Langzeittrend Hurrikane werden langsamer - und wohl gefährlicher

Eine neue Statistik zeigt: Hurrikane und Taifune werden immer langsamer. Warum ist das so? Forscher warnen vor den Folgen.

Hurrikan "Maria" 2017 südöstlich von Puerto Rico
DPA/ NOAA

Hurrikan "Maria" 2017 südöstlich von Puerto Rico

Von Christopher Schrader


Alberto ist schon mal vorgeprescht, Beryl, Chris, Debby und Ernesto warten noch auf ihren Einsatz. Die Namen der diesjährigen Tropenstürme und Hurrikane im Nordatlantik stehen seit Langem fest - die Liste wird im Rhythmus von sechs Jahren immer wieder hervorgeholt.

Der einzige Name, der darauf neu ist, lautet Sara. Er ersetzt "Sandy", weil jener Sturm im Jahr 2012 New York und New Jersey traf und große Schäden anrichtete: Kein Opfer von damals soll diesen Namen je wieder in einem Wetterbericht hören.

Dass Sara erwähnt wird, ist dieses Jahr jedoch wenig wahrscheinlich. Die Ausblicke vom National Weather Service der USA und der Pennsylvania State University sprechen für 2018 von einer durchschnittlichen Hurrikan-Saison mit höchstens 14 bis 16 Wirbelstürmen. Das Wasser am Äquator vor Westafrika ist etwas kühler als 2017, die Tiefdruckgebiete bekommen also voraussichtlich weniger Energie. Erfüllt sich die Vorhersage, dann würde die Namensliste nur bis Patty abgearbeitet.

"Niemals erlebte Stärke"

Trotz dieser mittelmäßigen Prognose warnen etliche Wissenschaftler vor generell immer gefährlicheren Wirbelstürmen. Neue Argumente liefert nun eine statistische Analyse Tausender tropischer Zyklone, die im Nordatlantik Hurrikane und im Nordwestpazifik Taifune genannt werden. Die Stürme bewegten sich immer langsamer, heißt es in einer "Nature"-Studie. Dies könne unter anderem mit heftigeren Überschwemmungen einhergehen.

Schon seit Jahrzehnten prognostizieren Forscher, dass Hurrikane und Taifune mit dem Klimawandel immer stärker und gefährlicher werden. So erklärten vor wenigen Tagen die amerikanischen Experten Michael Mann, Kerry Emanuel und James Kossin zusammen mit dem deutschen Forscher Stefan Rahmstorf auf dem gemeinsamen Blog realclimate.org: "Wegen der globalen Erwärmung erwarten wir nicht unbedingt mehr tropische Stürme, aber eine zunehmende Zahl in den Kategorien 4 und 5 und besonders Stürme von bisher niemals erlebter Stärke."

Die Vorhersage beruht auf reiner Physik: Wärmeres Wasser gibt Stürmen mehr Energie für heftige Winde, wärmere Luft kann mehr Wasser speichern und abregnen lassen. Bislang gibt es aber keinen klaren Beweis, dass der Klimawandel diesen Einfluss auf die Wirbelstürme ausübt. Es gibt sogar Statistiken, die einen Rückgang der Stürme belegen sollen. Als mögliche Ursache gelten sich verändernde Höhenwinde.

Mehr Regen

Besonders zerstörerisch werden die Zyklone, wenn sie die Luft rund um ihr Auge mit großem Tempo herumwirbeln, so eine hohe Stufe auf der Intensitätsskala erreichen und dann auf Land treffen. Das geschieht zunehmend in Gegenden, wo die Menschen weniger Erfahrung mit Hurrikanen oder ihren Verwandten haben, wo die Häuser und Abwassersysteme nicht darauf ausgelegt sind. Gefährlich ist dann nicht nur der Wind, sondern vor allem der Regen, den solches Extremwetter über einer Region ausschüttet. Dessen Menge kann nach neuesten Erkenntnissen auch dadurch zunehmen, dass der Sturm langsamer wird.

Tropische Zyklone werden nämlich durch zwei Geschwindigkeiten gekennzeichnet:

  • Die erste ist die Rotation der Luft, sie erreicht zwischen 119 und 345 Kilometer pro Stunde. Der untere Wert ist die Schwelle, von der an man von einem Hurrikan der Kategorie eins spricht, der obere der bisherige Rekord, aufgestellt 2015 vom Zyklon Patricia vor der Pazifikküste Mexikos. Je höher dieses Tempo, desto größer die Schäden durch die Winde.
  • Die zweite Geschwindigkeit beschreibt die Bewegung des ganzen Sturmsystems, sie erreicht zwischen 10 und 40 km/h. Je niedriger dieser Wert, desto länger regnet es aus dem Sturm heraus auf eine Stelle.

James Kossin von der US-Behörde für Ozeane und Atmosphäre (NOAA) hat nun diese Zuggeschwindigkeit für Tausende von tropischen Zyklonen zwischen 1949 und 2016 verglichen. Sie ist in dieser Zeit im globalen Mittel um etwa zehn Prozent zurückgegangen, berichtet er im Fachblatt "Nature".

Reservoirs laufen über

Besonders ausgeprägt ist dieser Rückgang, wo die Taifune in Asien auf Land treffen: Hier hat das mittlere Tempo um 30 Prozent abgenommen. Hurrikane, die in der Karibik, in Zentralamerika, Mexiko oder den USA Küstenregionen erreichen, bewegen sich um 20 Prozent langsamer, und bei Stürmen in Australien beträgt der Rückgang 19 Prozent.

"Diese Trends steigern mit ziemlicher Sicherheit bereits die lokalen Regenmengen und begünstigen die Überflutungen, die mit großer Lebensgefahr einhergehen", sagt Kossin. Hinzu kommt, dass die Wolken in erwärmter Luft sowieso mehr Wasser enthalten, das dann in Sturzbächen zu Boden fällt.

Dennoch formuliert der NOAA-Forscher seine Schlussfolgerung vorsichtig, weil es nicht genügend direkte Messungen der Niederschläge gibt, um seine begründete Vermutung zu belegen.

Wie die Faktoren jedoch zusammenwirken können, lässt sich am Hurrikan "Harvey" aus dem Jahr 2017 erkennen. Er bewegte sich nach seinem Landgang in Houston (Texas) fünf Tage lang fast gar nicht mehr, ließ so Seen und Reservoirs überlaufen und setzte viele Stadtviertel unter Wasser. Damals kamen 93 Menschen ums Leben , die meisten lebten in Gegenden, wo normalerweise nicht mit Hochwasser zu rechnen ist.

Stotternder Jetstream

Wie schnell sich ein tropischer Wirbelsturm bewegt, darüber entscheiden meist die vorherrschenden Winde in großer Höhe. Erst vor kurzem hatten zwei Forscher im Fachmagazin "Science" gezeigt, dass dieser Jetstream in jüngster Zeit zu Blockaden neigt, die an Verkehrsstaus erinnern. Eine solche Störung habe 2012 letztlich dazu geführt, den nordwärts ziehenden Hurrikan "Sandy" auf der Höhe von New York an die Küste zu treiben.

Der stockende Höhenwind führt generell - nicht nur bei Wirbelstürmen - dazu, dass Tiefdruckgebiete und andere Wetterphänomene nicht oder langsamer weiterziehen und sich die extremen Folgen an einem Ort oder in einer Region konzentrieren. Beispiele dafür gab es vor Kurzem auch in Deutschland, als sich Gewitter über Orten wie Herrstein in der Pfalz oder Wuppertal ausschütteten und lokale Überschwemmungen auslösten. Der mangelnde Antrieb des Jetstream ist vermutlich auch eine Folge des Klimawandels.

Seit einigen Jahren wissen die Wissenschaftler zudem, dass Zyklone ihre maximale Intensität immer weiter entfernt vom Äquator erreichen. Gut hundert Kilometer pro Jahrzehnt wandere der Punkt mit den heftigsten Winden im globalen Durchschnitt weiter in den Norden oder in den Süden, stellte 2014 ein Team um den NOAA-Wissenschaftler Kossin und Kerry Emanuel vom Massachusetts Institute of Technology fest.

Stärkere und nassere Tropenstürme?

Dass ein Hurrikan Manhattan oder gar Boston trifft und ein weiterer wie im vergangenen Jahr vor Portugal auftaucht (wo er allerdings diesmal abdrehte), wird damit immer wahrscheinlicher. Auf solche Stürme sind die Menschen dort mangels historischer Erfahrung kaum vorbereitet.

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Diese Verlagerung macht Kossin dafür verantwortlich, dass sich bei der Intensität der Stürme, also der Geschwindigkeit der herumgewirbelten Luft, bisher kein klarer Trend zeigt. Weder er noch seine Kollegen zweifeln jedoch daran, dass der Rekord von 345 Kilometer pro Stunde bald gebrochen wird.

An der Zahl der stärksten Stürme könne man den Trend schon erkennen: es gebe gegenüber 1980 doppelt so viele Zyklone mit Winden von mehr als 200 km/h und dreimal so viele, die 250 km/h übertreffen. "Die Gesamtschau der Beweise deutet darauf hin, dass sich die 30 Jahre alte Vorhersage von stärkeren und nasseren Tropenstürmen bewahrheitet. Es ist ein Risiko, das wir nicht mehr ignorieren können", schreibt das Forscher-Quartett im realclimate-Artikel.

Michael Mann von der Pennsylvania State University fordert zudem gegenüber "Inside Climate News", die bisherige fünfteilige Skala der Hurrikan-Kategorien um eine sechste Stufe zu erweitern, um Betroffene besser zu informieren und zu warnen.

Das wäre ein starkes Signal, ist aber in den USA angesichts der herrschenden Regierung kaum durchzusetzen. Ihre Vertreter erklären schließlich eine Diskussion über Waffengesetze nach Schießereien in Schulen genauso für unpassend wie eine Debatte über die Klimakrise nach Überschwemmungen. Mann aber ist sicher: "In mancherlei Hinsicht ist der gefährliche Klimawandel keine Entwicklung der fernen Zukunft mehr, die wir noch abwenden können. Er ist angekommen."

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Seite 1
willibaldus 06.06.2018
1.
Ist wie bei dem Frosch im Kessel unter dem ein Feuer angemacht wird. Die Temperatur steigt so langsam, dass er die Erwärmung nicht bemerkt, bis er gekocht ist.
Überfünfzig, 06.06.2018
2. Jetzt wo es in der frühjährlichen.....
....Hurrikansaison so ruhig war, muß jetzt ein neues Schreckensszenario ausgerufen werden, damit der Erregunspegel ja beständig hoch bleibt und die Klimaprognostiger und Absahner im Rahmen des EEG auch weiterhin im Geschäft bleiben können. Bleibt es bei uns im Norden noch zwei Wochen trocken, wird sich dann wieder ein kluger Kopf finden, der über unsere Mainstreammedien erklärt, wie das jetzt mit dem menschengemachten Klimawandel zusammenhängt. Zur Hölle mit ihnen! ich freuen mich wie Bolle das wir als Deutschlands Waschküche buchstäblich auf der Sonnenseite stehen und die langen lauen Abende mit Lebensgenuß geniessen können. Für schlechte Laune im großstädtischen Bionade-Kiez können ja dann die Blumenkinder der Grünen sorgen.
at.engel 06.06.2018
3.
"Forscher warnen vor den Folgen." Na ja, die Folgen kann man sich ja irgendwie vorstellen - interessanter wären da schon konkretere Ideen, Vorschläge..., denn ändern wird es sich dann ja mittelfristig nicht lassen. "Michael Mann von der Pennsylvania State University fordert zudem gegenüber "Inside Climate News", die bisherige fünfteilige Skala der Hurrikan-Kategorien um eine sechste Stufe zu erweitern" Und da fragt man sich dann, was gerade das bringen soll?!? Soll ich bei Stufe 3 schon mal lieber die Gartenparty abblasen...oder jetzt schon bei Stufe 2... oder sollen dann bei Sufe 6 ganze Metropolen präventiv evakuiert werden (Großraum Houston, 6.5 Millionen Menschen! New York stelle ich mir auch spannend vor...) Warnen kostet ja nicht viel... nur bringt es halt so auch nichts.
spon-facebook-1035483455 06.06.2018
4. Wetter und Klima
Es ist ein Unding, dass staendig Wetter und Klima durcheinander geworfen werden. Das Klima ist nicht dem Wetter uebergeordnet. Folglich kann ein Klimawandel auch keine Aenderungen von Wetterphaenomenen bewirken. Nach der Definition der World Meteorological Organization ist Klima als „Synthesis of weather conditions in a given area, characterized by long-term statistics (mean values, variances, probabilities of extreme values, etc.) of the meteorological elements in that area“ aufzufassen. Das bedeutet, dass alle wesentlichen Groessen wie Wind, Temperatur, Feuchte, Druck, solare und infrarote Strahlung, etc. zu beobachten und statistisch zu verarbeiten sind. In dem Sinne ist Klima ein mathematisches Konstrukt, was sich auf die Vergangenheit bezieht, waehrend das Wetter das Ergebnis der physikalischen Prozesse ist, die sowohl vom Ort als auch von der Zeit abhaengen. Da eine Klimaperiode mindestens 30 Jahre umfasst, damit eine Forderung der Statistik, naemlich die stochastische Verteilung der Daten, zumindest annaehernd erfuellt ist, sind also mindestens zwei sich nicht ueberlappende Klimaperioden (das erfordert Beobachtungsreihen von mindestens 60 Jahren) erforderlich, um einen Klimawandel diagnostizieren zu koennen. Da ein globales Wetter ueberhaupt nicht existiert, existiert auch kein globales Klima. Und das Wort Klima, was aus dem Griechischen stammt, bedeutet soviel wie Neigung, womit der Sonnenstand ueber dem Horizont gemeint ist. Die lokale Zenitdistanz der Sonne haengt vom Breitenkreis, der Deklination der Sonne und dem Stundenwinkel ab. Dass der Begriff "globales Klima" vollkommen unsinnig ist, belegt auch die Koeppen-Geiger-Klimaklassifikation. Nach dem Update von Peel et al. (2007), https://people.eng.unimelb.edu.au/mpeel/koppen.html, existieren 29 verschiedene Klimate auf der Erde, deren Verteilung man nur bewerten kann, wenn man mit der Dynamik und Energetik der Ozeane und der Atmosphaere sowie der Energetik der Landmassen vertraut ist. Die astronomischen Gegebenheiten und deren Aenderungen waehrend grosser Zeitspannen, gehen in die Betrachtungen zur Dynamik und Energetik ein. Da ein globales Klima ueberhaupt nicht existiert, spielt auch die global gemittelte oberflaechennahe Lufttemperatur ueberhaupt keine Rolle. Diese kann sich aendern, auch wenn die globale Energiebilanz sich nicht aendert. Deswegen sind die 2-Grad- und 1,5-Grad-Ziele, die in der Klimauebereinkunft von Paris aus dem Jahr 2015 verankert wurden, barer Unsinn. Energie, Entropie, Masse, etc. zaehlen im uebrigen zu den extensiven Groessen, die additiv sind und einer entsprechenden Haushaltsgleichung unterliegen (z.B. Erhaltung der Gesamtenergie, Erhaltung der Gesamtmasse), waehrend die Temperatur zu den intensiven Groessen zaehlt, fuer die beides nicht gilt. Das 2-Grad-Ziel stammt uebrigens von dem Yale-Volkswirtschaftler Bill Nordhaus, der es in seinem IIASA Working Paper "Can we control carbon dioxide?" aus dem Jahr 1975 formulierte.
Nia123 06.06.2018
5. Dieses Frühjahr?
Ja, die Hurricane-Saison beginnt im Juni, aber sie dauert bis Ende November. Also kann noch nicht viel passiert sein. Trotzdem wollen wir hoffen, dass Haiti und Puerto Rico dieses Jahr verschont bleiben. Dass man beide in einem Atemzug nennen muss, ist schon ein Armutszeugnis für die USA.
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