jetzt haben Forscher möglicherweise einen neuen Ansatz entdeckt.

Erstmals haben US-Forscher bewiesen, dass die Erreger überhaupt nur in der säurehaltigen Umgebung des Magens überleben können, weil sie eine spiralförmige Gestalt haben, die an einen Korkenzieher erinnert. Zudem gelang es Nina Salama vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle und ihren Kollegen, diejenigen Proteine zu identifizieren, die für die charakteristische Krümmung verantwortlich sind.

Ohne sie, das berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Cell", könnten sich die Keime nicht richtig verdrehen. Was wiederum dazu führt, dass sie sich auch nicht in der Magenschleimhaut einnisten können, wo sie vor der Zerstörung durch die Magensäure geschützt sind.

Drahtzangen-Proteine

Schon lange hatte man vermutet, dass die Korkenzieherstruktur des Bakteriums für die erfolgreiche Besiedelung des menschlichen Magens ist. Doch erst jetzt konnten Salama und ihre Kollegen den Beweis dafür erbringen. Die Forscher entdeckten eine Gruppe von vier Proteinen, die wie eine Art Drahtzange funktionieren. Sie zerschneiden bestimmte strukturelle Abschnitte auf der maschendrahtähnlichen Zellwand des Bakteriums. Die Folge: Der zunächst stäbchenförmige Keim verdreht sich zum Korkenzieher. Anschließend schraubt es sich in die Magenschleimhaut und entgeht so der Zersetzung durch die Magensäure.

Die Wissenschaftler hoffen nun, dass ihre Erkenntnisse zu einer neuen Therapie-Entwicklung gegen den Keim beitragen, der für 70 Prozent aller Magenkrebsfälle verantwortlich ist. Könnte man die Bildung dieser Proteine unterbinden, könnte die weltweite Infektionsrate nach Meinung der Forscher drastisch verringert werden.

Die Zelloberflächenproteine scheinen auch bei anderen Bakterienarten vorzukommen, die eine ähnliche Gestalt wie Helicobacter pylori aufweisen. Sollten sich diese Eiweiße auch bei den anderen Organismen als überlebenswichtig erweisen, könnte beispielsweise auch eine effektive Therapie gegen den kommaförmigen Erreger der Cholera, Vibrio cholerae, entwickelt werden. Das ebenfalls spiralförmige und für die meisten Durchfallerkrankungen in Entwicklungsländern verantwortliche Bakterium Campylobacter jejuni sei ebenfalls ein vielversprechender Kandidat, sagt Salama.

cib/ddp

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1. Unterschlagene Hintergrund-Infos zu Heliobacter
Ursprung 29.05.2010
Heliobacter steht auch fuer eines der blamabelsten Fehlleistungen der Mediziner in den letzten hundert Jahren. Niemand wollte anfangs den beiden australischen Aerzten glauben, als sie berichteten, das nach Ihren Erfahrungen 90 % von Mageninsuffizenzen auf Heliobacter pilori zuruckzufuehren seien. Man verlachte sie als Scharlatane. Als Scharlatane entpuppte sich aber der grosse Rest der Gastrologen in der Welt. Lebten doch international Tausende von Niedergelassenen hinter Gastro-Labels vor ihren Praxen aus dem nicht endenden Strom an Patienten mit Magenbeschwerden. Gaengige Praxis war, mit grossem Brimborium billige Chemiekalien aus industrieller Massenproduktion, vulgo Kreide oder Aluverbindungen als Saeurepuffer zu verabreichen. Was der Vermehrung dieser Tierchen nur Fluegel verlieh. Millionen wurde der Magen ganz- oder teil-"resobiert". Hunderttausende starben weltweit an den Endfolgen Magenkrebs. Man konnte die Magenkranken an eine lebenslange Behandlung fesseln. Jetzt gelten 70% der Magenkrebsfaelle auf Heliobakter rueckfuehrbar. Psychoanalytiker verdienten am Boom ueber die Erstellung von psychisch Magenerkrankungdispositionen, machten eine gewisse hypochondrische Seelengrundeinstellung als Risikofaktor aus. Sodbrennen galt als alarmierendes Vorzeichen und die Apotheken waren voll von Medikamenten gegen das Brennen im Hals. Die psychsomatischen Erscheinungen bei den Magenkranken waren natuerlich die Folgen, nicht etwa die Ausloeser einer Heliobacterueberbesiedelung. Es gibt Unterarten. Gleichwohl rotteten die Aerzte wie besessen dann etwa ab 1991 die Tierchen mit schweren Medikamenten aus. Bis 2003 US-Mediziner entdeckten, dass bestimmte Staemme von den Tierchen fuer uns hoechstnotwendig seien. Z. B. erforderlich im Duenndarm, um das in unserer neueren Nahrung zu wenig vorkommende Vitamin B12 zuzuproduzieren. Sie sind wichtiger Teil unseres Nahrung verarbeitenden Kilopaketes an Mikroben im Koerper. Heute muss man aufpassen, dass man mit einer Magensanierung von Heliobakter nicht auch die im Duenndarm miterschlaegt. Sonst droht B12-Mangel bis hin zur Alzheimerausloesung.
2. ...
frau trallala 29.05.2010
Zitat von UrsprungHeliobacter steht auch fuer eines der blamabelsten Fehlleistungen der Mediziner in den letzten hundert Jahren. Niemand wollte anfangs den beiden australischen Aerzten glauben, als sie berichteten, das nach Ihren Erfahrungen 90 % von Mageninsuffizenzen auf Heliobacter pilori zuruckzufuehren seien. Man verlachte sie als Scharlatane.
Als Scharlatane hat sie keiner bezeichnet. Es hat auch nicht sehr lange gedauert bis ihre Forschungen ernst genommen wurden, und 5 Jahre später war H.pylori als Ursache von Magengeschwüren anerkannt. Und 2005 erhielten die Herren den Nobelpreis auf den einige andere wesentlich länger warten mussten... ---Zitat--- Lebten doch international Tausende von Niedergelassenen hinter Gastro-Labels vor ihren Praxen aus dem nicht endenden Strom an Patienten mit Magenbeschwerden. ---Zitatende--- Die Verschwörungstheorie darf natürlich in keinem guten Beitrag fehlen.. ---Zitat--- Gaengige Praxis war, mit grossem Brimborium billige Chemiekalien aus industrieller Massenproduktion, vulgo Kreide oder Aluverbindungen als Saeurepuffer zu verabreichen. ---Zitatende--- Längst nicht jede Gatritits entsteht durch H.Pylori. Antazida sind schnell wirksame, gut verträgliche Medikamente bei akuten Beschwerden, Säureblocker ebenfalls. Und auch wenn eine Gastritis oder ein Geschwür auf dieses Bakterium zurückzuführen ist, benutzt man diese Medikamente immernoch um die Schleimhaut vor der Säure zu schützen. ---Zitat--- Man konnte die Magenkranken an eine lebenslange Behandlung fesseln. ---Zitatende--- Was hätte man, vor der Entdeckung, ihrer Meinung nach sonst tun sollen als wenigsntens die Symptome zu behandeln? ---Zitat--- Sodbrennen galt als alarmierendes Vorzeichen und die Apotheken waren voll von Medikamenten gegen das Brennen im Hals. ---Zitatende--- Das sind sie heute noch genauso, weil nicht jeder mit Sodbrennen gleich H.pylori hat sondern vielleicht einfach nur mit scharfem Essen, Alkohol, Medikamenten, etc. die Säureproduktion angeregt hat oder unter Refluxösophagitis leidet. ---Zitat--- Gleichwohl rotteten die Aerzte wie besessen dann etwa ab 1991 die Tierchen mit schweren Medikamenten aus. ---Zitatende--- Aha. Erst beschweren Sie sich, dass man nur die Symptome behandelte und nicht die Ursache und dann, nachdem diese bekannt war, passt es ihnen nicht dass man versucht sie zu beseitigen?? Na hauptsache in Ihrem Kopf macht es Sinn... ---Zitat--- Bis 2003 US-Mediziner entdeckten, dass bestimmte Staemme von den Tierchen fuer uns hoechstnotwendig seien. Z. B. erforderlich im Duenndarm, um das in unserer neueren Nahrung$$ zu wenig vorkommende Vitamin B12 zuzuproduzieren. Sie sind wichtiger Teil unseres Nahrung verarbeitenden Kilopaketes an Mikroben im Koerper. Heute muss man aufpassen, dass man mit einer Magensanierung von Heliobakter nicht auch die im Duenndarm miterschlaegt. Sonst droht B12-Mangel bis hin zur Alzheimerausloesung. ---Zitatende--- Ihnen ist schon klar, dass eine unbehandelte Gastritis das wesentlich größere Risiko darstellt, an einem Vit. B12 Mangel zu erkranken? Und dass das meiste B12 über die Nahrung aufgenommen wird und es im Menschen nur in minimalen Mengen von Mikroben im Darm produziert wird? Also, Behandlung der Symptome passt ihnen nicht, Behandlung der Ursache ebenfalls nicht also was schlagen Sie stattdessen vor? Ich bin gespannt welche Wundertherapien Sie denn so auf Lager hätten...
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