"Hyperdiseases" Wenn Krankheiten ganze Arten auslöschen

Jahrtausende waren sie ungestört - als die Menschen kamen, starben sie aus: Eingeschleppte Krankheitserreger rafften die Ratten der Weihnachtsinsel in Windeseile dahin. Neue Erkenntnisse zu der Epidemie könnten auch erklären, wie Mammuts verschwunden sind.

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Als die "S.S. Hindustan" im Jahr 1899 in den Gewässern des Indischen Ozeans kreuzte, war das Schicksal der braunen, pelzigen Tierchen besiegelt. Die nur auf der Weihnachtsinsel, einem kleinen Eiland zwischen Indonesien und Australien, lebenden Rattenarten Rattus nativitatis und Rattus macleari hatten nur noch wenige Jahre zu leben. Schuld daran waren fiese Eindringlinge an Bord des Schiffes: schwarze Ratten, die in ihrem Fell mit Krankheitserregern durchsetzte Flöhe auf die Insel brachten.

Traditionelle Rattenart der Weihnachtsinsel: "Es gab nichts anderes, das diesen Job so schnell erledigen konnte"
P. Wynne / patriciawynne.com

Traditionelle Rattenart der Weihnachtsinsel: "Es gab nichts anderes, das diesen Job so schnell erledigen konnte"

Reiche Lagerstätten von Phosphat und Guanodünger hatten die europäischen Seeleute auf die mittlerweile zu Australien gehörende Insel geführt. Ihre zunächst unerkannte Fracht entwickelte sich unterdessen zum hocheffektiven Killer: Der Parasit Trypanosoma lewisi führte bei den einheimischen Rattenarten zum Massensterben. Der Einzeller, der heutzutage häufig bei Laborratten nachgewiesen werden kann, wütete in ungeschützten Populationen: Im Gegensatz zu den eingeschleppten schwarzen Ratten hatten die einheimischen Arten keinerlei körpereigenen Schutz. Nach kurzer Zeit bemerkten die europäischen Siedler eine große Zahl von offensichtlich kranken Ratten im Todeskampf. Im Jahr 1908 kamen Biologen schließlich zu dem Schluss, dass die ursprünglichen Ratten der Weihnachtsinsel Geschichte waren.

Ein Forscherteam um Alex Greenwood von der Old Dominion University in Norfolk im US-Bundesstaat Virginia hat die Ursachen des Massensterbens nun näher untersucht. Vor allem wollten die Wissenschaftler nachweisen, dass die Ratten tatsächlich durch den Krankheitserreger und nicht etwa durch evolutionäre Konkurrenz verschwanden - oder sich vielleicht einfach mit den neu angekommenen Verwandten bis zur Unkenntlichkeit vermischt hatten.

Von Krankheitserregern ausgerottet

Um ihr Ziel zu erreichen, mussten die Forscher eine Suche in den Naturkundemuseen des Planeten starten. In drei britischen Häusern - in London, Cambridge und Oxford - wurden sie schließlich fündig: Hier gab es die einzigen jemals eingesammelten Exemplare der beide ausgestorbenen Rattenarten. Die Wissenschaftler konnten von insgesamt 21 Exemplaren DNA-Proben nehmen. Deren Analyse brachte klare Ergebnisse, wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "PLoS One" berichten.

Während keines der drei vor dem Eintreffen der schwarzen Ratten gefangenen und getöteten Tiere die genetische Signatur des Parasiten aufwies, fand sie sich immerhin in einem Drittel der Proben aus der Zeit nach der Ankunft der "S.S. Hindustan". Das legt nach Ansicht der Forscher eine hohe Infektionsrate nahe, die letzten Endes zu einer Ausrottung der Tiere führte. Genetische Hinweise auf eine Vermischung der Rattenarten fanden die Forscher nicht.

Es ist das erste Mal, dass Wissenschaftler einen bestimmten Krankheitserreger mit der Ausrottung einer Säugetierart in Verbindung bringen. Ende der Neunziger hatte der US-Forscher Ross MacPhee das Konzept der "Hyperdiseases" vorgeschlagen. Das sind Krankheiten, die den Bestand einer bestimmten Art so stark schwächen, dass sich die Population nicht mehr erholen kann und schnell ausstirbt. Bei Schneckenarten war dieses Phänomen bereits beobachtet worden. Auch beim Beutelteufel, einem in Tasmanien lebenden Säugetier, schrumpfen die Populationen derzeit in schnellem Tempo - eine ansteckende Krebsart soll daran Schuld sein.

Für MacPhee ist die neue Studie ein weiterer Beleg seiner These: "Innerhalb von neun Jahren nach dem ersten Kontakt wurde diese reichlich vorhandene einheimische Art komplett von einer eingeschleppten Krankheit ausgelöscht. Es gab nichts anderes, das diesen Job so schnell erledigen konnte."

Tuberkulose als Todesstoß

Dabei ist die Idee der "Hyperdiseases" alles andere als selbstverständlich - und nicht unumstritten. Nach klassischem Verständnis ist die Wirkung von Krankheitserregern auf eine Population begrenzt. Die Infektion schwächt sich irgendwann selbst ab, da es immer schwerer wird, noch gesunde Tiere zu finden. Außerdem steigt der Anteil der Resistenzen überdurchschnittlich stark an - ein komplettes Aussterben der Art dürfte so eigentlich verhindert werden. Die Krankheitserreger berauben sich außerdem nicht aller potentieller Opfer, können also auch weiter existieren.

Doch in manchen Fällen, so argumentieren MacPhee und andere Anhänger seiner Theorie, ist der Schock trotzdem zu groß; die Art verschwindet. Auch das Aussterben der Mammuts wird von einigen Wissenschaftlern so erklärt: Eine Tuberkuloseepidemie, und nicht etwa frühmenschliche Jäger, hätten den Tieren den endgültigen Todesstoß versetzt.



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