Forschungsbericht: Menschen unterschätzen Gefahr von Wirbelstürmen mit Frauennamen

Hurrikane Sandy (2012): "System der Namensgebung sollte überdacht werden" Zur Großansicht
REUTERS/ NOAA/ NHC

Hurrikane Sandy (2012): "System der Namensgebung sollte überdacht werden"

Ist es wichtig, ob ein Hurrikan "Cindy" oder "Alexander" heißt? Ja, sagen Forscher. Eine Studie ergab, dass Wirbelstürme mit weiblichen Namen als weniger bedrohlich wahrgenommen werden - mit tödlichen Folgen.

Champaign - Hurrikane mit einem weiblichen Namen fordern mehr Todesopfer als solche mit einem männlichen Namen. Vermutlich würden sie von der Bevölkerung als weniger bedrohlich wahrgenommen, schreiben Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences". Die Menschen seien dadurch weniger bereit, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen und zum Beispiel Evakuierungsempfehlungen zu folgen. Die Wissenschaftler raten, das System der Namensgebung zu überdenken.

Lange Zeit bekamen Hurrikane in den USA nur weibliche Namen. Meteorologen hielten das aufgrund der launischen Natur der Wirbelstürme für angemessen, berichten Kiju Jung von der Universität von Illinois in Urbana-Champaign, US-Staat Illinois, und seine Mitarbeiter. In den 1970er Jahren wurde diese Praxis geändert. Seitdem bekommen Hurrikane abwechselnd weibliche und männliche Namen von einer bereits vor der Hurrikan-Saison festgelegten Liste.

Nun haben die Wissenschaftler analysiert, ob es einen Zusammenhang zwischen Namensgebung und der Zahl der Todesfälle durch Hurrikane gibt. Sie werteten insgesamt 92 atlantische Hurrikane aus, die zwischen 1950 und 2012 in den USA auf Land getroffen waren. Zwei Stürme schlossen sie wegen ihrer besonderen Stärke aus: Hurrikan "Katrina" aus dem Jahr 2005 und "Audrey" aus dem Jahr 1957. Tatsächlich fanden die Forscher, dass schwere Hurrikane mit einem weiblichen Namen eine höhere Zahl von Todesopfern zur Folge haben als solche mit einem Männernamen.

In weiterführenden Experimenten befragten die Wissenschaftler Testpersonen, um mehr über die Gründe für diesen zunächst merkwürdig erscheinenden Zusammenhang herauszufinden. Die Befragten sollten zum Beispiel die Intensität oder Gefährlichkeit von fünf weiblichen und fünf männlichen Hurrikanen vorhersagen oder angeben, bei welchem Sturmszenario sie einer Evakuierungsempfehlung folgen würden.

Geschlechterrollen stets mitgedacht

Die Tendenz war in allen Experimenten gleich: Hurrikane mit einem Frauennamen wurden als weniger gefährlich angesehen und folglich waren die Testpersonen weniger bereit, sich selbst in Sicherheit zu bringen oder andere Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. "Alexander" wurde zum Beispiel als bedrohlicher empfunden als "Alexandra".

"Bei der Beurteilung der Sturmintensität scheinen die Leute ihre Vorstellungen davon zugrundezulegen, wie sich Männer und Frauen verhalten", erläutert Sharon Shavitt, eine der beteiligten Wissenschaftlerinnen. "Das führt dazu, dass weibliche Hurrikane, vor allem die mit sehr weiblichen Namen wie "Belle" oder "Cindy", sanfter und weniger heftig eingeschätzt werden." Die Stereotype, die dieser Einschätzung zugrunde liegen, seien subtil und nicht zwangsläufig feindselig gegenüber Frauen, erklärt die Wissenschaftlerin weiter.

Die Forscher fanden weiter heraus, dass die Einschätzung eines Sturms nicht mit den allgemeinen Ansichten eines Befragten über Geschlechterrollen in Verbindung stand. Auch solche Personen, die Stereotype grundsätzlich ablehnten, beurteilten Hurrikane mit Frauennamen als milder. Entscheidungsträger sollten daher darüber nachdenken, das System der Namensgebung zu ändern.

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nik/dpa

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nic 03.06.2014
Wie wär es denn wen man den Wirbelstürmen Bezeichnungen, Phantasienamen oder ähnliches geben würde?
2. Da frage...
Stefan_G 03.06.2014
... ich mich, ob das nicht mehr mit den Assoziationen zu Personen zu tun hat, die man zu bestimmten Namen hat (und weniger mit dem Geschlecht) "Alexander" (der Feldherr) ist bei mir als aggressiver besetzt als "Alexandra" (Mein Freund, der Baum, ist tot...). Bei "Belle" denke ich zuerst an das Flugzeug, das die Hiroshima-Bombe abwarf, dann erst an franz. "schön". Rein subjektiv würde ich einen Sturm "Hera" (Gattin des Zeus) gefährlicher einschätzen als einen namens "Johannes" oder "Leander"...
3.
Onzlow 03.06.2014
Na dann am Besten die Wirbelstürme nur noch Asmodeus, Beelzebub oder Shaitan nennen.
4. optional
togral 03.06.2014
@nic: Oder Namen berühmter Krieger aus dem Fantasie-Bereich wie Conan der Barbar ;) Tut mir leid aber das kann ich net ernst nehmen. Ein Wirbelsturm ist ein Wirbelsturm, egal ob er El Diabolo oder Prinzessin Sophie heißt.
5. Warum überhaupt einen Namen?
frantonis 03.06.2014
Ich erinnere mich gerne an die Zeit zurück, als in die Wetterkarte im ZDFnoch mit Kreide gezeichnet wurde. Da gab es noch nicht die Unart, die Stürme mit Namen zu bezeichnen.
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