Imkern in der Stadt Honey, ich geh Honig machen!

Im Schnitt verputzt jeder Deutsche 1,4 Kilogramm Honig pro Jahr - und nur ein Fünftel davon stammt aus heimischer Produktion. Enthusiasten wollen das ändern. Sie siedeln Bienen auf Balkons und Dächern in Großstädten an. Metropolenbewohner stehen Schlange für einen Imkerkurs.

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Das kleine gallische Dorf, wenn man es mal so nennen will, liegt im Osten von Berlin. Ein verschworenes Grüppchen hat sich hier in einem ruhigen Wohnviertel im Stadtteil Kaulsdorf zusammengefunden. Es geht um den Kampf gegen einen vermeintlich übermächtigen Feind - ganz wie bei Asterix und seinen Kollegen. Die Gruppe zieht an diesem sonnigen Sonntagnachmittag allerdings nicht gegen Römerlegionen zu Felde, sondern gegen einen ganz und gar anderen Gegner.

Das Grüppchen kämpft gegen ganze Heerscharen von schlechten Nachrichten - über das globale Bienensterben, den altersbedingten Imkermangel in Deutschland und so weiter. Man kann es so interpretieren, dass sich die 13 wackeren Hauptstädter, die sich im Garten von Marc-Wilhelm Kohfink versammelt haben, tatsächlich gegen den Trend der schlechten Nachrichten stemmen wollen. Schließlich wollen sie allesamt Imker werden. Stadtimker, um genau zu sein.

Vielleicht interessieren sie sich aber aus ganz eigennützigen Gründen für die Bienenhaltung im Häuserdschungel der Metropole. Schließlich lockt die Aussicht auf den selbstproduzierten Honig. Und den isst der Deutsche gern - 1,4 Kilogramm pro Kopf und Jahr, wenn die Statistiken stimmen. Und nur ein Fünftel des in Deutschland verputzten Honigs stammt aus hiesiger Produktion. Diese Zahl sollte sich doch erhöhen lassen! Zumal die Stadt den Bienen überraschend gute Lebensbedingungen bietet, wie Imker Kohfink referiert.

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Urban Beekeeping: Neue Imker braucht das Land
Währenddessen wuseln Sammelbienen aus rund 60 Völkern durch seinen Garten. Die Imker-Interessenten lauschen in zartgelbe Schutzkleidung gehüllt. Gerade haben sie ansehen müssen, wie ein Gehilfe des Imkers nach einem Stich vom Rettungsdienst behandelt werden musste. Die Frauen und Männer sind für einen Wochenendkurs angemeldet, fünf Termine insgesamt. Den kleinen Schock zum Start müssen sie erst einmal verdauen. Außerdem prasselt eine Flut aus Fachbegriffen auf die Bienenhalter in spe nieder: Langstroth-Maß, Top Bar Hive, Waré-Imker, Beute, Magazin, Zander-Rahmen. Wie immer, wenn man sich Fachzirkeln zu ersten Mal nähert, ist erst einmal wenig zu verstehen.

Der Imker müht sich, den Einstieg nicht zu kompliziert zu gestalten. "Sie kriegen hier eine einfache Art und Weise beigebracht, Bienen zu halten", wirbt Kohfink mit hörbar süddeutschem Akzent. Er trägt als einziger keinen Imkerschleier. Im weißen Hemd mit eingesticktem Firmennamen berichtet er seinen Zuhörern, dass die Biene das drittwichtigste Nutztier der Welt ist - und rückt nebenbei ein paar urbane Mythen zurecht: Man lese manchmal, dass fünf Jahre nach dem Verschwinden der Bienen von der Welt auch der Mensch aussterben würde. "Das ist aber Unsinn, das ist Imkerpropaganda." Schließlich bestäuben auch andere wild lebende Insektenarten Pflanzen.

Kohfink macht dagegen eine andere Art von Propaganda. Er will seinen Schülern vermitteln, dass sie keine Angst vor den Tieren haben müssen. Dem Zwischenfall von gerade eben zum Trotz. Also lässt er seine Gäste die Holzrahmen in einem Bienenstock richtig herum sortieren - während ein ganzes Bienenvolk durch den Kasten wuselt. Die Königin aus dem vergangenen Jahr hat einen aufgemalten blauen Punkt. Dieses Jahr wird weiß die Farbe der Saison sein.

"Vielleicht ein, zwei Völker auf dem Dach"

Die Rauchschwaden eines kleinen Feuerchens, in einem Blechkännchen angefacht mit Eierpappe und Kleintierstreu, halten die Tiere im Zaum. "Wenn die Biene Rauch riecht, dann denkt sie, der Wald brennt", sagt Kohfink. So lässt sich für eine Weile in Ruhe arbeiten. Außerdem haben die Gäste ja noch ihren gelben Überwurf. "Mit dem Schutzanzug fühlt man sich ganz sicher", sagt Corinna Frick. Mit Mann - er ist ebenfalls beim Kurs dabei - und Kindern zieht die junge Frau bald in eine neue Wohnung mit großem Garten. Und dort will die Familie Bienen halten. "Meine Großmutter hat auch geimkert", sagt Frick.

Nebenan steht der Grundschullehrer Carl Hentzschel. Er hat die Imkerei bei seinem Vater in Thüringen beobachtet. Nun will auch er starten - "vielleicht mit ein, zwei Völkern auf dem Dach oder im Garten bei Freunden." Er habe jedenfalls keine Angst vor den Tieren, sagt Hentzschel. Seine Nachbarn habe er allerdings noch nicht informiert: "Das ist ein längerer Prozess."

Denn in der Tat, zumindest manche Großstadtbewohner reagieren hysterisch auf die brummenden Insekten: "Wenn sie neben jemandem wohnen, der Bienen und Wespen nicht unterscheiden kann, dann wird der immer Ärger machen", sagt der Imker Wolfgang Friedrichowitz. Er ist oberster Bienenfreund im Stadtteil Steglitz - und rühmt sich trotzdem hervorragender Beziehungen zu seinen Nachbarn. Offenbar sind die alle insektenkundlich bewandert. Bestenfalls nach der Lindenblüte, wenn die Bienen auf Futtersuche gingen, sei mal ein Tierchen aus dem Wohnzimmer zu wedeln, sagt Friedrichowitz. Na dann!

"Und wenn Sie die Bienen in der Stadt auf dem Dach halten, haben sie überhaupt keine Probleme", sagt Imker Friedrichowitz. Die summenden Arbeitstiere hoch über ihren Köpfen bekommen selbst ängstliche Hauptstädter überhaupt nicht mit.

Sein Steglitzer Verband - Altersdurchschnitt: exakt 49,5 Jahre - rühmt sich im Deutschlandvergleich einer besonders jungen Mitgliedschaft. Denn gerade junge Großstädter zieht es ans Bienenhaus. Imker Kohfink hat allein an diesem Sonntag schon zwei weitere Kurse gegeben. Und wer im kommenden Jahr erstmals dabei sein will, der sollte sich so langsam einschreiben. Friedrichowitz berichtet bei seinen Anfänger-Unterweisungen ebenfalls von vollen Teilnehmerlisten. Verwunderlich ist das, wo man doch so manchem Stadtbewohner kaum das Wissen zutraut, wo der Honig eigentlich herkommt - geschweige denn das Interesse, ihn selbst herzustellen.

Doch die Zahl der Stadtimker wächst beständig. Freunde der urbanen Biene gibt es nicht nur in der Hauptstadt (" Berlin summt"), sondern auch im Ruhrgebiet, Hamburg oder München. Spezielle Einsteigerprogramme wie die "Bienenkiste" des Imkers Erhard Maria Klein ("Wir erleben derzeit einen richtigen Boom") sollen den Aufwand für die Neugierigen überschaubar halten.

Gleichzeitig preisen etablierte Bienenfreunde die Stadt als geradezu idealen Ort für ihre fliegenden Schützlinge. Viel wärmer sei es hier im Winter, sagt zum Beispiel Imker Kohfink. Blühende Straßenbäume, Brachflächen und Parks böten außerdem ein breiteres Nahrungsangebot als landwirtschaftliche Monokulturen. Von großflächigem Insektizideinsatz auf den Feldern ganz zu schweigen.

Derzeit gibt es nach Angaben des Deutschen Imkerbundes etwa 87.000 Imker im gesamten Bundesgebiet. Sie halten etwa 750.000 Bienenvölker. In den vergangenen Jahren ging ihre Zahl immer mehr zurück. Doch dieser Trend scheint einstweilen gestoppt. Auch die Zahl der Imker geht nach den Statistiken des Verbandes wieder leicht nach oben. In den Stadtstaaten liegt das Wachstum überdurchschnittlich hoch.

Auch international boomt das urban beekeeping. In New York ist die Bienenhaltung in der Stadt seit dem vergangenen Frühjahr offiziell erlaubt. Auch in Paris gibt es Großstadtimker. Und in der kanadischen Metropole Toronto versorgt sogar das Luxushotel "Royal York" seine Gäste mit Süßigkeiten aus eigener Produktion - dank sechs Bienenvölkern auf dem Dach im 14. Stock. Auch auf dem Berliner Abgeordnetenhaus summt es seit dieser Woche - 40.000 Bienen sei dank. Angepeilte Honigleistung der Pollensammler mit Parlamentarierauftrag: 40 Kilogramm pro Jahr.

Zum ersten Tag des Imker-Kurses in der Hauptstadt gehört freilich auch, dass die Teilnehmer die vielfältigen Feinde der Bienenzucht kennenlernen. Aus einer grünen Styroporkiste holt Imker Kohfink schwere Waben mit allen möglichen Schadensbildern. Er zeigt verhungerte Bienen, die im Winter den eigenen Honig nicht mehr finden konnten, von der Durchfallerkrankung Nosemose versehrte Bienenbehausungen - und solche, in denen die gefährliche Varroamilbe gewütet hat.

Dieses Jahr habe er zwölf Prozent seiner Völker verloren, im Jahr davor seien es 30 Prozent gewesen, sagt Kohfink. Ist es das also, das berühmte Bienensterben, vor dem sich die Welt fürchtet? Nein, sagt der Imker. Das sei beklagenswert, aber normal. "Die Biene gibt es schon so lange", sagt Kohfink fast beschwörend. "Die hält auch noch ein Weilchen durch." Die angehenden Großstadtimker wird's freuen.



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blue_plasma, 06.05.2011
1. Einfacher geht's nicht!
Alles was man wissen muss: www.bienenkiste.de
3-plus-1 06.05.2011
2. Kuchengabel
Na dann muss man jetzt auch auf dem Stadtbalkon fünfmal hinschauen ehe man sich einen Happen in den Mund steckt. Nun gut, ich werde auch die Bienen dann mit der extra dafür bereitgelegten Zweit-Kuchengabel zerquetschen - allerdings nicht mit so viel Freude und Genugtuung wie bei den Wespen!
busoph 06.05.2011
3. Ein Stich extra
Zitat von 3-plus-1Na dann muss man jetzt auch auf dem Stadtbalkon fünfmal hinschauen ehe man sich einen Happen in den Mund steckt. Nun gut, ich werde auch die Bienen dann mit der extra dafür bereitgelegten Zweit-Kuchengabel zerquetschen - allerdings nicht mit so viel Freude und Genugtuung wie bei den Wespen!
[QUOTE=3-plus-1;7782141]Na dann muss man jetzt auch auf dem Stadtbalkon fünfmal hinschauen ehe man sich einen Happen in den Mund steckt. Mich hat vorgestern eine Biene neben das Auge gestochen. Ich sehe aus, unbeschreiblich. Honig esse ich jedes Jahr sicher mehr als 5 Kilo. Doch meine direkten Nachbarn haben jetzt insgesamt über 20 Bienenvölker. Da muss ich bei der Gartenarbeit jeden Monat mit einem Stich rechnen. Meistens, wenn die Honigräuber da waren und den Bienen dafür Zucker in den Kasten stecken. Dann heißt es: Nichts wie weg!
hoffnungsvoll 06.05.2011
4. Bestäubung
Zitat von 3-plus-1Na dann muss man jetzt auch auf dem Stadtbalkon fünfmal hinschauen ehe man sich einen Happen in den Mund steckt. Nun gut, ich werde auch die Bienen dann mit der extra dafür bereitgelegten Zweit-Kuchengabel zerquetschen - allerdings nicht mit so viel Freude und Genugtuung wie bei den Wespen!
Bienen sind friedlich und harmlos, solange Sie keine Allergie gegen das Gift haben. Seien Sie dankbar über jede Biene, denn viele Blumen und Bäumen werden erst durch die Bestäubung durch Bienen zu dem bunten Kunstwerk, welches wir lieben.
c.PAF 06.05.2011
5. Auf Thema antworten
Zitat von 3-plus-1Na dann muss man jetzt auch auf dem Stadtbalkon fünfmal hinschauen ehe man sich einen Happen in den Mund steckt. Nun gut, ich werde auch die Bienen dann mit der extra dafür bereitgelegten Zweit-Kuchengabel zerquetschen - allerdings nicht mit so viel Freude und Genugtuung wie bei den Wespen!
Aha, auch jemand, der Bienen und Wespen nicht voneinander unterscheiden kann (selig die im Geiste ...) und pauschal hysterisch wird. Na dann mal viel Spaß beim Bienen zerquetschen, wenn den überhaupt eine auftauchen sollte. Ich wohne auf dem Land, im weiteren Umkreis gibt es zahlreiche Bienenstöcke. Aber in 10 Jahren hatte ich ausschließlich Wespen auf dem Teller. Logisch, das Zeug auf dem Teller interessiert Bienen nämlich garnicht.
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