Hundeforschung Je kleiner, desto bissiger

Sind Pitbull-Terrier tatsächlich extrem aggressiv? Oder andere Rassen viel beißfreudiger? Hundehalter, Politiker und Forscher streiten seit Jahren über diese Fragen - eine neue Studie über Dutzende Züchtungen gibt nun Klarheit und kommt zu verblüffenden Ergebnissen.

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Ein Wanderer steht an einer Weggabelung. Aus beiden Richtungen kommt ihm je ein freilaufender Hund entgegen. Bei dem einen handelt es sich um einen Dackel, der andere ist ein Rottweiler. Welchen Weg sollte der Wanderer, der um Hunde am liebsten einen großen Bogen macht, am besten nehmen?

Glaubt man der neuen Statistik von Forschern der University of Pennsylvania, müsste der ratlose Fußgänger frohen Mutes dem Rottweiler entgegenlaufen. Denn das Risiko, von ihm angegriffen zu werden, ist deutlich geringer als bei einem Dackel. Das ist das Ergebnis einer umfangreichen Befragung von Tausenden Hundebesitzern in den USA, die James Serpell und seine Kollegen von der School of Veterinary Medicine durchgeführt haben. "Die höchsten Rate von Aggressionen, die sich gegen Menschen richten, besteht bei kleineren Rassen", schreiben die Forscher im Fachblatt "Applied Animal Behaviour Science".

Die Frage, ob es besonders aggressive oder besonders gefährliche Hunderassen gibt, ist keineswegs neu. Eine seriöse Antwort darauf fällt jedoch auch nach Jahren der Debatten und der Forschung schwer. Das räumen auch Serpell und seine Kollegen ein. Sie kritisieren zugleich die bestehenden Vorurteile gegenüber einer Rasse wie dem American Pitbull Terrier, die angeblich besonders gefährlich für Menschen sein soll.

Die Studie basiert auf einem umfangreichen Fragebogen, in dem Hundehalter unter anderem Details über selbst erlebte Angriffen auf Fremde, Mitglieder der Familie und andere Hunde angeben sollten. Zudem fragten die Tierforscher nach Eigenheiten der Hunde, um aus den Antworten auch Rückschlüsse auf deren Charakter ziehen zu können - etwa wie sehr sie sich vor unbekannten Personen oder anderen Hunden fürchten.

1500 Mitglieder von Hundezuchtvereinen aus den USA beteiligten sich an der Studie, dazu kamen noch mehr als 8000 Hundebesitzer, die den Fragebogen online ausfüllten. Wegen der Vielzahl von Hunderassen mussten die Forscher eine Mindestanzahl von Tieren festlegen: Erst wenn für eine Rasse wie Dobermann oder Deutscher Schäferhund mehr als 45 Bögen vollständig ausgefüllt vorlagen, schaffte sie es in die Auswertung.

Klein und bissig

Die Statistiken verblüffen, etwa jene der Online-Befragung: Als mit Abstand aggressivster Hund gilt demnach der Dackel. Immerhin 20 Prozent der Besitzer berichteten über Angriffe auf Fremde. Auf Platz zwei landete mit 16 Prozent eine weitere kleinwüchsige Rasse: der Chihuahua. Die gefürchteten American Pitbull Terrier landeten mit 6,8 Prozent auf Rang sieben. Bei drei Rassen, darunter der Sibirische Husky, liegt die Angriffsquote gar bei null Prozent. Die Teilnehmer gaben keine einzige Aggression gegen Menschen an.

Der Dackel schaffte es übrigens auch bei den Angriffen auf den eigenen Besitzer oder dessen Familienmitglieder weit nach oben: Mit sechs Prozent kam er auf Rang zwei, geschlagen nur vom Beagle (acht Prozent). Insgesamt greifen Hunde jedoch Personen aus ihrem Umfeld deutlich seltener an als Fremde: Statt 4,7 Prozent liegt die Quote nur bei 1,7 Prozent (gemittelt über alle 3800 Hunde der Online-Befragung, die in die Auswertung kamen).

Wie stark sich Hunderassen in ihrem Verhalten unterscheiden, verdeutlicht die Statistik über Angriffe von Hunden auf andere Hunde. Der in den vorherigen Disziplinen eher unauffällige Pitbull kommt hier mit 22 Prozent auf Platz zwei hinter dem Akita (29 Prozent). Dies zeige, dass Pitbulls gezielt gezüchtet worden seien, um besonders aggressiv auf andere Hunde zu reagieren, nicht jedoch auf Menschen, schreibt Serpells Team. Als besonders harmlos anderen Hunden gegenüber gilt laut der Studie der Windhund (1,6 Prozent).

Widersprüchliche Datenlage

Die Tierforscher leugnen nicht, dass auch ihre Untersuchung angreifbar ist - und zwar, wenn es um die Auswahl der Studienteilnehmer geht. Diese wurden entweder aus den Mitgliedslisten von Zuchtvereinen oder per Aushang in Tierarztpraxen im Raum Philadelphia rekrutiert. Repräsentativ dürfte die Untersuchung deshalb nicht sein. Der Besitzer eines aggressiven Tiers, der womöglich gar in kriminellem Umfeld lebt, dürfte an solchen Studien weit seltener teilnehmen als der gutsituierte Vorstadtbewohner, der sich Sorgen ums Image seines Lieblings macht.

Statistiken über Hunde-Zwischenfälle in Deutschland, die zumindest einige Bundesländer führen und veröffentlichen, unterscheiden sich von der neuen US-Studie. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise war es der Pitbull-Terrier, der 2006 die Statistik anführte - mit 0,81 Vorfällen auf 100 gemeldete Tiere. Der Deutsche Schäferhund brachte es dagegen auf nur 0,45 Angriffe auf Menschen. Nimmt man Schäferhund-Mischlinge dazu, steigt die Zahl auf 0,69 Vorfälle je 100 Hunde. In Brandenburg aber waren Schäferhunde und der Sibirische Husky im Jahr 2003 auffälliger als Pitbull-Terriers.

Wo ist das Herrchen?

Dackel, die laut der US-Statistik am bissigsten sind, tauchen in den hiesigen Statistiken gar nicht auf - sie zählen nicht zu den großen Hunden, um die es in den Hundegesetzen der Länder geht. Die deutschen Beißstatistiken sind nicht nur deshalb ebenfalls mit Vorsicht zu genießen: Niemand weiß, wie viele Schäferhunde oder Pitbulls es in einem Bundesland tatsächlich gibt, da die Behörden nur auf die Statistik der gemeldeten Hunde und Schätzungen zurückgreifen können. Zudem wird nicht jeder Angriff gemeldet und als solcher erfasst.

Der Wandersmann, der sich zwischen Rottweiler und Dackel entscheiden muss, ist trotz der neuen Studie von der University of Pennsylvania fast genauso schlau wie vorher: Er hat die Wahl zwischen einem Hund, der ihn zu Boden werfen könnte, und einem Dackel, der mit größerer Wahrscheinlichkeit angreift, aber vergleichsweise harmlos ist.

Um eine wirklich gute Entscheidung treffen zu können, müsste der Wanderer eigentlich die Besitzer der Hunde kennen - und diese sollten auch in der Nähe ihrer Tiere sein. Denn schon 2003 ergab ein Vergleich von Wesenstests bei fünf Hunderassen an der Tierärztlichen Hochschule Hannover: Der Halter hat entscheidenden Einfluss darauf, wie aggressiv ein Hund wirklich ist.



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