Knochensplitter

Dinos im Comic Roooooaaaaahhhhrrrrr!

Dinosaurier in Comics: Die mächtigsten aller Nebendarsteller Fotos
Liquid Comics

Dinosaurier sind Teil der Popkultur, natürlich auch im Comic. Meist in ihrer Paraderolle als ultimative Bedrohung, immer öfter aber auch als die eigentlichen Helden. Im Extremfall schaffen sie den Sprung in die Neuzeit - als intelligente Partner des Menschen.

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Grant Morrison gilt als einer der Großen seiner Zunft. Der schottische Comic-Autor ist für sein Faible für das leicht Surreale bekannt. Bei einem seiner aktuell entstehenden Projekte kann er sich da austoben wie selten zuvor: "Dinosaurs vs. Aliens" klingt zwar nach Trash und B-Movie, sein Partner dabei ist jedoch Erfolgsregisseur Barry Sonnenfeld ("Men in Black").

Hinter dem schrillen Titel verbirgt sich ein Medienprojekt, das so konsequent wie kaum eines zuvor auf Multimedialität angelegt ist. Die Geschichte geht so: Am Ende der Kreidezeit schaffen es Aliens quasi mit dem letzten Tropfen Sprit bis zur Erde. Für sie gibt es kein Zurück, sie müssen sich niederlassen. Das Problem daran: Die Erde ist besetzt, und zwar von Dinosauriern.

Die Aliens halten diese für dümmliche Tiere und benehmen sich entsprechend, was natürlich ein Fehler ist. Denn die Dinos - in dieser Version der Erd-Urgeschichte semi-intelligente Wesen, die als eine Art Kreidezeit-Indianer gern Federschmuck und rudimentäre Kleidung tragen - beginnen sich zu wehren.

Morrison verarbeitet diese Idee gerade Stück für Stück zu einem Comic, einer Web-Trickfilmserie sowie zu einem Filmdrehbuch, aus dem Regisseur Sonnenfeld dann einen Blockbuster machen will. Ein Spiel könnte folgen. Klingt so ambitioniert wie riskant - und wenn es scheitert, dann an den Hauptdarstellern. Denn Dinos sind zwar Stars, aber nur bedingt heldentauglich. Nichts zeigt das so deutlich wie ein Blick auf ihre Karriere im Comic.

Webisode 1: Dinosaurs vs Aliens
Comics sind wie gedruckter Film: Sie nehmen eine Zwischenstellung zwischen Literatur und Kino ein, gehen in ihren Möglichkeiten aber oft über die der genannten Medien hinaus.

Comics: Die Alles-ist-möglich-Zone

Im Comic lassen sich Dinge ganz unmittelbar zeigen, die im Buch aufwendig geschildert und erklärt werden müssten. Und losgelöst von Kleinigkeiten wie Naturgesetzen zeigt der Comic einfach, was der Film nur mit Tricktechnik hinbekommt - und dann oft weniger plausibel wirkt als in der Zeichnung. Deshalb funktionieren im Comic oft Dinge, die weder im Roman noch im Film möglich sind.

Außer, es geht um Dinosaurier: Sie sind Hauptdarsteller mit Tücken. Zum einen beschränken sich ihre verbalen Beiträge meist auf "Roooooaaaaahhhhrrrrr!", was selbst dann eher wenig ist, wenn man die Handlung weitgehend durch Action ersetzt.

Lässt man die Dinos unter sich, kommt zwangsläufig das Comic-Äquivalent zu einem Stummfilm heraus. Ricardo Delgado hat das mit seiner Serie "Age of Reptiles" mit Bravour gewagt: Zwischen 1993 und 2011 veröffentlichte er drei große wortlose Bilderzählungen aus dem Alltag der Saurier - Dramatisierungen des Überlebenskampfes, von Fortpflanzung, Migration und Jagd.

Miese Haupt-, gute Nebendarsteller

Wiederholen lässt sich das kaum. Der Normalfall im Dinosaurier-Comic ist, dass man ihn nicht allein lässt. In der Regel ist er eher ein Nebendarsteller - und meist wird er in der Rolle des Bösen besetzt. Insbesondere Raubsaurier spielten schon in den frühen Science-Fiction-Romanen wie Jules Vernes "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" (1864) oder Arthur Conan Doyles "Die vergessene Welt" (1912) die Rolle der ultimativen Bedrohung - und zwar für den Menschen.

Dieses Muster zog sich auch durch die frühen Dinosaurier-Comics. Im italienisch-deutschen Tarzan-Abklatsch "Akim" (1950, in Deutschland ab 1953) hatten Dinosaurier - wie in vielen anderen Comics der Zeit - regelmäßig Gastauftritte. Sein nur noch teutonischeres Pendant "Tibor", 1959 wegen Querelen um die "Akim"-Lizenz geboren, ritt gern auf dem Pteranodon. Wie sein Cousin Nick, der Raumfahrer (1958), verbrachte er einen erheblichen Teil seiner Zeit auf der Flucht vor Tyrannosauriern.

Viel mehr als das fiel bis in die siebziger Jahre kaum jemandem ein. Peter Wiechmann ließ ab 1973 seinen halbnackten, Schwert schwingenden Hünen "Andrax" durch die Kauka-Comics stiefeln und Saurier erlegen. Mike Grell schuf dann 1976 mit "Warlord" den wohl erfolgreichsten Helden dieses Typus: Sein Heros Travis Morgan stürzt ab und findet sich im Hohlraum der Erde in einer Welt, in der die Zeit quasi angehalten wurde (Verne und Doyle lassen grüßen).

Raubsaurierangriffe sorgen neben notdürftig bekleideten Amazonen, diversen Barbaren und Mensch-Tier-Chimären (à la H.G. Wells "Insel des Doktor Moreau" von 1896) für den nötigen Kick in der Handlung. Das schlichte, aus literarischen Versatzstücken zusammengeklaubte Strickmuster reichte, die Serie bis 1989 am Leben zu erhalten. Heute gelten derart simple Comics als Kult.

Alter Kult, neues Erwachsenwerden

Denn seit Ende der Achtziger haben sich Comics klassischer Machart zunehmend zu einem Erwachsenenmedium gemausert. Beides - den Kultcharakter "alter" Comics und einen erwachsenen Ansatz - versuchte 2005 Jim Ottaviani mit seinem "Bone Sharps, Cowboys, and Thunder Lizards" zusammenzubringen.

Er erzählt darin historisch weitgehend korrekt die Geschichte des "Bone War" zwischen den frühen Paläontologen Edward Drinker Cope und Othniel Charles Marsh: Die Graphic Novel ist eine Art Bildungs-Comic, in der Saurier fast ausschließlich als Fossil auftreten. Außer, sie werden von Charles R. Knight malerisch zum Leben erweckt - die Geschichte ist auch eine Hommage an diesen ersten Paläo-Künstler, der maßgeblich dazu beitrug, Dinosaurier populär zu machen.

Echten Heldenstatus erreichen Dinosaurier schließlich in Comics wie Robert Kirkmans und Jason Howards Manga-hafter Phantasie "Super Dinosaur" (2011). Auch hier haben Saurier die Jahrmillionen im Inneren der Erde überlebt, wo sie vom genialen Wissenschaftler Doctor Dynamo gefunden werden. Er verändert einige davon genetisch und schafft so intelligente, sprachbegabte Dinosaurier.

Die Helden der krawallig-schrillen Serie sind Dynamos zehnjähriger Sohn Derek und sein drei Meter großer Kumpel Super Dinosaur, ein Tyrannosaurus mit einem Faible für Videospiele. Zusammen retten sie in schnell getakteten Kampfszenen ein ums andere Mal die Welt. Um richtig Spaß an den Comics zu haben, hilft es, 10 bis 14 Jahre jung zu sein.

Und Morrison und Sonnenfeld und ihr "erwachseneres" Konzept? Auch bei ihnen sind die Dinos die eigentlichen Helden. Nur zeigt der Comic mit beispielloser Deutlichkeit, dass das nicht wirklich funktioniert, wenn man das mächtige Tier nicht wie bei "Super Dinosaur" zur Karikatur macht. Weil Dinosaurier eben nicht sprechen und erzählen, überlässt Morrison das einem der Aliens: Er kommentiert als wissender Erzähler in einer Rückschau auf noch nicht auserzählte Ereignisse jedes Bild.

Um trotzdem Spannung aufzubauen, hat Morrison seinen Alien-Erzähler eine Extraportion Pathos frühstücken lassen. Da dräut das Unheil, vom ersten Bild an wissen wir, dass all das nicht gut enden wird.

Falls es überhaupt je endet, denn der Erfolg von Comic wie Web-Trickfilmreihe ist bisher reichlich durchwachsen: Dinosaurier, zeigt sich einmal mehr, sind ganz tolle Nebendarsteller. Als Helden taugen sie dagegen nur, wenn man sie als Tiere ernst nimmt - oder als tollpatschige Titanen in Kinder-Comics.

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4 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
roy_batty 05.07.2013
trebis 05.07.2013
klauswerner2 05.07.2013
lizard_of_oz 05.07.2013
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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wach hält.
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