Hurrikan vor Florida Warum "Matthew" solche Wucht hat

Bisher ist Hurrikan "Matthew" haarscharf an der Küste von Florida vorbeigezogen - doch wird das so bleiben? Nach dem Desaster auf Haiti hat der Tropensturm alle Zutaten für katastrophale Zerstörungen, auch in den USA.

NASA/ Earth Observatory/ Joshua Stevens

Wenn man im US-Bundesstaat Florida über einen Sturm spricht, ist Hurrikan "Andrew" schnell zur Hand. Der gilt als besonders fieses Exemplar, hatte er doch Ende August 1992 massive Verwüstungen im "Sunshine State" angerichtet. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 240 Kilometern in der Stunde war er übers Land gezogen, rund 250.000 Menschen hatten dabei ihr Zuhause verloren.

"Andrew" hatte damals auf rund 100 Kilometern Küste besonders stark gewütet - und diese Zahl sollte man sich merken, wenn man über den aktuellen Hurrikan "Matthew" spricht. Der könnte nämlich nach Ansicht von Meteorologen um die 700 Küstenkilometer in Mitleidenschaft ziehen, von Vero Beach, Florida, bis Charleston, South Carolina.

Das liegt an mehreren Gründen: seiner Wucht, seiner eigenartigen Zugbahn - und dem Umstand, dass er sich bisher über Land kaum abgeschwächt hat, wie bei anderen Wirbelstürmen oft üblich.

Route des Hurrikans

Quellen: NHC, The Weather Company (*Stand: 7.10.2016, 8.00 Uhr Ortszeit)

Um seine Kraft zu bekommen, braucht ein Hurrikan wie "Matthew" ein paar entscheidende Zutaten: Da ist zum einen das tropische Wasser, aus dem er seine Energie zieht. Wenn dieses Wasser warm ist, jenseits von 26,5 Grad, die Luft darüber aber deutlich kühler, verdunstet es in großen Mengen. Dabei wird immer mehr Wasser nach oben gerissen - und wenn es in der kühleren Luft kondensiert, entstehen mächtige Wolken.

"Matthew" ist spät in der diesjährigen atlantischen Hurrikan-Saison. Das heißt aber auch: Das Wasser konnte sich besonders gut aufheizen. Nach Angaben von US-Meteorologen liegen die Wassertemperaturen in der Karibik derzeit 1,8 bis 2,7 Grad über den langjährigen Mittelwerten - und genau das sorgt für die besondere Wucht des Sturms, der vor einer Woche im Gebiet der Kleinen Antillen in der östlichen Karibik entstanden ist.

Die durch das aufsteigende Meerwasser entstandenen Wolken werden durch die Kondensation des Wassers in höheren Luftschichten aufgeheizt. Dadurch steigt die Luft weiter auf. Um den so entstehenden Unterdruck über dem Meer auszugleichen, strömt wiederum feuchte Luft nach. Spiralförmige Regenbänder entstehen - der Wirbel beginnt sich zu drehen.

"Matthew" ist mit einem bemerkenswerten Kurs aus der Karibik über die Bahamas an die US-Küste gekommen. Aktuell bewegt er sich mit etwa 20 Kilometern pro Stunde nach Nord-Nordwest, parallel zur Küste. Bis zum Freitagmorgen hatte er das Festland von Florida noch nicht erreicht. Das kann allerdings jederzeit passieren.

Es wäre das erste Mal seit mehr als zehn Jahren, dass überhaupt ein Hurrikan am US-Festland ankommt. Für die womöglich betroffene Grenzregion zwischen Florida und South Carolina sehen die Statistiken freilich noch beeindruckender aus: Hier ist seit 1851 kein Sturm mit der Stärke von "Matthew" an Land gekommen.

"Matthew" ist nicht allein dort draußen

Wie weit der Sturm an der Küste entlangziehen wird, ist noch nicht klar. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass er ab Sonntagabend Ortszeit durch eine Kaltfront über dem Nordosten der USA hinaus auf den Atlantik geschoben wird. Und dann wird es nochmal spannend - denn "Matthew" ist nicht allein dort draußen.

Über dem Atlantik hat sich ein weiterer Wirbelsturm namens "Nicole" zusammengebraut. Er ist deutlich schwächer und dass er Land erreicht ist, außer womöglich auf den Bermudas, aktuell eher unwahrscheinlich. Dennoch könnte "Nicole" den Kurs von "Matthew" beeinflussen - und ihn womöglich zurück in Richtung der US-Küste drücken, nachdem er diese einmal verlassen hat. Dann könnte es auch für den Süden Floridas noch einmal eng werden, der bisher vergleichsweise glimpflich davongekommen zu sein scheint.

Animation des Hurrikans

NASA-NOAA GOES

Wenn sich zwei Stürme umkreisen, sprechen Wissenschaftler vom sogenannten Fujiwhara-Effekt. Dieser könnte im Fall von "Matthew" und "Nicole" dafür sorgen, dass Gebiete in Florida gleich doppelt heimgesucht werden. Die Frage ist allerdings, ob "Nicole" stark genug ist, den Kurs des kraftvolleren "Matthew" entscheidend zu beeinflussen.

Die Computermodelle dazu sind noch immer mit großen Unsicherheiten behaftet. So hatte es auch für den Hurrikan "Hermine" Ende August und Anfang September zeitweise die Warnung gegeben, dass er die US-Küste gleich zwei Mal treffen könnte. Letzten Endes war das aber nicht passiert.

Normalerweise schwächen sich tropische Wirbelstürme ab, sobald sie Land erreichen. Das liegt daran, dass sie von ihrer weiteren Energieversorgung abgeschnitten sind, die ja über das warme Meerwasser passiert. Nun ist "Matthew" zwar in Haiti, der Dominikanischen Republik und Kuba über Land gezogen, wo er schwere Schäden angerichtet hat. Doch nennenswert abgeschwächt hat er sich trotzdem nicht - weil Haitis Berge das Sturmsystem nur kurzfristig etwas durcheinandergebracht haben.

Im Video: So hat "Matthew" bisher gewütet

REUTERS

Der Sturm schwächte sich kurz ab, konnte aber im Gebiet der Bahamas wieder Kraft tanken - weil genügend warmes, ruhiges Wasser vorhanden war. In Florida warnt der National Weather Service nun, dass der Hurrikan durch den starken Wind, Regenfluten und Überschwemmungen manche Gebiete für "Wochen oder Monate" unbewohnbar machen könnte.

Von Miami im Süden Floridas bis nach South Carolina und Georgia sind mehr als drei Millionen Menschen aufgerufen, sich in Sicherheit zu bringen - es handelt sich dabei um die umfassendste Zwangsevakuierung seit dem schweren Sturm "Sandy" im Jahr 2012. Inzwischen hat US-Präsident Barack Obama den Notstand für North Carolina ausgerufen.

chs

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
iStone 07.10.2016
1. Sturmflut und Stromkabel
Die größte Gefahr geht von der Sturmflut an der Küste und den weit ins Inland reichenden Flussmündungen aus. Ein weitere große Gefahr sind Stromkabel, die durch umstürzende Bäume usw. umgerissen werden und sich dann am Boden finden, aber weiter unter Strom stehen. Teilweise können auch Transformatoren explodieren und Feuer verursachen, die dann nicht zeitnah gelöscht werden können. Obwohl also der Hurricane gewaltig ist, sind die größten Gefahren hausgemacht in den USA: Kein Küstenschutz, unsichere Stromleiter mitten in Siedlungsgebieten und schlechte Bausubstanz, von der Trümmerteile dann auch noch durch die Luft fliegen.
karl-felix 07.10.2016
2. Na,ja
Zitat von iStoneDie größte Gefahr geht von der Sturmflut an der Küste und den weit ins Inland reichenden Flussmündungen aus. Ein weitere große Gefahr sind Stromkabel, die durch umstürzende Bäume usw. umgerissen werden und sich dann am Boden finden, aber weiter unter Strom stehen. Teilweise können auch Transformatoren explodieren und Feuer verursachen, die dann nicht zeitnah gelöscht werden können. Obwohl also der Hurricane gewaltig ist, sind die größten Gefahren hausgemacht in den USA: Kein Küstenschutz, unsichere Stromleiter mitten in Siedlungsgebieten und schlechte Bausubstanz, von der Trümmerteile dann auch noch durch die Luft fliegen.
die 300 Toten sind nicht in den USA sondern ausserhalb der USA von Matthew getötet worden . Ich denke das ist schon eine echte Hausnummer, hausgemacht hin oder her. Also, wie auch immer. Die Zahl der Hurricanes nimmt offensichtlich zu und die Wucht aufgrund der erhöhten Wasser Temperatur ebenfalls. Da sollten sich die Amerikaner warm anziehen und sich etwas einfallen lassen . Da haben Sie schon recht. Vielleicht sollte man auch einmal darüber nachdenken , ob es wirklich eine gute Idee ist, alles sinnlos zu verbrennen was einem in die Finger kommt und unser Atmosphäre ( Ihre Atemluft ist Ihr wichtigstes Lebensmittel ) als billige/kostenlose Abgasmüllkippe zu missbrauchen .
fraufeix 07.10.2016
3.
Es ist leicht zu sagen das die groessten Gefahren an der US Kueste hausgemacht sind. Wenn ein Wind mit 240km Geschindigkeit und viel Wasser durch eine deutsche Landschaft blaest werden wohl auch Truemmerteile durch die Luft fliegen. Vielleicht koennte man sogar einen Kuestenschutz installieren und den Schaden damit etwas mindern, dann kaeme aber mit sicherheit kaum ein deutscher Tourist mehr nach Florida um in unserem lauwarmen Wasser zu planschen.
reuanmuc 07.10.2016
4.
Ein weiterer Effekt kommt durch den Klimawandel hinzu. Die Bahn der Hurricanes wird infolge der Ozeanerwärmung nach Norden verlagert. Dort wird die Corioliskraft stärker, so dass auch die Hurricanes tendenziell stärker werden. Die Folge für die USA ist, dass künftig auch Küstenstreifen betroffen sind, die bisher verschont blieben.
snickerman 07.10.2016
5. Heftig
"Nach Angaben von US-Meteorologen liegen die Wassertemperaturen in der Karibik derzeit 1,8 bis 2,7 Grad über den langjährigen Mittelwerten" Solche Erwärmungen kannte ich bislang nur aus der Arktis. Hier geht es allerdings um gigantische Energiemengen. So mag es weder mehr noch stärkere Stürme geben, aber sie können viel länger bestehen, weil sie über weit größeren Gebieten Energie tanken.
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