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Hurrikan-Saison im Ölpest-Golf: Amerika fürchtet die Doppel-Katastrophe

Von , New York

An der Südostküste der USA droht ein Sommer der Angst: Das Ölleck im Golf von Mexiko sprudelt wohl noch bis August, die Hurrikan-Saison dürfte dieses Mal besonders zerstörerisch werden. Der BP-Konzern und die Politik scheinen machtlos. Die US-Regierung macht sich auf das Allerschlimmste gefasst.

Anti-BP-Protest in New Orleans: "Wir bereiten uns auf das Allerschlimmste vor" Zur Großansicht
AP

Anti-BP-Protest in New Orleans: "Wir bereiten uns auf das Allerschlimmste vor"

Eigentlich sollte die Aktion "Top Kill" ein Ende des Ölflusses im Golf von Mexiko bringen, doch sie ist spektakulär gescheitert. Jetzt bleibt selbst den Verantwortlichen kaum mehr als Resignation. "Wir haben es nicht geschafft, die Bestie zu bezwingen", sagt BP-Geschäftsführer Bob Dudley. Und nun droht neue Gefahr: Schon am Dienstag beginnt im Golf von Mexiko die diesjährige Hurrikan-Saison. Es dürfte eine zerstörerische werden.

Mindestens 14 schwere Stürme, so glaubt die US-Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA, werden zwischen dem 1. Juni und dem 30. November den Golf und den Atlantik heimsuchen - darunter drei bis sieben mit Windstärken von mehr als 180 Stundenkilometern. Dank einer Kombination aus warmen Meerestemperaturen und der zyklischen El-Niño-Luftströmung stehe der geplagten Region am Golf ein "aktiver bis sehr aktiver" Sturmsommer bevor, warnen die NOAA-Experten.

Was geschieht, wenn einer dieser Hurrikane über und durch den Ölteppich im Golf rast und meterhohe Flutwellen auf die Küsten zutreibt, weiß niemand. "Dies wird Südlouisiana zerstören", befürchtet Billy Nungesser, der Präsident der Gemeinde Plaquemines südlich von New Orleans. Zu seinem Gemeindegebiet gehört auch das gefährdete Flussdelta des Mississippi. Nun eilt Nungesser verzweifelt von einem TV-Interview zum nächsten, um Hilfe zu erflehen. "Wir sterben einen langsamen Tod."

US-Präsident Barack Obamas Umweltbeauftragte Carol Browner, die am Sonntag die undankbare Aufgabe hatte, als Unglückbotin durch die TV-Talkshows zu tingeln, sekundiert: "Wir bereiten uns auf das Allerschlimmste vor." Das Öl werde wohl noch bis August in den Golf strömen - als gigantische Giftwolke, die sich von 1600 Metern Tiefe aus immer weiter ausbreitet und maritimes Leben gefährdet. "Dies ist wahrscheinlich die größte Umweltkatastrophe, mit der wir in diesem Land je konfrontiert waren", warnt Browner.

Den USA steht ein langer, qualvoller "Sommer des Öls und des Zorns" bevor, wie es die Nachrichtenagentur AP ausdrückt. Und die Schicksalsplage könnte sogar noch ganze Generationen strafen, befürchten einige: "Die Ölpest ist eine Prophezeiung", donnerte Theodore Turner, der Pastor der Mount Oliver Baptist Church in Boothville im Mississippi-Delta, dessen Gemeinde zu einem Drittel aus Fischern besteht, in seiner Sonntagspredigt.

Unterwasserroboter sollen Rohr absägen

Während die Betenden in den Kirchen entlang der Küsten von Louisiana, Mississippi, Alabama und Florida Gott um Hilfe anrufen, sind der Ölmulti BP und US-Präsident Obama mit ihrer irdischen Machtlosigkeit konfrontiert. Ein neuer, riskanter Ansatz soll nun das Öl auffangen - vom Verschließen des Bohrlochs ist schon gar keine Rede mehr.

Stattdessen soll jetzt das defekte Steigrohr von Unterwasserrobotern abgesägt werden. An dem Stumpf will BP anschließend eine Apparatur befestigen, die das sprudelnde Gemisch aus Öl und Gas in ein Rohr leiten soll, das zu einem Auffangtanker führt. Nach Angaben des Weißen Hauses soll das Projekt im Laufe der nächsten Tage beginnen.

Das Problem: Das Rohr abzusäbeln könnte die Menge des ausfließenden Öls vorübergehend um bis zu 20 Prozent erhöhen - zumindest während der vier bis sieben Tage, die es dauern dürfte, um den Trichter zum Absaugen anzubringen. "Dieser Ansatz ist nicht ohne Risiko", warnt Obama. Und BP-Mann Dudley gesteht: Es gebe "keine Garantie", dass das Verfahren funktionieren werde. Als einzige dauerhafte Lösung bleiben so nur die zwei Entlastungsbohrungen, die BP Anfang Mai begonnen hat. Diese brauchen mindestens zwei Monate bis zur Fertigstellung.

Die Amerikaner wollen bei solcherart Prognosen schon gar nicht mehr hinhören. BP, so sehen es viele, hat sich in der Krise als unzuverlässiger, verschleiernder und schönredender Hauptakteur erwiesen. So kamen auch am Wochenende wieder neue, haarsträubende Fahrlässigkeiten des Konzerns ans Licht: Interne BP-Akten, die der US-Kongress am Sonntagabend öffentlich machte, zeigen, dass die Firma schon früh von den Sicherheitsproblemen auf der Bohrplattform "Deepwater Horizon" wusste - und trotzdem nichts dagegen tat.

Berichte über unvorbereitete Bohrinsel-Crew

Die Mängel waren den Unterlagen zufolge schon Monate vor dem Unglück bekannt. Konkret ging es um die Ummantelung des Bohrrohrs und den blowout preventer (BOP) - also das Sicherheitsventil, das nicht funktionierte, als die "Horizon" explodierte. Der BP-Sicherheitsbeauftragte Douglas Scherle äußerte schon im März in einer Mail "schwere Bedenken" zum Zustand der Apparaturen.

Das "Wall Street Journal" enthüllte außerdem, dass die Crew der Bohrinsel bei der Explosion am 20. April "unvorbereitet" und "überwältigt" gewesen sei. "Die Vorgänge auf der Brücke werfen Fragen auf, ob der Kapitän der Plattform in der Lage war, mit so einem dramatischen Notfall klarzukommen", schrieb die Zeitung unter Berufung auf Augenzeugen. Der Kapitän Curt Kuchta war erst an jenem Tag von einem Heimaturlaub zurückgekehrt.

Unterdessen beklagen sich Journalisten in der Region, sie würden von den Behörden im Verbund mit BP daran gehindert, die betroffenen Küsten und Strände persönlich in Augenschein zu nehmen. Seit diese Vorwürfe unter anderem im Magazin "Newsweek" erschienen, hat der Krisenstab seine PR-Arbeit spürbar verstärkt. So wurden den Reportern am Wochenende mehrere Sichtungsflüge mit der Küstenwache zum Ölteppich angeboten.

Die heraufziehende Hurrikan-Saison könnte die Dramatik der Bilder bald noch verstärken. Wissenschaftler können derzeit nur raten, wie die Folgen des fatalen Doppelschlags aussehen würden. Wird ein Hurrikan ölige Sturmfluten über die Küsten hinweg bis ins Land tragen? Wird er das Öl verdünnen, so dass es nicht mehr gefährlich ist? Wird er die Kraft haben, Meeresströmungen zu ändern? All das sind Optionen, die die NOAA im neuen Merkblatt "Hurrikane und die Ölpest" erwägt.

Nur ein historisches Vorbild

Das Problem: Eine vergleichbare Situation gab es bisher nur einmal, nach der Explosion der Bohrplattform "Sedco 135F" 1979 im Golf von Mexiko - damals die größte Ölpest der Geschichte. Die Ursachen der nach dem Bohrfeld benannten "Ixtoc"-Katastrophe waren den jetzigen auffallend ähnlich: Die Insel gehörte Transocean, demselben Betreiberkonzern wie die "Horizon", der BOP versagte, und alle Versuche, das Leck zu stopfen, schlugen fehl.

Drei Monate später jagte der Hurrikan "Henry" durch den Golf. Er zerstörte eine Stahlglocke, die das Leck abdichten sollte. Der Sturm, der kein Land erreichte, trieb das Öl zum Glück teils von den Küsten weg. Trotzdem wurden von Mexiko bis nach Texas Strände verseucht und die Fischerei auf Jahre hin beeinträchtigt.

Wie stark die aktuelle Hurrikan-Saison werden kann, zeigte sich schon am Wochenende, noch vor ihrem offiziellen Beginn. Da tobten die ersten tropischen Stürme über Mittelamerika. Mindestens 83 Menschen kamen dabei um.

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Forum - Obama - gutes Ölkrisen-Management?
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1. Andere Optionen?
nurmeinsenf 26.05.2010
Geschludert worden ist vor allem in der Vergangenheit. Die Tiefseebohrungen hätte nur unter anderen Sicherheitsauflagen durchgeführt werden dürfen. Jetzt wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist guter Rat teuer. Offenbar hat niemand so richtig gute Antworten darauf, wie man das Leck verschließt. Woher soll Obama die nehmen? Mehr als alle Ansätze zum Abdichten mit den nötigen Ressourcen zu unterstützen und anschließende Schadensbegrenzung/-seitigung zu treiben, wird nicht möglich sein. Wirklich schön ist das alles nicht, vor allem in der Region - Amerika hat seinen Umwelt-GAU.
2. .
Haio Forler 26.05.2010
Zitat von sysopBarack Obama gerät in der US-Ölkatastrophe in Louisiana zunehmend unter Druck: Der US-Präsident wird heftig kritisiert, weil er sich in der Krise weiter auf BP verlässt. Hat Barack Obama das Krisenmanagement im Griff?
Was soll er machen? Tauchen und sich draufsetzen?
3.
Simpso, 26.05.2010
Zitat von Haio ForlerWas soll er machen? Tauchen und sich draufsetzen?
Ja, ne... wäre Bush das gewesen, wänrem it absoluter Sicherheit die Kommentare sehr viel bösartiger ausgefallen. Es ist aber aschon richtig, weder Bush noch Obama können zaubern.
4. ...
Epic Fail 26.05.2010
Zitat von nurmeinsenfGeschludert worden ist vor allem in der Vergangenheit. Die Tiefseebohrungen hätte nur unter anderen Sicherheitsauflagen durchgeführt werden dürfen. Jetzt wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist guter Rat teuer. Offenbar hat niemand so richtig gute Antworten darauf, wie man das Leck verschließt. Woher soll Obama die nehmen? Mehr als alle Ansätze zum Abdichten mit den nötigen Ressourcen zu unterstützen und anschließende Schadensbegrenzung/-seitigung zu treiben, wird nicht möglich sein. Wirklich schön ist das alles nicht, vor allem in der Region - Amerika hat seinen Umwelt-GAU.
Nicht? Der Iran hat angeboten das Leck zu schließen, die meinten das es eine Kleinigkeit wäre. Aber da gibts ja momentan Stress mit Atomverhandlungen und da kann man ja nicht so einfach die Hilfe annehmen. Und noch dazu schuldet man dann dem Iran noch etwas, das geht ja mal garnicht. Da wird lieber der Golf von Mexiko geopfert. ;)
5. Technik, Know-how, Manpower
Hilfskraft 26.05.2010
"Den staatlichen Krisenteams fehlt Technik, Know-how, Manpower" Wo ist der legendäre Patriotismus der Amis? Daß es an Technik und Know-how fehlt, leuchtet ein. Frage: Wie sieht es damit bei uns aus? Sind zwar "nur" 70 Meter, aber die müssen auch bewältigt werden, im Falle des Falles. Manpower fehlt? Ein 300Millionen-Volk und keine Manpower? Wenigstens die Küstenbewohner könnten Hand anlegen und Säuberungsaktionen organisieren. Auch wenn es nichts nützt, käme es besser in den Medien rüber. Mir scheint, daß das den meisten Amerikanern am Popöchen vorbei geht. Dann fahren sie eben woanders hin, zum Baden. H.
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