Hurrikan "Katrina" Klimawandel facht Wirbelstürme an

Für viele Bewohner von New Orleans könnte der Hurrikan "Katrina" zur Katastrophe werden. Klimaforscher sehen sich in ihrer Meinung bestätigt: Die globale Erwärmung lässt die Zerstörungskraft von Wirbelstürmen immer größer werden.

Von


Satellitenbild von "Katrina": Bestätigung für Klimaforscher
REUTERS

Satellitenbild von "Katrina": Bestätigung für Klimaforscher

"Katrina" rast so bedrohlich auf New Orleans zu, dass selbst mancher Wissenschaftler Anflüge von Panik zeigt. "Wir könnten kurz davor stehen, unser Pendant zum asiatischen Tsunami zu erleben, was die Schäden und die Zahl der Toten betrifft", sagte Ivor von Heerden, immerhin Direktor des Public Health Research Center an der Louisiana State University. Zur Erinnerung: Der Tsunami in Südasien hat Ende vergangenen Jahres rund 300.000 Menschen getötet und ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht.

Was Heerden zu seiner hysterisch anmutenden Warnung trieb, sind weniger "Katrinas" ungeheure Windgeschwindigkeiten von zeitweise mehr als 250 Kilometern pro Stunde, sondern vor allem die meterhohe Flutwelle, die der Wirbelsturm durch New Orleans treiben könnte. Und die könnte in dieser Stadt in der Tat katastrophale Auswirkungen haben, wenn auch nicht mit Hunderttausenden Toten.

New Orleans liegt in einer Senke unter dem Meeresspiegel - eine Stadt zwischen Deichen, die den Lake Pontchartrain im Norden und den Mississippi im Süden und Westen in Schach halten. Ein Hurrikan, der sich gegen den Uhrzeigersinn dreht, könnte den Lake Pontchartrain zu meterhohem Wellengang aufpeitschen. Riesige Mengen Seewasser könnten sich dann über die Schutzmauern in die Stadt ergießen, die durchschnittlich zwei Meter unter dem Meeresspiegel liegt und über keine natürliche Drainage verfügt.

In einigen Ortsteilen würde das Wasser anschließend bis zu acht Meter hoch stehen, wie mehrjährige Computersimulationen der Sicherheitsbehörden ergeben haben. Unter Wasser lägen dann auch die lebenswichtigen Pumpen. Wochenlang müssten die Menschen ohne Trinkwasser und Kanalisation auskommen. Mehr als 80 Prozent der Gebäude könnten schwer beschädigt oder zerstört werden, erklärte Heerden dem US-Sender CNN.

Da New Orleans so tief liegt, werden nicht nur die Toten über der Erde bestattet, sondern auch Gas-, Öl- und Dieseltanks oberirdisch installiert. Sollte sich ihr Inhalt zusammen mit giftigen Chemikalien aus überfluteten Industriegebieten über weite Gebiete verteilen, befürchtet Heerden nicht nur enorme Umweltzerstörungen. Da Benzin auf der Wasseroberfläche treibt, könnten auch ausgedehnte Feuersbrünste entstehen.

Wasserdampf verlieh "Katrina" enorme Kraft

Als "Katrina" vergangene Woche über dem Atlantik zum Leben erwachte, sah der Sturm zunächst nicht sehr bedrohlich aus. Die Nasa meldete einen Hurrikan der Kategorie 1 - nicht mehr als ein kräftiger Wind, der für Menschen an Land kaum eine Gefahr darstellt. Doch der Golf von Mexiko wirkt wie ein riesiger Treibsatz für den Wirbelsturm. Bei Oberflächentemperaturen von mehr als 26 Grad verdunsteten große Mengen Wasser und pumpten immer mehr Energie in den Hurrikan.

Vorhergesagter Weg des Hurrikans "Katrina": Schneise der Zerstörung
NOAA / NHC / NWS

Vorhergesagter Weg des Hurrikans "Katrina": Schneise der Zerstörung

Zeitweise haben US-Meteorologen Windgeschwindigkeiten von mehr als 250 Stundenkilometern gemessen - "Katrina" gehörte damit, wenn auch nur für kurze Zeit, zur Hurrikan-Kategorie 5. Nur dreimal haben US-Wetterforscher jemals derart starke Stürme über Land gemessen. Zwar haben die Behörden "Katrina" mittlerweile wieder auf Kategorie 4 zurückgestuft, doch sicherer fühlen dürfen sich die Bewohner von New Orleans deshalb nicht: Die drei Wirbelstürme mit den meisten Todesopfern in der Geschichte der USA zählten allesamt zur Kategorie 4.

Klimaforscher sehen sich durch "Katrina" bestätigt

Vielen Klimaforschern passt "Katrina" bestens ins Bild. Immer mehr von ihnen glauben, dass sich die Amerikaner wegen der globalen Erwärmung auf eine steigende Zahl katastrophaler Wirbelstürme gefasst machen müssen. Ihr Argument: Je wärmer Atmosphäre und Ozeane werden, desto mehr Wasserdampf gerät in die Luft. "Generell ist dadurch mehr Energie für Wirbelstürme da", bestätigt Ulrich Cubasch vom Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Zwar ist Cubasch vorsichtig, einen direkten Zusammenhang zwischen "Katrina" und der globalen Erwärmung herzustellen. Insgesamt aber ist schon heute eine Zunahme der Intensität von tropischen Wirbelstürmen zu beobachten. Der US-Forscher Kerry Emanuel vom Massachusetts Institute of Technology etwa hat solche Stürme über die vergangenen 30 Jahre analysiert. Windgeschwindigkeit und Sturmdauer seien im Schnitt um 20 Prozent gestiegen, schrieb Emanuel Anfang August im Fachblatt "Nature".

Intensität ausschlaggebend für Zerstörungen

Der Forscher betonte zugleich, dass nicht die viel zitierte Häufigkeit der Wirbelstürme, sondern ihre Intensität ausschlaggebend für ihre Zerstörungskraft sei. Und die ist gewaltig, angesichts der Energiemengen, die ein Hurrikan in sich birgt. Bis zu 500 Kilometer im Durchmesser können die Wirbelstürme erreichen und dabei rund 3,6 Millionen Tonnen Luft bewegen. Erst wenn sie sich über Land bewegen, geht ihnen die Puste aus, weil der Nachschub feuchtwarmer Luftmassen fehlt.

Städte wie New Orleans, die nahe der Küste liegen, können einen Hurrikan deshalb mit nahezu ungebremster Wucht abbekommen. Bei Stärke 2 (154 bis 177 Stundenkilometer) werden Dächer abgedeckt, Türen und Fenster beschädigt. Bei Stärke 3 (178 bis 209 Stundenkilometer) knicken bereits größere Bäume um, sicher sind Menschen nur noch in soliden Häusern. Bei Hurrikans der Stärke 4 und 5 (mehr als 250 Stundenkilometer) können selbst gemauerte Heime oft keinen Schutz mehr bieten, zugleich drohen schwere Flutschäden.

Solche Katastrophen werden die USA künftig immer öfter heimsuchen, warnt Klimaforscher Emanuel - weil die Erwärmung der Erde zumindest mittelfristig nicht mehr zu stoppen ist. Und so werde auch die Zerstörungskraft der Stürme weiter zunehmen.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.