Homosexualität bei Tieren: Männchen mit Männchen, Weibchen mit Weibchen

Von , Oslo

Ausgestopfte Pinguine in der Ausstellung: "Das ist nur die Spitze des Eisbergs." Zur Großansicht
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Ausgestopfte Pinguine in der Ausstellung: "Das ist nur die Spitze des Eisbergs."

Gleichgeschlechtliche Paarung - ein Museum in Oslo zeigt, wie bei Giraffen, Pinguinen, Walen und Delfinen Männchen mit Männchen, Weibchen mit Weibchen verkehrt. Die These der Ausstellungsmacher: Die Tiere wollen Spaß - in welcher Konstellation auch immer.

"Normalerweise", sagt Geir Söli lächelnd, "zeigen Naturkundemuseen doch nur ziemlich langweilige Dinge: Steine, ausgestopfte Vögel und so weiter." Beim aktuellen Projekt des norwegischen Zoologen ist das anders. Denn nach dreijähriger Vorbereitungszeit haben Söli und seine Kollegen vom Naturkundemuseum in Oslo vor wenigen Tagen die weltweit erste Ausstellung zur Homosexualität im Tierreich eröffnet.

"Wider die Natur?" heißt die Schau in dem roten Steinbau am Rande des Botanischen Gartens von Oslo. Auf das Fragezeichen am Ende des Ausstellungstitels legt Ausstellungschef Söli ausgesprochen Wert. Denn, so sagt er, die Fakten sehen anders aus: Bei mindestens 1500 Tierarten sei homosexuelles Verhalten bisher beobachtet worden. Und bei rund 500 davon seien die Befunde auch sehr gut dokumentiert. "Und das ist nur die Spitze des Eisbergs."

Allzu oft hätten Zoologen in der Vergangenheit die Homosexualität ihrer Untersuchungsobjekte einfach ignoriert. Unter einem etwa vier Meter hohen Bild von zwei männlichen Giraffen in eindeutiger Pose berichtet Söli, wie das Ganze für gewöhnlich ablief: In einer Studie zu Giraffen in Afrika sortierten Wissenschaftler es etwa als "sexuelles Interesse" ein, wenn ein männliches Tier eine Artgenossin auch nur beschnüffelte. Doch bestieg ein Giraffenmännchen ein anderes, dann vermerkten die Forscher dies als "Revierkampf", selbst wenn sie eine Ejakulation beobachteten. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

Merkwürdiges beim Liebesspiel

Dabei hatte bereits Aristoteles vor rund 2300 Jahren Merkwürdiges von einer Gruppe Hyänen zu berichten gewusst: Männchen im Liebesspiel mit Männchen, Weibchen vergnügten sich mit Weibchen. Doch so recht wollte die Homo-Ehe im Tierreich nicht ins Bild der Wissenschaftler passen - und wurde seither allzu oft ignoriert.

Im Naturkundemuseum des benachbarten Göteborg etwa läuft seit Anfang Juni die Ausstellung "I love U", in der skandinavisch entspannt Paarung und Fortpflanzung aller möglichen Tiere und auch des Menschen vorgeführt werden. Leicht Abba-esk formulieren die schwedischen Ausstellungsmacher "The winner gets it all" unter das Modell einer von Spermien umschwärmten Eizelle. Hier geht es um Fortpflanzung, seit jeher der einzige Sinn von Sexualität im Tierreich - wenigstens nach traditioneller Lesart.

Die Osloer Ausstellung dokumentiert nun, wie die Realität die Forscher immer wieder einholte: So beobachteten sie Wale, die sich mit erigierten Penissen aneinander rieben, Delfinweibchen, die ihre Flosse in den Genitalschlitz ihrer Partnerin schoben, und Möwenmänner, die gemeinsam Nester bauten. Und beim Nachzählen in einigen Königspinguin-Kolonien fanden die Wissenschaftler zu ihrer Überraschung heraus, dass rund jedes zehnte Pärchen homosexuell war.

Reiner Überschwang: Haben Tiere Spaß am Homo-Sex?

"Biological Exuberance" heißt ein vor sieben Jahren veröffentlichtes Buch des Biologen Bruce Bagemihl, das solche Fälle zusammenfasst. "Exuberance", also Überschwang, ist Bagemihl zufolge auch die Erklärung für das Gesehene.

Seine nicht ganz unumstrittene These, die auch den Grundstein für die Osloer Ausstellung bildet: Die Tiere haben Spaß am Sex - in welcher Konstellation auch immer. Nicht zuletzt , so sagt Geir Söli, treffe dies gerade auch auf höher entwickelte Tierarten zu: Wale, Delfine, Primaten. Überall gebe es Beispiele für homosexuelles Verhalten.

Die Ausstellung zeigt übrigens auch Fälle, in denen homosexuelle Tierpaare mit ein paar Tricks sogar Nachwuchs aufziehen können. In letzter Zeit hatten Forscher von den Elternfreuden homosexueller Flamingos, Geier und Störche berichtet. Von "One Night Stands" bei verschiedenen Vogelarten berichtet Söli, und von geborgten Eiern. Und davon, dass manche gleichgeschlechtlichen Verbindungen ein ganzes Tierleben lang halten. "Man kann über Homosexualität denken, was man will. Aber man kann nicht sagen, dass es widernatürlich ist", sagt Geir Söli – und beantwortet damit en passant die Frage im Titel der Ausstellung.

"Ich bin froh, dass die Familien weiterhin herkommen"

Größere öffentliche Proteste gegen die Schau hat es bislang nicht gegeben. Die Ausstellung passt auch einfach zu gut ins liberale Norwegen, wo die Regierung die Museen des Landes mit einem speziellen Förderprogramm dazu anhält, sich in gesellschaftliche Debatten einzumischen. Und so verwundert es beim Ausstellungsbesuch am Wochenende auch nicht, dass sich vor allem Familien in der sparsam illuminierten Halle des Naturkundemuseums umsehen.

Immer wieder ist fröhliches Kindergebrüll zwischen den Ausstellungsstücken zu hören. "Ich bin froh, dass die Familien weiterhin herkommen", sagt Söli. "Wir haben keine schockierenden Bilder hier, wir wollen niemanden vor den Kopf stoßen."

Die Osloer sind mit ihrer Ausstellung ein Wagnis eingegangen - und wurden belohnt. Das Haus ist voll und genießt weltweite Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt deswegen denken Geir Söli und seine Kollegen inzwischen darüber nach, ihren Erfolg nach dem Ende der zehnmonatigen Ausstellung zu exportieren: "Wir überlegen, ob wir daraus eine Wanderausstellung machen."

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