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Hurrikan "Katrina": Rätsel um Kriegsdelphine

Von Silvia Liebermann

Im Golf von Mexiko sollen während des Hurrikans "Katrina" angeblich 36 Kampfdelphine entkommen sein. Ein Sprecher der US-Navy wies einen entsprechenden Zeitungsbericht zurück. Bestseller-Autor Frank Schätzing hatte ein ähnliches Szenario in seinem Öko-Thriller "Der Schwarm" beschrieben.

Die Kampf-Delphine würden nun frei im Golf von Mexiko herumschwimmen, warnte der Unfallexperte Leo Sheridan in der britischen Zeitung "Observer". Sheridan, der nach eigenen Angaben früher für die US-Regierung gearbeitet hat, beruft sich auf ihm zugespielte Geheimdienstinformationen.

Minensuch-Delphin Kahili: Das Gerät an seiner Flosse dient zum Aufspüren des Tiers, falls es sich verirrt
Space and Naval Warfare Systems Center San Diego

Minensuch-Delphin Kahili: Das Gerät an seiner Flosse dient zum Aufspüren des Tiers, falls es sich verirrt

Die Tiere seien darauf trainiert, auf Menschen in Tauchanzügen zu schießen, und könnten Freizeittaucher und Surfer für Spione halten. Die US-Navy weist die Behauptung zurück. "Wir haben keine Delphine in dieser Region", sagte Tom Lapuzza, Sprecher des Meeressäuger-Programms. Seinen Angaben zufolge trainiert die Kriegsmarine 75 Delphine und 30 Seelöwen, die sich alle im Hafen von San Diego befinden.

Der Bestseller-Autor Frank Schätzing kann sich jedoch gut vorstellen, dass im Golf von Mexiko Kampf-Delphine entkommen sein könnten: "Es ist durchaus möglich, dass der Hurrikan die Begrenzung eines von der Navy geheim gehaltenen Beckens zerstört hat", sagt Schätzing. Bei der Recherche für seinen Roman "Der Schwarm", in dem sich das Meer am Menschen rächt, hatte er auch mit ehemaligen Navy-Mitarbeitern gesprochen.

Das US-Militär führt seit 1960 Versuche mit dressierten Delphinen durch. Im Kalten Krieg gab es ein regelrechtes Meeressäuger-Wettrüsten zwischen Amerikanern und Sowjets. Vor allem wegen ihres hervorragenden Echo-Ortungssystems wurden die Tiere zur Minensuche und zum Aufspüren von Spionen und Angreifern eingesetzt.

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Meeressäuger: Im Dienst der US-Marine

Delphine senden Ultraschalltöne aus, die an einem Objekt oder Lebewesen abprallen und als Echo wieder zurückkommen. Dabei können sie sowohl die Lage als auch die Form des Objekts erkennen. Tierschützer protestieren immer wieder gegen die militärischen Einsätze.

Zum ersten Mal wurden Delphine im Vietnamkrieg eingesetzt. Nach Angaben der Navy patrouillierten sie vor der Cam Ranh Bucht und wehrten Anschläge ab. Doch seit langem kursieren Berichte darüber, dass die Tiere auch zu Killern abgerichtet wurden. Autor Schätzing will bei seinen Recherchen erfahren haben, dass solche Delphine in Vietnam zum Einsatz gekommen sind. "Sie waren mit subkutanen Spritzen ausgerüstet, die mit Kohlensäure gefüllt waren. Diese Injektionen sollten die Taucher zum Platzen bringen", berichtet Schätzing. Andere Delphine sollen feindlichen Tauchern Schläuche und Masken heruntergerissen haben. Angeblich wurden bei den Einsätzen 40 Vietcong-Taucher und zwei US-Taucher getötet.

Lapuzza weist diese Behauptung zurück: "Die Delphine werden nicht aufs Töten abgerichtet. Sie können nicht unterscheiden, ob ein Taucher in guter oder böser Absicht unterwegs ist. Ihre Aufgabe ist es, zu bewachen oder zum Beispiel Minen aufzuspüren", betont der Navy-Sprecher. Seit 2003 patrouillieren zum Beispiel Delphine in Bahrain, um amerikanische Kriegsschiffe zu beschützen. Wenn die Tiere einen Angreifer oder Spion entdecken, geben sie ihren Trainern ein Signal und markieren den Eindringling unbemerkt mit einem Stroboskoplicht.

In seinem Thriller schildert Schätzing ein geheimes Militärprogramm, bei dem Delphine mittels Elektroden im Gehirn ferngesteuert werden. Was für viele Leser wie Science Fiction klingt, sei im kalten Krieg längst Realität gewesen, behauptet der Autor: "Man hat die Schädeldecke von Delfinen geöffnet und Elektroden auf ihre Gehirne gesetzt, um die Tiere zu manipulieren."

Um ihre Körper waren demnach Sprengköpfe geschnallt, die man auslösen konnte, falls die Meeressäuger in falsche Hände geraten sollten. Schätzing erzählt von einem Fall in den neunziger Jahren. Damals wurden angeblich Delphine angespült, die ein merkwürdiges rundes Loch im Kopf hatten, was auf eine Sprengung hindeuten soll.

Der Delphin-Experte Whitlow Au, der viele Jahre im Auftrag der Navy forschte, glaubt hingegen nicht an solche Versuche mit ferngesteuerten Meeressäugern. "Es wäre dumm, einem Delphin die Richtung vorgeben zu wollen. Schließlich weiß er selbst viel besser, wo er hinschwimmen soll", sagt der Wissenschaftler des Hawaii Institute of Marine Biology.

Laut Navy-Sprecher Lapuzza gibt es trainierte Killer-Delphine ausschließlich in Hollywood-Filmen. Schätzing betont dagegen, dass sein Thriller realistisch sei: "Der Schwarm ist zu 80 Prozent keine Science Fiction." Nur die Idee der "Yrr", der intelligenten Tiefsee-Wesen sei Phantasie. Vielleicht wird sein Buch ja bald in Hollywood verfilmt - spätestens dann wird es wieder reichlich Stoff für Spekulationen geben.

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