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07. November 2012, 18:04 Uhr

Robuste Nager

Forscher finden Anti-Krebs-Hormon in Blindmäusen

Von Thomas Wagner-Nagy

Blindmäuse erkranken nicht an Krebs und werden sehr alt. Forscher haben jetzt den Mechanismus entschlüsselt, der die Nager schützt. Ein Hormon sorgt dafür, dass sich wuchernde Zellen selbst zerstören. Es könnte auch für die humane Krebsforschung interessant sein.

Mit Schönheit sind Blindmäuse wahrlich nicht gesegnet. Ihre Robustheit aber bringt Wissenschaftler zum Staunen: Die Tiere werden im Vergleich zu anderen Nagern uralt und erkranken nicht an Krebs. Schon vor einigen Jahren konnten Forscher bei ihrem nahen Verwandten, dem Nacktmull, eine ähnliche Resistenz beobachten. Wenn sich die Zellen des Nacktmulls unkontrolliert vermehren und deshalb zu nahe kommen, hören sie plötzlich auf, sich weiter zu teilen. Tumoren, die aus wucherndem Gewebe bestehen, bilden sich so gar nicht erst.

In den Zellen von Blindmäusen haben die Wissenschaftler nun einen zweiten, völlig andersartigen Mechanismus beobachtet, der ebenfalls vor Krebs schützt. Wie die Biologen um Vera Gorbunova von der New Yorker Rochester University in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften ("PNAS") berichten, sorgt ein Hormon dafür, dass die Zellen der Blindmäuse sich kollektiv selbst zerstören, wenn sie sich zu rasch vermehren.

Für ihre Studie hatten die Forscher zwei Arten von Blindmäusen untersucht, die am östlichen Mittelmeer und in Nordafrika als Einzelgänger in der Dunkelheit unter der Erde leben und daher keine Augen entwickeln. Gorbunova und ihre Kollegen entnahmen den Nagetieren Haut- und Lungenzellen und brachten diese im Reagenzglas dazu, sich unkontrolliert zu vermehren, wie es bei der Entstehung von Krebs der Fall ist.

Diese sogenannte Proliferation hielt bis zu 20 Zyklen an, in denen sich die Zellen jeweils teilten und sich ihre Anzahl immer wieder verdoppelte. Dann allerdings, schreiben die Forscher, begannen die Zellen ein Hormon namens IFN-beta abzusondern. Der Botenstoff führte dazu, dass die betroffenen Zellen restlos abstarben - und zwar unabhängig von den Bedingungen in ihrer Umgebung.

Selbstmord der wuchernden Zellen

Die Biologen vermuten, dass die Zellen der Blindmäuse bei der Ausschüttung auf Wachstumsfaktoren reagierten - Proteine, die die Zellteilung mitsteuern. Möglicherweise werden die Krebszellen abgetötet, wenn die von den Wachstumsfaktoren ausgesendeten Signale Überhand nehmen. Einen ähnlichen Prozess zur körpereigenen Krebsabwehr kennen Wissenschaftler schon bei Menschen. Allerdings erfolgt die Reaktion dort viel geordneter in Form von Apoptose, einem programmierten Zelltod.

Bei den Blindmäusen beobachteten die Biologen hingegen überwiegend eine heftigere Reaktion des Zellselbstmords, der als Nekrose bezeichnet wird. Diese Form tritt eigentlich dann auf, wenn Zellen verletzt werden und in der Folge aufplatzen und absterben. "Die Zellen der Blindmäuse haben wohl keine andere Wahl als die aggressive Nekrose", erklärt Gorbunova. "Die Apoptose erfolgt, wenn Zellen schwierigen Bedingungen, etwa Unterversorgung mit Sauerstoff, ausgesetzt sind. Da dies unter der Erde immer der Fall ist, würden sich auch gesunde Zellen der Blindmäuse selbst zerstören."

Diese "Kamikaze"-Methode ist laut den Experten weniger effektiv als die geregelte Apoptose. Umso überraschender war es für die Forscher zu sehen, wie erfolgreich der Mechanismus die Blindmäuse vor Tumoren bewahrt. So können die 15 bis 30 Zentimeter langen Nager bis zu 21 Jahre alt werden, während etwa Mäuse schon nach vier Jahren das Zeitliche segnen. "Wenn wir diesen einzigartigen Prozess besser verstünden, bei dem das Hormon freigesetzt wird, könnten wir möglicherweise auch die Krebsentstehung beim Menschen beeinflussen", sagt Gorbunova.

Das Antikrebs-Hormon kommt auch im menschlichen Körper vor und gehört zu den Interferonen, die das Immunsystem stimulieren und den Körper vor Viren und der Bildung von Tumoren schützen können. Bis es einmal im Kampf gegen den Krebs angewendet werden kann, sei es aber noch ein weiter Weg, sagt Gorbunova. Menschliche Zellen seien weitaus weniger reaktiv, wenn es um die Freisetzung des schützenden Hormons geht.

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