Saurier-Filme Gagasaurus hollywoodis

"Jurassic World" kommt in die Kinos. Der vierte Teil von Steven Spielbergs "Jurassic Park"-Serie reiht sich ein in das seltsame Genre der Saurierfilme. Dort dominieren Horror und Trash. Eine Übersicht

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Am 11. Juni läuft weltweit "Jurassic World" an, der vierte Teil von Steven Spielbergs "Jurassic Park"-Serie. Der Film ist bereits vorab als Blockbuster gebucht - und verspricht, das Genre der Saurierfilme zu beleben. Doch das ist meistens reiner Horror.

"Sie haben einfach einen neuen Dinosaurier erschaffen?", fragt im Trailer zum neuesten Teil der Jurassic-Park-Serie der von Chris Pratt gespielte Ranger Owen Grady. Und fügt hinzu: "Keine gute Idee!"

Das kann man so sehen. Die Jurassic-Park-Filme gelten zwar als Meilensteine des Dino-Films, wurden aber auch immer wegen all der Hollywood-Freiheiten kritisiert, die sie sich nahmen. Andererseits ist die Filmreihe ja auch Popcorn-Kino und nicht Paläontologie.

Filmtrailer: "Jurassic World"

Im Vergleich damit, was das Kino normalerweise mit Sauriern anstellt, muss man auch zugeben: Es ist sogar allererste Klasse. Denn das Genre des Dino-Films zeichnet sich vor allem durch eines aus: Es ist echt schlecht.

Hunderte Filme, vier Drehbücher: Dinos im Kino
Typ 1: (Zeit)reise - Mensch trifft Dino
Es ist das klassische Sujet, einst eingeführt durch Literaten wie Jules Verne oder Edgar Rice Burroughs. Die Handlung: Eine Gruppe von Menschen gerät irgendwie in die Vergangenheit oder landet an einem isolierten Ort, an dem die Vergangenheit fortlebt.

Das gelingt ein paar der Menschen nicht, da sie (vorzugsweise von einem Tyrannosaurus rex) gefressen werden. Der Rest ist permanent auf der Flucht, die am Ende auch gelingt. Oft nehmen sie dabei noch irgendein dralles Steinzeitmädel mit, das sie auf dem Weg auflesen - denn von Devon bis Holozän ist ja alles irgendwie "Urzeit". Das beliebteste Ende solcher Geschichten ist die Zerstörung der Ur-Welt, vorzugsweise durch explodierende Vulkane.

Die letzte Inkarnation dieses Konzeptes: "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" von 2008, basierend auf dem Jules-Verne-Klassiker von 1864. Moderner, aber reichlich erfolglos umgesetzt wurde es auch in der TV-Serie "Terra Nova" von 2011.

Typ 2: (Zeit)reise umgekehrt - Dino trifft Mensch
Bei dieser Variante kommt es auf die Größe an, ihr Prototyp ist natürlich der auf einem Drehbuch von Edgar Wallace basierende "King Kong" von 1933. Der prügelt sich auf seiner Insel (siehe oben) mit T-Rex und XXL-Pteranodon, während sich Besucher aus der Zivilisation mit Urmenschen herumschlagen (siehe oben) und von Urzeit-Monstern gefressen werden (siehe oben). Die Überlebenden entführen den Riesenaffen nach New York, wo er dann weiter wüten darf.

Spielberg nutzte dieses Muster übrigens auch für den zweiten Teil der Jurassic-Park-Serie, nur stampft da ein T-Rex durch San Diego. Oder hatte er diese Idee eher bei Godzilla weggefunden, der ja auch schon seit 1954 regelmäßig Tokio besucht (bisher in 28 japanischen Filmen!), um es ein wenig flach zu treten?

Bei dieser Art des Urvieh-Films besteht übrigens die einzige Variante darin, wen Godzilla da beim Stampfen so trifft. 1962 war das King Kong - vielleicht, weil man noch ein altes Affenkostüm im Fundus fand? Egal: Es ist einer der "besten" Godzilla-Filme. Vor allem wegen der Szene, in der Hubschrauber den betäubten King Kong an ein paar Kinderballons hängend im Tiefschlaf über Tokio ziehen.

Die modernste Variante des "Urvieh besucht Menschenwelt"-Sujets ist natürlich die Jurassic-Park-Serie. Eine zumindest im Ansatz originelle Variante war die britische TV-Serie "Primeval". Auch die kam aber über 36 Folgen mit nur einem Drehbuch aus - was wechselte, waren die Tiere, die zu Besuch kamen.

Typ 3: Niedlichosaurus' Wanderungen
1914 erlebte erstmals ein Zeichentrick-Saurier einen Kino-Auftritt: "Gertie the Dinosaur" war ein äußerst liebenswert-putziger Sauropode, der sein Publikum mit seiner Schusseligkeit zum Lachen brachte. Ab da galten die Pflanzenfresser unter den "Urwelt-Echsen" im Kinderfilm als Sympathieträger.

Auch für den Kinder-Dinofilm, in dem keine Menschen auftauchen, gibt es ein Drehbuch - und zwar meist dasselbe: Eine Gemeinschaft von liebenswerten Sauriern wird durch Naturkatastrophen bedroht - wahlweise Vulkane, Asteroideneinschläge oder Dürren. Doch ein so putziges wie cleveres Saurierchen führt die vom Tode (und Raubsauriern!) bedrohten Dickhäuter nach allerlei lustigen und spannenden Abenteuern ins gelobte Land/Tal etc.. Rundherum geht die Welt unter, doch in diesem grünen Paradies leben unsere Freunde glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Der Trickfilmer Don Bluth machte aus dieser Idee "In einem Land vor unserer Zeit" (1988), in dem der klitzekleine Apatosaurus Littlefoot den Retter mimte. Und weil das billig zu produzieren und so profitträchtig war, folgten zwölf Fortsetzungen und eine 26-teilige TV-Serie. Disney erblödete sich 2000, exakt die gleiche Handlung noch einmal in "Dinosaurier" zu verfilmen - nur dass der Held nun ein Iguanodon war.

Absolut zuckersüß, inhaltlich aber immerhin näher am wissenschaftlichen Kenntnisstand bewegte sich der auf der BBC-Dokumentation "Walking with Dinosaurs" beruhende "Dinosaurier 3D" von 2013. Letztlich erzählt er aber - wie viele Dino-Kinderfilme - ebenfalls eine Reisegeschichte: Herden von Sauriern wandern von A (wo es nichts zu fressen gibt) nach B (wo es wahnsinnig viel zu fressen gibt), bedroht von Raubsauriern.

Typ 4: Gagasaurus absurdis - Hauptsache Roaaaaarhhhhh!
Die ehrlichste Art des Dinosaurierfilms nutzt diesen schlicht als Bestie, um ordentlich Action zu machen. Man kann darüber streiten, ob das letztlich nicht auch für die Typen 1 und 2 gilt. Aber es gibt da ein feines Unterscheidungsmerkmal: Gagasaurus-Filme kommen völlig ohne nachvollziehbare Handlung aus.

Die beschränkt sich auf wenige Elemente:
1. Dino taucht auf.
2. Dino frisst Menschen.
3. Menschen rennen rum, wehren sich.
4. Ein paar überleben, töten oder vertreiben Dino.

Die meisten Dinofilme folgen diesem Strickmuster, Varianten sind Riesenhai-Filme wie der unvergleichlich dämliche "Megalodon - Hai-Alarm auf Mallorca" (2003) oder der leider unvergessliche "Mega Shark vs. Crocosaurus" (2010).

Das Problem liegt auf der Hand: Wenn man Menschen mit Sauriern zusammenbringen will, dann gibt es nur wenige Möglichkeiten, das auch nur ansatzweise plausibel zu tun.

Das Gros der Saurierfilme verzichtet auf jede Wissenschaftlichkeit. Die Macher wissen, was ihr Publikum sehen will: schreiende Mädchen, kernige Kerls, schreckliche Monster und jede Menge Geballer.

Das neueste Machwerk dieser Art erschien (wohl kaum zufällig) exakt einen Monat vor dem Kinostart von "Jurassic World", am 19. Mai, allerdings bisher nur in den USA auf DVD und als Download: "Cowboys vs. Dinosaurs", ein erfrischend idiotisches Machwerk.

Die Handlung, wenn man das so nennen kann: Glücklicherweise mit Maschinengewehren bewaffnete Minenarbeiter durchstoßen versehentlich eine Felswand, hinter der unterirdisch alle möglichen Dinosaurier die letzten 70 Millionen Jahre überlebt haben. Kein Wunder, dass die nun Kohldampf haben, und zwar vor allem auf Cowboys und kreischende, knapp bekleidete Jungfrauen, von denen einige von den nicht gefressenen Cowboys gerettet werden können.

Man könnte dies knapp das TsH-Konzept nennen: Testosteron statt Hirn.

Die Tatsache, dass jedes Jahr mindestens fünf bis sechs dieser Dinger für den DVD-Markt produziert werden, dokumentiert die Nachfrage nach solchen Werken. "DinoCroc", "Pterodactyl - Urschrei der Gewalt" oder "Raptor Island" empfinden Fans als echtes Party-Material.

Das Gros der Dino-Filme ist Trash

Da reiht sich "Jurassic World" nahtlos ein. "Der Film ist hier in den USA extrem erfolgreich gestartet", sagte uns Regisseur Ari Novak. "Er wird, wenn alles gut geht, im weiteren Verlauf des Jahres auch in Deutschland veröffentlicht."

Stimmt, bestätigt Marco Möllers von Splendid Film in Köln, die mit "Jurassic City" noch einen weiteren aktuellen Dino-Film der "Mach schon mal das Bier auf!"-Gewichtsklasse im Vertrieb haben. Möglich geworden sind solche B-Produktionen durch die stark gefallenen Kosten für digitale Tricks. "Und solche Filme haben ja auch ihre Fans", meint Möller.

Stimmt, für TV-Sender wie Tele 5 ("Schlefaz"-Filmreihe) gehören sie sogar zu den attraktivsten Filmen überhaupt - sie mögen doof sein, sind aber spaßig und bezahlbar.

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Im Kielwasser: Trash und bunte Dino-Träume
Zwar ist auch der hochpreisige Dino-Film oft nicht viel intelligenter. Doch gelingt dem Zuschauer die Deaktivierung der höheren Hirnfunktionen, machen auch Trash-Dinos richtig Spaß. Und zum Glück gibt es auch löbliche Ausnahmen.

Perlen gibt es im Kinderfilm

Für Ende November hat Pixar "The Good Dinosaur" angekündigt, und da ist jede Menge Witz zu erwarten - dumm war noch kein Pixar-Trickfilm.

Die besten Dino-Filme sind so oder so Märchen. Bereits Ende letzten Jahres erschien mit "Im Land der Dinosaurier" ein australischer Dino-Kinderfilm, der Beachtung verdient. In Deutschland hat er es leider nie ins Kino geschafft, hier erscheint er am 26. Juni auf DVD - ebenfalls bei Splendid.

Der Film ist das ambitionierte Fiction-Erstlingswerk eines Dino-begeisterten Autorenfilmers, der preisgünstig auf Vanuatu und in Australien drehte - mit Laien- und Nachwuchsschauspielern, aber besten digitalen Tricks und einer altersgerechten Story.

Bemerkenswert ist nicht zuletzt, dass er dabei den wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten 20 Jahre viel näher kommt als jeder der hoch gelobten Jurassic-Park-Filme. Denn anders als Spielberg, der "Jurassic World" mit einem Budget von 150 Millionen Dollar produzierte, hat Regisseur und Autor Matt Drummond auch dokumentarische Ansprüche: Bisher war er vor allem als Doku-Filmer und Tricktechnik-Spezialist aktiv (unter anderem bei Discovery und History Channel).

Mit seinem Kino-Erstling hat er nun bewiesen, dass auch gefiederte, bunte Raubsaurier nicht weniger beängstigend sein können als ihre nackten Verwandten bei Spielberg. Der wehrte sich gegen so eine Berücksichtigung neuerer Forschungsergebnisse, weil das angeblich den Horror gemildert hätte - und die Tricks verteuert.

Drummond schuf einen wahrhaft beängstigenden Feder-T-Rex - und drehte "Im Land der Dinosaurier" mit einem Budget von nur sieben Millionen Dollar.



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