Kampf gegen Klimawandel Wie ein Inder Bauern mit Solarstrom versorgt

Der Unternehmer Rustam Sengupta bringt Licht in ländliche Gegenden: Sein Solarstromprojekt in Indien zeigt, dass sich der Kampf gegen billigen, klimaschädlichen Kohlestrom rechnen kann.

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

SPIEGEL ONLINE

Schuld an allem ist eine Exkursion, auf die ihn seine elitäre Business School schickte: Rustam Sengupta, damals Mitte zwanzig, sollte 2007 mit seinen Kommilitonen drei Wochen durch das ländliche Indien reisen. "Wir sollten die Dörfler beraten, wie sie ihr Leben besser gestalten könnten", sagt Sengupta: "Das war natürlich Quatsch. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, was die Leute brauchten oder wollten."

Soziales Unternehmertum schien Sengupta nach den Erfahrungen der Studienfahrt keine sonderlich verlockende Aufgabe. Und so blieb es für den Inder erst mal bei Plan A: Hart arbeiten, viel Geld verdienen, die Eltern stolz machen. Nach seinem MBA an der französischen Eliteschmiede Insead heuerte Sengupta mit 26 Jahren in Singapur bei der Standard Chartered Bank an, verdiente selbst als Anfänger über 10.000 Euro im Monat. Heute wäre er wohl einer jener hochbezahlten, aus Indien stammenden Manager, die die Chefetagen internationaler Konzerne bevölkern. So wie sein Bruder Caesar, der als Vizepräsident bei Google tätig ist.

Doch irgendetwas war hängen geblieben von Senguptas Besuch in Indiens ärmsten Hütten: Die kohlschwarzen Nächte in den Dörfern, die noch nicht ans Stromnetz angeschlossen sind, gingen Sengupta nicht aus dem Sinn. Die Erinnerung an die brutale Hitze, die weder von einem Ventilator geschweige denn von eine Klimaanlage gelindert wurde, verfolgte ihn. "Ich fühlte mich schuldig", sagt der heute 35-Jährige.

Kommentar Uno-Klimakonferenz
Und so schmiss er 2010 alles hin und gründete die Firma Boond, benannt nach dem einzelnen Tropfen, der zusammen mit vielen anderen einen Fluss bildet, der Berge versetzen kann. Senguptas Ziel: Licht ins Dunkel des ländlichen Indiens zu bringen. Etwa 400 Millionen Inder leben in Haushalten, die nicht ans Stromnetz angeschlossen sind. "Diese Leute wollen Strom. Also wird der Staat sie irgendwann anschließen. Doch dann werden sie Kohlestrom konsumieren - furchtbar", sagt Sengupta.

Der Unternehmer will beim Stromanschluss schneller sein als der Staat. Vor allem aber will er seinen Kunden saubereren Saft verkaufen. Boonds Geschäft bestand anfangs darin, selbst entwickelte Solarlampen an Dörfler zu verkaufen. Heute bietet die Firma Lösungen zur Solar-Elektrifizierung von ganzen Ortschaften. Dazu installiert sie sogenannte Mikronetze, die Solarstrom an die einzelnen Haushalte liefern. Batterien sorgen dafür, dass er auch nachts fließt.

Wer Sengupta in seinem Büro an der Stadtautobahn von Neu-Delhi besucht, versteht sofort, warum er den Anteil von fossilen Brennstoffen zurückdrängen will. Über der Autobahn steht so dichter Smog, dass die gegenüberliegende Fahrbahn hinter einem Schleier liegt. Indiens Städter atmen eine Mischung aus Abgasen von Autos, Kohlekraftwerken und Industrie ein.

Indien gewinnt seine Energie zu über 80 Prozent durch die Verfeuerung von Kohle - die schmutzigste Art der Stromherstellung. Indien hat heute schon den drittgrößten CO2-Ausstoß weltweit - obwohl in weiten Teilen des Landes noch gelebt wird wie im Mittelalter.

Selbstversuch zum CO2-Sparen
Sengupta hat inzwischen 25.000 Familien in Indien mit Solarstrom versorgt. Er beschäftigt über 50 Angestellte, nächstes Jahr werden es wohl hundert sein. Sich selbst zahlt der Jungunternehmer nur 1000 Euro Gehalt im Monat. "Wir machen das hier nicht, um reich zu werden", sagt er.

Boonds Erfolg basiert darauf, in ganz kleinen Kategorien zu denken. In Zusammenarbeit mit indischen Banken bietet die Firma deshalb Kleinstkredite an: Wer seinen Hof mit vier Glühbirnen und einem Ventilator in die Moderne katapultieren will, kann mitHilfe von Boond einen Kredit von 200 Euro aufnehmen, und den dann in Raten zu drei, vier Euro abzahlen. Landarbeiter ohne geregeltes Einkommen gibt Boond die Möglichkeit, mit einer Prepaid-Karte Strom zu kaufen. "Die gehen mit einer Art Scheckkarte zum Dorfkrämer, laden da 10 oder 20 Cent für ein paar Tage Strom drauf und stecken die Karte zu Hause in den Stromzähler."

Dass Boonds Konzept das Potenzial hat, Indiens Fortschritt zu fördern, ohne das Weltklima zu gefährden, hat sich inzwischen herumgesprochen. Bei der Reise des Premierministers Narendra Modis in die USA kürzlich war Sengupta Teil der Delegation. Er hofft auf noch mehr finanzkräftige Investoren, die der Welt einen Dienst erweisen wollen, indem sie Solarstrom zu armen Indern bringen. "Dass sich die Menschen im Westen nicht groß um den armen Bauern im letzten Winkel Indiens scheren, ist normal. Aber sie interessieren sich für das Weltklima. Das ist sexy, relevant und dringend."

Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

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Ergänzung: Nicht nur 200 Millionen, sondern sogar 400 Millionen Inder leben in Haushalten, die nicht ans Stromnetz angeschlossen sind. Wir haben die Zahl korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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