Fisch-Vermehrung: Schwule Flirts locken Weibchen an

Von Nora Schultz

Gebundene Männer wirken attraktiv auf Frauen. Das gilt in weiten Teilen des Tierreichs - Atlantik-Kärpflinge turteln sogar mit anderen Männchen, um sich interessant zu machen. Eine Studie zeigt jetzt: Es funktioniert.

Atlantik-Kärpflinge: Weibchen finden Flirts unter Männchen attraktiv Zur Großansicht
David Bierbach

Atlantik-Kärpflinge: Weibchen finden Flirts unter Männchen attraktiv

Männliche Atlantik-Kärpflinge sind wenig wählerisch: Immer wieder flirten sie nicht nur mit Weibchen, sondern auch mit anderen Männchen. Doch so weit verbreitet homosexuelles Verhalten im Tierreich ist, so rätselhaft ist es für Biologen. Warum investieren Tiere kostbare Zeit und Energie in sexuelle Handlungen, die offensichtlich keine Chancen auf Nachwuchs bieten?

Forscher der Universität Frankfurt fanden nun eine Theorie - zumindest was die Kärpflinge betrifft: Laut ihrer Studie in den "Biology Letters" der britischen Royal Society können homoerotische Flirts dazu führen, dass Weibchen überhaupt erst auf die sexuellen Qualitäten eines Männchens aufmerksam werden. Demnach wählen Fischweibchen ihre Partner nach sozialem Status aus: Ein Männchen, das sexuellen Kontakt zu einem Weibchen hatte, wirkt auch auf andere Weibchen attraktiv. Turtelnde Fischmännchen betreiben schlichtweg eine Spielart dieses Verhaltens, so die Hypothese von David Bierbach und seinen Kollegen. Denn ob die Aufmerksamkeiten sich an ein Weibchen oder Männchen richten, sei egal.

"So ein Werbeverhalten kostet Energie und Zeit und erhöht die Gefahr, von Räubern geschnappt zu werden", erklärt Bierbach. "Wer das trotzdem alles überlebt, muss hohe Qualität haben." Er zeigte Fischweibchen auf zwei Bildschirmen Videoanimationen von unterschiedlich aussehenden Männchen. Die Weibchen schwammen zunächst deutlich länger vor Sequenzen mit großen und bunten Exemplaren. Doch nachdem sie die Animation eines kleinen, eintönigen Männchens beim Flirt mit einem anderen Männchen beobachten durften, stieg ihr Interesse an den unscheinbaren Kandidaten im Schnitt um etwa 30 Prozent.

Gleichgeschlechtliche Flirts ergeben sich häufig

Flirts mit Weibchen steigerten die Attraktivität im Experiment genauso effektiv, doch Bierbach und seine Kollegen halten es für wahrscheinlich, dass sich in der Natur häufig mehr Gelegenheiten für homoerotisches Imponiergehabe ergeben. Da je ein dominantes Männchen eine Schar Weibchen begleitet und bewacht, bleibt den unscheinbareren Männchen oft nichts anderes übrig, als in kleinen Gruppen um den Harem zu schwimmen und auf ihre Chance zu warten. Bis sie kommt, lassen sich die Liebhaber-Qualitäten eben besonders gut in homoerotischen Interaktionen unter Beweis stellen, argumentieren die Forscher. Ob der Effekt des schwulen Flirts nicht nur im Labor, sondern auch in der Natur funktioniert, muss allerdings noch getestet werden.

Auch ob man die Entstehung der homosexuellen Aktivitäten so begründen kann, sei noch nicht klar, sagt Kurt Kotrschal von der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Österreich, der nicht an der aktuellen Studie beteiligt war. Das Phänomen könnte auch der bloße Nebeneffekt eines "indiskriminativen Sexualverhaltens sein, wie es bei Männchen vieler Arten einschließlich Menschen üblich ist: Männchen sind hinter allem her, was einigermaßen nach Artgenossen aussieht und stimulieren so nebenbei die Weibchen".

Bislang reichen die Erklärungen für das homosexuelle Verhalten von purem Spaß am Sex über hormonelle Störungen bis hin zum Einfluss von Umweltgiften. Eine andere Theorie lautet, dass bestimmte Gene bei Weibchen für mehr Nachwuchs sorgen, ihre Brüder hingegen zu homosexuellen Superonkeln machen, die sich fürsorglich um die Sprösslinge der Schwester kümmern und so für eine insgesamt große Familienbrut sorgen.

Bierbach und sein Team gehen davon aus, dass die Attraktivitätssteigerung durch homosexuelle Flirts auch bei anderen Tierarten funktionieren könnte. Denn wer Sexualpartner hat, wirkt attraktiver - diese Regel gilt in weiten Teilen des Tierreichs und womöglich auch für den Menschen. "Bei uns nennt man das dann den 'Ehering-Effekt'", so Bierbach. "Frauen finden verheirate Männer besonders attraktiv."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Fische
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Hilfe unter Wasser: Putz mich!