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Illegaler Kahlschlag: Kambodschas Führung des Holzklaus beschuldigt

Aus Singapur berichtet Jürgen Kremb

Die letzten Urwaldreserven Kambodschas - die britischen Umweltschützer von Global Witness sehen sie in den Händen einer kriminellen Elite aus Politik, Wirtschaft und Militär. Verdeckte Umweltdetektive sammelten Belege für deren Plünderungen. Die Spuren führen offenbar nach ganz oben.

Mehr als drei Jahre reisten Umweltdetektive der britischen Nicht-Regierungsorganisation "Global Witness" in geheimer Mission durch Kambodscha. Sie sprachen mit Waldbauern, Holzfällern und einheimischen Öko-Aktivisten. Ihre Sorge galt den letzten Urwaldreserven des Landes. Was sie dabei glauben, herausgefunden zu haben, wurde nun in einem 96-seitigen Bericht ( "Kambodschas Familienbaum") veröffentlicht.

Kahlschlag (in Kambodscha): Umweltschützer beschuldigen politische Führung des Landes
AP

Kahlschlag (in Kambodscha): Umweltschützer beschuldigen politische Führung des Landes

"Kambodscha wird mittlerweile von einer kleptomanischen Elite ausgeräubert. Sie stehlen öffentliche Mittel und plündern die Rohstoffe, besonders die Waldreserven", sagte Simon Taylor, einer der Direktoren der NGO, zu SPIEGEL ONLINE. Der Raubbau an den Waldreserven gehe nicht nur unter den Augen der Regierung vonstatten, sondern werde mit deren aktiver Mithilfe betrieben.

Der Vorwurf der Umweltschützer: An vorderster Front des Holzdiebstahls stehen Minister aus dem Kabinett von Premier Hun Sen, Mitglieder seiner Familie und sogar die Führung seiner 6000 Mann starken Privatarmee. Obwohl der Premier - offiziell - die Abholzung des Urwaldes in dem südostasiatischen Land schon vor fünf Jahren untersagt habe, ginge der Waldfrevel so weiter, als habe es das Verbot nie gegeben.

Detailliert prangert Global Witness die Machenschaften der Holzbarone der Seng Keang Company an, der führenden Holzfirma des Landes. Sie werde von Familienmitgliedern des Ministerpräsidenten und Verwandten seines Landwirtschaftsministers betrieben - einer der Direktoren sei Hun Sens Cousin Dy Chouch.

Beschuldigungen, Privatarmeen und wütende Beschimpfungen

Der Geschäftsmann, der bisweilen auch unter dem Namen Hun Chouch auftrifft, war schon in der Vergangenheit mit dunklen Geschäften in Verbindung gebracht worden, wenngleich ihm nie etwas nachgewiesen wurde. So hatten ihn kambodschanische Zeitungen zuvor bereits des Schmuggels verdächtigt. Einer seiner Geschäftspartner sei ferner ein Neffe von Hun Sen, der später des Drogenschmuggels verdächtigt wurde. Auch ein gesuchter Mörder gehöre zu den Geschäftspartnern aus dem Kreise der ersten Familie des Landes, wie die NGO aus Kreisen westlicher Sicherheitsdiensten und Uno-Menschenrechtsberichterstatter erfahren haben will.

Zahlreiche der Wälder werden so nach Angaben von Global Witness abgeholzt, um Ölplantagen Platz zu machen. Am Transport der eingeschlagenen Hölzer selbst soll Hun Sens Privatarmee und die ihr zugeordnete Eliteeinheit Brigade 70 der Streitkräfte trefflich mitverdienen.

Anfragen von SPIEGEL ONLINE, zu den bemerkenswerten Vorwürfen Stellung zu nehmen, beantwortete die kambodschanische Regierung bislang nicht. Nach Meldung der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) sagte Informationsminister - und in Personalunion Regierungssprecher - Khieu Kanharith aber, das Ziel des Berichts sei es, durch Kritik des Premierministers Unfrieden in dem Land zu stiften. Kanharith rief den Innenminister auf, die Studie zu beschlagnahmen und zu verbieten. Der Generaldirektor der Forstbehörden und Premiers-Berater Ty Sokun - ein Verwandter von ihm gehört zu den Direktoren der Firma Seng Keang -, bezeichnete die Umweltorganisation in einer Stellungnahme AP gegenüber "als geistesgestörte, unerfahrene Personen", die keine Ahnung von Waldwirtschaft hätten.

Schlechte Lage für Menschenrechte und Meinungsfreiheit

Während seiner 14-jährigen Amtszeit ist Kambodschas umstrittener Premier Hun Sen immer wieder zahlreicher schwerer Menschenrechtsverletzungen bezichtigt worden. Wohl nur dank massiver Proteste der EU-Botschafter in Phnom Penh, federführend war dabei der deutsche Botschafter Pius Fischer, konnte im vorletzten Jahr verhindert werden, dass Hun Sen die politische Opposition völlig mundtot machte. Immer wieder versucht der am längsten amtierende Regierungschef Südostasiens die einheimische Presse durch absurde Verleumdungsprozesse finanziell zu ruinieren.

Informationsminister Kanharith hatte nach AP-Angaben die Beschuldigungen von Global Witness nicht direkt zurückgewiesen - sondern sie lediglich als politisch motiviert bezeichnet.

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